Ungarn laufen die Ärzte davon

Niedrige Löhne und Spitalsschließungen treiben Ungarns Mediziner ins Ausland. Rund 2530 ungarische Ärzte haben seit dem Beitritt Ungarns zur EU – und dem gemeinsamen europäischen Arbeitsmarkt – im Mai 2004 das Weite gesucht.

(c) BilderBox (Erwin Wodicka)

Budapest. Ungarns Ärzte verlassen das Land. Um sie in ihrer Heimat zu behalten, will die Regierung drastische Schritte setzen. So sollen Abgänger der Medizinischen Universitäten in Ungarn dazu verpflichtet werden, nach ihrer praktischen Ausbildung, die fünf Jahre dauert und mit der Approbation endet, weitere vier Jahre im Land zu bleiben. Damit will sie verhindern, dass junge Fachärzte massenweise ins Ausland abwandern.

Rund 2530 ungarische Ärzte haben seit dem Beitritt Ungarns zur EU – und dem gemeinsamen europäischen Arbeitsmarkt – im Mai 2004 das Weite gesucht. Während sich ein Teil dieser Ärzte im Ausland niedergelassen hat, gibt es viele, die zwischen Ungarn und ihrem Zielland hin- und herpendeln. Die meisten der abgewanderten Mediziner sind Zahnärzte, aber auch viele Hausärzte, Anästhesiologen, Radiologen und Pathologen verlassen das Land.

Aber was treibt die ungarischen Mediziner über die Grenzen? Der Präsident der Ungarischen Ärztekammer, István Éger, sieht drei grundsätzliche Probleme. Erstens: Der rechtliche Rahmen, in dem sich die Ärzte in Ungarn bewegen, sei undurchschaubar. Zweitens: Die überhandnehmenden administrativen Aufgaben, mit denen sich die ungarischen Ärzte tagtäglich konfrontiert sehen, machten ärzte- und patientenfreundliche Arbeitsumstände unmöglich. Als drittes Problem schließlich nennt Éger das niedrige Lohnniveau.

 

„Nur“ zwölf Prozent korrupt

Ein weiterer Grund für den Ärzteschwund, den der Standesvertreter nicht erwähnt, dürfte die gescheiterte Gesundheitsreform Ungarns sein. So wurden mit 1. April 2007 gut 16.000 Spitalsbetten eingespart, wodurch mehr als tausend Ärzte sowie 6000 Krankenschwestern und Pfleger ihren Arbeitsplatz verloren haben. Etliche Spitäler wurden geschlossen oder zusammengelegt.

Laut einer Erhebung des ungarischen Gesundheitsportals webbeteg.hu beklagen die Mediziner selbst vor allem die bürokratische Belastung. Ihre Unzufriedenheit zeigt sich darin, dass im Vorjahr um 23 Prozent mehr Ärzte ins Ausland gingen als 2007. Als beliebteste Zielländer gelten Großbritannien, Deutschland und Schweden.

Trotz der Schließungswelle meint der Präsident des Verbandes der Ungarischen Ärzte, Géza Gyenes, dass die Abwanderung vieler Ärzte in Ungarn zu Personalnotständen geführt habe. In manchen Kombinaten (vergleichbar den österreichischen Bundesländern), sei nur ein einziger Pathologe tätig. Experten sprechen von 1700 Fachärzten, die dem ungarischen Gesundheitssystem fehlen.

Den Hauptgrund für die Auswanderung der ungarischen Ärzte sieht Gyenes nicht zuletzt im dürftigen Lohnniveau. Im Westen, sagt Gyenes, verdiene ein Arzt das Fünf- bis Zehnfache. Das Argument, wonach die ungarischen Ärzte von ihren Patienten ohnehin unter der Hand „Dankgelder“ für Behandlungen und Operationen erhalten und so ihre Einkommen aufbessern, will Gyenes nicht gelten lassen. Laut Gyenes streifen „nur“ etwa zehn bis zwölf Prozent der Ärzte in Ungarn ein Dankgeld ein. Die große Mehrheit indes kann froh sein, wenn sie samt dem Zubrot aus Sonder- und Nachtdiensten auf ein Nettoeinkommen in Höhe von 200.000 Forint (rund 700 Euro) kommt.

Neben den Ärzten setzen sich auch viele Krankenschwestern aus denselben Gründen ins Ausland ab. Laut József Varju, einem Unternehmer, der ungarische Krankenschwestern in die USA vermittelt, bekommen sie im Westen das Vielfache ihres Gehalts in Ungarn. Ändert sich daran nichts, hat Ungarn bald mit einem wachsenden Personalnotstand bei der Krankenpflege zu kämpfen. Im Vorjahr haben in Budapest nur 17 Personen die Ausbildung zum Krankenpfleger begonnen.

 

„Löhne deutlich anheben“

Als Ausweg aus der misslichen Lage sieht Géza Gyenes eine Erhöhung des Lohnniveaus der Ärzte und Krankenschwestern. Gyenes sagt, dass er die politischen Entscheidungsträger wiederholt dazu aufgerufen habe, die Löhne im Gesundheitswesen dem westlichen Niveau anzupassen. Seine Aufrufe seien bisher jedoch auf taube Ohren gestoßen.

auf einen blick

Rund 2530 Ärzte haben Ungarn seit dem EU-Beitritt vorwiegend nach Großbritannien, Deutschland und Schweden verlassen.

Gründe sind vor allem das niedrige Lohnniveau und die gescheiterte Gesundheitsreform.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2009)

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