Nabucco hat schlechte Karten im Gaspoker

30.06.2009 | 18:22 |  Von unserem Mitarbeiter BENJAMIN RAHR (Die Presse)

Europa will seine Abhängigkeit von Russland durch Erdgas aus Zentralasien mildern. Aber dort haben andere Abnehmer die Nase vorn: die Chinesen in Turkmenistan, die Russen selbst in Aserbaidschan.

A?gabaT.Selbstbewusst und mit überhöhter Geschwindigkeit steuert Nurlan seinen Geländewagen über die Autobahn, die den Flughafen mit der turkmenischen Hauptstadt A?gabat verbindet. Er arbeitet als Fahrer für eine internationale Institution. Gestützt wird sein Hochgefühl von seinem Gehalt. Mit 600 Dollar monatlich hängt er so manchen Arzt oder Universitätsprofessor ab.

Es gibt kaum einen Ausländer, der sich in Turkmenistan ans Steuer traut. Niemand hält sich an die Verkehrsregeln, die Straßen sind in furchtbarem Zustand, und wer als Geschäftsmann ernst genommen werden will, lässt sich chauffieren.

An Kunden für die Fahrer mangelt es nicht – und das liegt zu einem guten Teil am Erdgas. Mit rund acht Billionen Kubikmetern an nachgewiesenen Reserven hat Turkmenistan die viertgrößten Vorkommen weltweit. Nicht erst seit der externen Zertifizierung der Mengen im gigantischen Yolotan-Osman-Feld im Oktober buhlen internationale Energiekonzerne um die Explorationsrechte.

 

Wer darf am Festland bohren?

Die Europäische Union sieht im turkmenischen Gas eine Alternative zu der aus Russland gelieferten Energie. Auf die Russen ist man auch in Turkmenistan schlecht zu sprechen. Weil die Nachfrage in Europa und in der Ukraine um ein Fünftel zurückgegangen ist, fordert der Monopolist Gazprom von seinen zentralasiatischen Zulieferern, dass sie die Verluste mit ihm teilen. Turkmenistan aber will von den Problemen des „großen Bruders” nichts wissen und verstärkt seine Kooperation mit einem Land, dessen Energiehunger unstillbar ist: mit China.

Die Chinesen haben in der ehemaligen Sowjetrepublik die Nase vorn. Peking hat etwas geschafft, was niemandem zuvor gelungen ist: die Turkmenen mit ihren ungeliebten Nachbarn, den Usbeken und Kasachen, an einen Tisch zu bringen und sie auf den Bau einer von China finanzierten Rohrleitung einzuschwören.

Für Europa hingegen ist das turkmenische Gas ein wichtiger Baustein im Nabucco-Projekt. Durch die 7,9 Milliarden Euro teure Pipeline sollen ab Ende 2013 jährlich 31 Milliarden Kubikmeter aus dem kaspischen Raum nach Europa gepumpt werden.

Offen ist, wer das Gas aus dem turkmenischen Boden fördern darf. Während A?gabat die Konzessionsrechte für Bohrungen in seinen Sektoren des Kaspischen Meers generös an westliche Interessenten vergibt, bleiben die Felder auf dem Festland ausländischen Konzernen weitgehend verschlossen. Ob Chevron, Royal Dutch Shell oder auch Gazprom: Keiner weiß genau, was Turkmenistan im Schilde führt. Die einen vermuten, dass A?gabat auf das Komplettpaket eines der Energiegiganten wartet, der dann Förderung, Verarbeitung, Verkauf und Transport übernimmt. Die anderen trauen den Turkmenen zu, dass sie aus der Erschließung des Yolotan-Osman-Feldes ein Prestigeobjekt machen und ihr Glück auf eigene Faust, also ohne westliche Hilfe, versuchen. Damit könnten sie warten, bis der Gaspreis an den Weltmärkten wieder anzieht.

 

Hälfte der Turkmenen arbeitslos

Wer recht hat, wird auch weiterhin die potenziellen Investoren beschäftigen. Und auch die Bevölkerung, obwohl sich nur ein Bruchteil der knapp fünf Millionen Turkmenen aus den lukrativen Exportverträgen eine Besserung der eigenen Umstände erhoffen kann.

Dass ausländische Anleger dennoch ihr Glück versuchen, kommt zumindest Nurlan zugute. Ohne die Anstellung als Fahrer wäre er arbeitslos, wie bereits jetzt die Hälfte seiner Landsleute. Solange aber das turkmenische Gas die Investoren in Atem hält, kann auch er getrost Gas geben.

 

Rückschlag in Baku

Nur vier Stunden weilte Russlands Staatschef am Montag in Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans. Doch der Blitzbesuch hat sich für Dmitri Medwedew ebenso gelohnt wie für Alexej Miller, den Chef des russischen Gasmonopolisten Gazprom. Nach dem Treffen mit seinem aserbaidschanischen Amtskollegen Ilham Alijew präsentierte Medwedew sichtlich zufrieden ein neues Gasabkommen zwischen Gazprom und der ehemaligen Sowjetrepublik.

Russland genießt nun bei den Gasexporten Aserbaidschans oberste Priorität: Das zentralasiatische Land erlaubt den direkten Zugriff auf sein größtes Gasfeld, Schah Denis. Gazprom will 2010 zunächst 500 Mio. Kubikmeter importieren und das Volumen in den Folgejahren stark ausbauen. Eine Pipeline zwischen beiden Ländern gebe es bereits, so Miller: „Wir können sehr schnell mit dem Aufkauf beginnen.“ Zum Preis sagte er nur, dieser sei „kommerziell attraktiv“. Die russische Zeitung „Kommersant“ berichtet jedoch unter Berufung auf Eingeweihte, Russland habe einen enorm honen Betrag zugesagt – 350 Dollar pro tausend Kubikmeter Erdgas. Wer um die Reste mitbieten will, müsse mehr auf den Tisch legen.

Dies ist ein schwerer Rückschlag für Nabucco: Die Bedeutung Aserbaidschans gilt als zentral für das Projekt, entsprechend heftig wurde das Land vom Westen umworben. Nun sehen einige Beobachter bereits Nabucco als Ganzes in Frage gestellt. In Moskau reibt man sich dagegen die Hände. „Kommersant“ zitiert einen Insider mit den Worten: „Für dieses Ergebnis müssen wir den Amerikanern danken. Sie sind Ilham Alijew mit ihren Forderungen nach Demokratie und Menschenrechten zuletzt schon sehr auf die Nerven gegangen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.07.2009)

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