Kroatien: Tiefkühlkost statt Adria-Fisch

In der Hochsaison werden Kroatien-Touristen oft mit überteuertem Importfisch aus Asien abgespeist. Der Fang der einheimischen Fischer landet überwiegend im Ausland.

(c) AP (Rebecca Blackwell)

Baska. Geduldig bessert ein Fischer im Hafen von Baska sein Netz aus. Gemächlich tuckert ein Kutter durch die bergumsäumte Bucht der schmucken Hafenstadt im Süden der kroatischen Adria-Insel Krk. Frischen Meeresfisch offerieren auch die Speisekarten der zahlreichen Restaurants an der Hafenkade. Doch keineswegs in allen Wirtshäusern von Baska können sich Touristen in der Hochsaison tatsächlich an lokalen Schuppentieren laben.

„Die Fischer im Ort decken mit ihren Fängen allenfalls den Eigenbedarf“, erläutert der pensionierte Seemann Davor Dorcic den erstaunlichen Mangel an Adria-Fisch in dem Küstenstädtchen. Während der Sommersaison werde in Baska einfach zu wenig Fisch für zu viele Touristen gefangen, erklärt der Mann im gestreiften Seemanns-T-Shirt, warum viele Restaurants ihren Gästen oft Importfisch vorsetzen.

Eine andere Erklärung für den merkwürdigen Fischmangel an Kroatiens Küste hat ein braungebrannter Inselbewohner auf der Fähre nach Rab: „Die Adria ist überfischt. Der Fischbestand müsste sich einfach ein paar Jahre regenerieren können.“

In der kroatischen Adria gebe es „ausreichend Fisch“, versichert hingegen Ante Fabijanic, der Vorsitzende der nationalen Fischereiinnung. Der Sektor würde den heimischen Fischbestand „hegen“, beteuert der Fischer von der Insel Pag. Weiß- und Blaufisch tummle sich in den Gewässern der kroatischen Inselwelt eigentlich genug, nur bei bestimmten Sorten wie der Zahnbrasse oder dem Roten Drachenkopf sei der Bestand mittlerweile „etwas weniger“ geworden, so der 58-jährige Kroate: „Der Großteil unseres Fangs geht in den Export, aber der heimische Bedarf wird gedeckt.“

 

250.000 Leute leben vom Fisch

Zwar pflegen Kroatiens Fischer seit Jahren über die Konkurrenz aus Italien zu klagen, die mit ihren wesentlich größeren Schleppnetzbooten die heimischen Gewässer zu überfischen drohe.

Doch obwohl Zagrebs Versuch der Schaffung einer Fischereizone Anfang vergangenen Jahres am Widerstand der EU-Kommission scheiterte, konnten Kroatiens Fischer 2008 mit einem Jahresfang von über 49.000 Tonnen einen neuen Rekord vermelden. „Es scheint, dass die Fischerei einer der wenigen Wirtschaftssektoren ist, dem es derzeit ausgezeichnet geht“, konstatiert die Zeitung „Vecernij List“.

Investitionen in die Modernisierung der heimischen Fischereiflotte macht der Sektor für das verbesserte Fangergebnis verantwortlich: Doch in Form sinkender Preise würden auch Kroatiens Fischer die Folgen der Krise zu spüren bekommen. Derzeit zählt das Land mit der 5800 Kilometer langen Küste rund 20.000 Berufsfischer auf 3700 Kuttern: Einschließlich Verarbeitung und Handel bietet der Sektor laut der Fischereiinnung indirekt 250.000 Menschen ein Auskommen. Als große Fischesser gelten die 4,5 Millionen Bewohner des Adria-Staats jedoch keineswegs: Ihr Pro-Kopf-Verbrauch von sieben Kilogramm im Jahr beträgt weniger als ein Drittel des EU-Mittels.

 

Thunfisch für Japan

Vielleicht liegt der überraschend karge Fischappetit an den relativ hohen Preisen. Mit 30.000 Tonnen geht der Großteil des kroatischen Fangs denn auch in den Export – vor allem nach Japan (Thunfisch), Italien und in die exjugoslawischen Bruderstaaten. Zwar führt Kroatien mit 50.000 Tonnen weitaus mehr Fisch ein als aus – insbesondere Hering zur Fütterung von Zucht-Thunfischen. Der Erlös der hochwertigen Exporte liegt indes rund 60 Prozent über dem Wert der Billigimporte: Die Fischerei ist einer der wenigen Wirtschaftssektoren des Landes mit einer positiven Handelsbilanz.

Über acht Millionen ausländische Gäste machen sich jährlich nach Kroatien auf. Deren Heißhunger auf Meeresfisch können die heimischen Gastronomen zur Hochsaison kaum mehr gänzlich mit lokalen Fängen stillen. Doch obwohl die Wirte für die importierte Tiefkühlkost weit weniger als für Frischfisch aus der nahen Adria berappen müssen, geben sie den Preisvorteil selten an die Gäste weiter. Kroatien-Urlauber, die sich auf Uferterrassen mit Blick auf sacht plätschernde Meereswogen an vermeintlich lokalen Spezialitäten laben, ahnen selten, dass sie oft mit Billig-Calamares aus Patagonien oder Krebsen und Krabben aus dem Nordatlantik abgespeist werden.

Der Markt sei frei – und Import von Fisch könne man nicht verbieten, sagt Ante Fabijanic. Kroaten würden „wissen“, dass heimischer Fisch meist von besserer Qualität als importierter sei – und entsprechende Restaurants ansteuern. Ausländischen Gästen empfiehlt der Funktionär vor der Wahl des Wirtshauses eben eine hartnäckige Recherche: „Man muss einfach fragen, ob das Restaurant wirklich Adria-Fisch serviert oder nicht.“

auf einen blick

Mogelpackung. Ausgerechnet im küstenreichen Dalmatien ist schmackhafter Adria-Fisch während der Sommersaison ein knappes Gut: Auf den Tellern der ahnungslosen Kroatien-Touristen landen oft Billigimporte aus dem Atlantik oder Pazifik. Kroatischen Fisch findet man leichter in Japan oder Italien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.07.2009)

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