Rumänien: Tourismusfluch über Transsilvanien

Auf der Suche nach Gästen setzt Rumänien stark auf die Marke Dracula – mit magerem Ergebnis. Kuriose Großprojekte verlaufen im Sand, der Urlauberstrom bleibt aus.

(c) Rumänisches Tourismusamt, Wien.

Bukarest. „Der Tiefpunkt meiner Karriere“, stöhnt Anthony Bourdain, US-Chefkoch und Star der Kultgastronomieshow „No Reservations“, als er in eine kitschige Halloweenparty im Schloss Bran in den rumänischen Karpaten in der Nähe von Bra?ov platzt. Seine verkleideten Landsleute sind einem Mythos aufgesessen, den viele Reiseveranstalter in Rumänien zu Geld verwandeln wollen. Der legendäre Graf Dracula soll hier gehaust haben, tuscheln die Reiseleiter hinter vorgehaltener Hand, nur: Es ist anscheinend falsch.

Dass naive Touristen so abgezockt werden, hat mit dem undurchsichtigen Gestrüpp von Mythen und Legenden um Bram Stokers Romanheld Dracula und dessen gruselige Inspirationsfigur, Fürst Vlad ?epe?, zu tun. Niemand weiß, was Lüge und Wahrheit ist. Fakten und Legenden haben sich fast untrennbar vermischt, denn die Marke Dracula ist ein Kassenmagnet und jeder verdreht die Geschichte, bis sie ihm ins Marketingkonzept für Burg, Hotel, Weinkeller oder Souvenirladen passt.

 

Keine Touristenströme

Größeren Städten und kleineren Kommunen, cleveren Geschäftsleuten und schlitzohrigen Ortsansässigen gelingt es so, den Superstar Dracula touristisch – und damit finanziell – auszuschlachten. Dass Vlad ?epe? ab 1462 für nur etwa ein Jahr in der Hunyaden-Burg in Hunedoara weilte, war Anlass genug für das Rathaus, im Juli ein Dracula-Fest samt Horrorfilmfestival zu organisieren. Ein solches Fest soll auch der Höhepunkt einer Städtekooperation zwischen Nürnberg und Bra?ov sein: Es wird erzählt, dass der Holzschnitt eines Nürnbergers die Grundlage für den blutrünstigen Ruf von Vlad ?epe? in Europa gewesen sei.

In Bra?ov freut man sich schon, denn ein eigenes Projekt, bei dem die Region etwa 150.000 Euro in einen restaurierten Dracula-Express mit Dampflok investiert hat, ist eben ins Wasser gefallen. Auch die kleine, unbekannte Gemeinde Arefu in Südrumänien stieg auf den Zug der Dracula-Feste. In der Nähe liegt die Burg Poienari – die zur Abwechslung tatsächlich Residenz von Vlad ?epe? war, von ihm selbst gebaut. Für die Leute sind solche Feste eine Riesengaudi, auf den Rummelplätzen sind Bier und Würstchen der absolute Schlager. Die geschmacksmäßig fragwürdigen Andenken – Krüge, Tassen, T-Shirts – kaufen nur die wenigen ahnungslosen Fremden, die es in die jeweilige Gegend verschlägt.

Just das Herkunftsland Draculas ist kaum fähig, ausreichend Touristen aus dem Westen anzulocken. An grandiosen, zentral gesteuerten Dracula-Projekten hat es nie gefehlt– doch lastete auf allen der Fluch des Grafen, wie es eingefleischte Fans ausdrücken würden. Wahrscheinlicher ist eher der Fluch der Unfähigkeit. Das Konzept eines Dracula-Themenparks à la Disneyland in Paris leidet unter einem Problem. In Frankreich wurde der Park gebaut, um die Touristenströme dorthin umzulenken, in Rumänien gibt es noch keine Touristenströme.

2001 warf der damalige Tourismusminister Dan Matei Agathon mit einem Riesenrummel die Werbetrommel zur Investorensuche für einen Dracula-Themenpark auf dem Breite-Plateau nahe der mittelalterlichen Stadt Sighi?oara an, wo Vlad der Pfähler 1431 geboren wurde. 15.000 Leute kauften Aktien des Projekts, darunter Prominente wie Ministerpräsident Adrian Nastase.

Aus dem Park – voraussichtliche Baukosten 30 Mio. Dollar– wurde nichts, Agathon legte sich mit der Unesco, Prinz Charles von Wales und Greenpeace Österreich an, die das Plateau mit seinen uralten Eichen vor dem Monsterprojekt retteten. Die Regionalbehörden von Bra?ov wollten sich von Bukarest nicht übertrumpfen lassen und planten einen Themenpark in Rasnov. Kostenvoranschlag 18 Mio. Dollar, Ergebnis gleich null.

 

dracula.ro gehört Österreichern

Agathon ließ nicht locker. Der Dracula-Park bleibt, versprach der Minister, nur werde er eben in Snagov bei Bukarest gebaut– im dortigen Kloster sei Vlad ?epe? begraben, nachdem er 1476 in einer Schlacht mit den Türken in der Umgebung von Bukarest gefallen ist. Auch dieses Projekt versandete, endgültig gekippt im Jahr 2006 von der Nachfolgeregierung.

Der jetzigen Tourismusministerin Elena Udrea fehlt jegliches Konzept: Kurz nach Amtsantritt winkte sie ab, sie sei an der Marke Dracula nicht interessiert. Innerhalb von wenigen Wochen stand der Vampir plötzlich wieder in ihrer Gunst und durfte auf der Touristikmesse in Berlin im März dieses Jahres promotet werden. Wie leichtfertig hier eine Chance verpasst wird, zeigt auch, dass sich die Regierung nicht einmal die Internetdomain dracula.ro sichern konnte. Die gehört, so das rumänische .ro-Register, dem Bra?ov-Ableger eines österreichischen Unternehmens.

Auf einen Blick

Mit der Marke Dracula versuchen in Rumänien viele Gemeinden und Unternehmer Geschäfte zu machen. Die meisten der millionenschweren Dracula-Projekte verlaufen jedoch im Sand.
Kritiker bemängeln das Fehlen eines funktionierenden Tourismuskonzepts im Land. Die Hoffnung der Rumänen, als Heimat des Blutsaugers ausreichend Urlauber aus dem Westen anzulocken, geht bis dato nicht auf.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.10.2009)

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