Ungarn: Aus für Glühbirne kostet Jobs

Seit die EU verfügt hat, die Ära der Glühlampen zu beenden, schließt der weltgrößte Industriekonzern General Electric (GE) in Ungarn ein Werk nach dem anderen und baut 2700 Mitarbeiter ab. Die Wut darüber ist groß.

Glühbirne
Glühbirne
(c) Bilderbox (Erwin Wodicka)

BUDAPEST/WIEN(p.m.). Arthur Schnitzlers Vater Johann wurde in Nagykanizsa geboren. Dort kam auch der im Vorjahr verstorbene Historiker und Publizist François Fejtö zur Welt, ein überzeugter Europäer. Jetzt sind viele der rund 50.000 Einwohner der südwestungarischen Stadt nahe der Grenze zu Kroatien böse auf die Europäische Union: Sie sei schuld am sprunghaften Anstieg der Arbeitslosigkeit.

Seit nämlich die EU verfügt hat, die Ära der Glühlampen zu beenden, schließt der weltgrößte Industriekonzern General Electric (GE) in Ungarn ein Werk nach dem anderen. Diesmal ist jenes in Nagykanizsa dran, die größte Fabrik des einstigen ungarischen Nationalstolzes Tungsram. Dieser wurde 1989 zu 51 Prozent von GE übernommen, als erster Industriekonzern des damals noch nicht zerfallenen Ostblocks.

Tungsram war 1883 als Filiale der Wiener Telefon- und Fernschreibfabrik Egger gegründet worden. Berühmt wurde die Niederlassung, weil sie 1903 die weltweit erste Lampe mit Wolfram-Glühfaden produzierte. Diese Technologie wurde bis zuletzt genutzt, daneben stellte Tungsram auch Leuchtstoffröhren, Kathodenstrahlröhren für TV-Geräte und Autohalogenlampen her.

Jetzt, da die Glühlampe zum Aussterben verurteilt ist, baut GE in Ungarn 2698Mitarbeiter ab. Einschließlich den Folgen für Zulieferer dürften 6000 bis 7000 Leute arbeitslos werden. Der größte Aderlass betrifft Nagykanizsa. Von den gegenwärtig noch 2500 Mitarbeitern des GE-Werkes sollen in den kommenden zwei Jahren 1419 verabschiedet werden, schrieb die Tageszeitung „Népszabadság“. Nur noch die Autolampen werden weiter produziert.

 

GE erhielt Staatshilfe

Angesichts der gedrechselten Formulierungen des Wirtschaftsministeriums packt manche GE-Mitarbeiter die kalte Wut. In Europa belasse GE nur in Ungarn „Aktivitäten zur Erzeugung von Lampenkörpern“, was „nach der völligen Umstrukturierung des Industriezweiges“ die Beschäftigung von nahezu 5000Arbeitnehmern sichern würde, hieß es.

Das Problem: „Nahezu 5000“ sind weniger als die Hälfte der heute 11.000GE-Beschäftigten. Immerhin: Das Ressort verspricht alles zu unternehmen, um einen möglichst großen Teil des Personalabbaus durch Schaffung neuer Arbeitsplätze zu kompensieren.

Ein anderer „Skandal“ hat sich hingegen als Sturm im Wasserglas erwiesen. In einem kommerziellen TV-Sender hieß es, GE habe erst vor Kurzem unter dem Titel Arbeitsplatzsicherung eine staatliche Zahlung von 650 Millionen Forint bekommen.

GE Hungary dementierte: Erstens sei es dabei um die Stützung von Kurzarbeit für die Monate April bis Juni gegangen. Zweitens hätten die betroffenen Arbeiter das Geld bekommen, und drittens habe es sich nur um 198 Mio. Forint gehandelt, da die Viertagewoche vorzeitig beendet worden sei.

 

Arbeitslosenrate steigt stark

Noch seien die Millionen nicht verloren, versuchte der ungarische Regierungssprecher Domokos Szollár zu beruhigen: Das Kabinett verhandle mit GE, ob der Konzern eine andere Aktivität nach Ungarn verlegen könnte, um die Glühlampenproduktion zu ersetzen.

Der Wirbel rund um GE fällt zeitlich mit dem Fallen einer psychologischen Barriere zusammen: Die Arbeitslosenrate stieg im dritten Quartal auf 10,3 Prozent, den höchsten Wert seit 1996. Experten erwarten, dass bis Jahresende bis zu 50.000Menschen den Job verlieren werden und die Arbeitslosenquote damit auf 11,5Prozent heben könnten. Besonders stark von der Krise betroffen ist laut Analysten das westliche und mittlere Transdanubien – genau jene Region, in der Nagykanizsa liegt.

Auf einen Blick

Der US-Mischkonzern General Electric (GE) kündigt in Ungarn tausende Mitarbeiter. Grund ist das Glühbirnenverbot in der EU. Besonders stark betroffen ist das Tungsram-Werk in Nagykanizsa.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2009)

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