Türkei: Propagandaschlacht um Staudamm

Ankara sucht neue Partner für Ilisu, eine TV-Serie feiert die Umsiedlungen. Wie und mit welchen Firmen der Bau weitergehen soll, ist bis heute unklar. Ohne Kredit wird es kaum gehen.

Hasankeyf village
Hasankeyf village
(c) EPA (TOLGA BOZOGLU)

Istanbul. Von Österreich, Deutschland und der Schweiz will sich die türkische Regierung ihren Ilisu-Staudamm nicht begraben lassen. Anfang Juli erklärten die drei Staaten, dass sie das Megaprojekt nicht durch Exportgarantien absichern wollen. Der Grund waren nichterfüllte Auflagen beim Umweltschutz, der Umsiedlung von Anrainern und dem Schutz von Kulturgütern. Der Turbinenbauer Andritz, einer der geplanten Hauptlieferanten, strich daraufhin Ilisu von seiner Projektliste. Der türkische Umweltminister aber erklärte sofort, dass „im Herbst“ weitergebaut werde. Dann kehrte auf der Großbaustelle am Tigris Ruhe ein.

Wie und mit welchen Firmen der Bau weitergehen soll, ist bis heute unklar. Ohne Kredit wird es kaum gehen. Bereits im Sommer schloss der stellvertretende Ministerpräsident Ali Babacan die Möglichkeit aus, den Ilisu-Damm aus dem Haushalt zu finanzieren. Die finanzielle Lage der Regierung hat sich seither weiter verschlechtert. Dennoch ist im November wieder etwas Leben in die Baustelle gekommen. Mehrere große Baufahrzeuge wurden herangeschafft. Vor allem tut sich etwas an der Propagandafront für das auch in der Türkei sehr umstrittene Projekt. Im staatlichen Fernsehen TRT 2 ist eine zehnteilige Fernsehserie über den Ilisu-Damm und ähnliche Projekte in der Türkei angelaufen.

Baufirmen als Sponsor

Die Serie präsentiert sich als Dokumentarfilm über Menschen, die umgesiedelt wurden, und solche, denen eine Absiedlung bevorsteht. Zu Letzteren zählen die Bewohner des historischen Städtchens Hasankeyf, das vom Ilisu-Damm bedroht ist. Darüber, was dokumentiert werden soll, klärt bereits der Titel der Serie auf: „Die Hoffnung im Wasser“. Als Sponsoren werden die Baufirmen Nurol und Cengiz genannt, die an Staudammprojekten in der Türkei beteiligt sind.

Vor der Kamera bestätigen die Befragten die gewünschte Information. Das klingt dann etwa so: „Sie haben jetzt doch Sonnenenergie und warmes Wasser?“ Die Antwort lautet natürlich: „Ja.“ Es werden Wohltaten wie der Bau von Krankenhäusern gepriesen, die auch ohne Staudamm gebaut werden könnten. Der Teil über Hasankeyf wurde noch nicht gesendet.

Aber einige Bewohner des Ortes kamen bereits zu Wort. Dazu gehört der Hirte Ahmet Akdeniz, der vor laufender Kamera sagt: „Wenn ein Kind krank ist und Sie können es nicht zum Arzt bringen, glauben Sie, dann haben sie nichts von einer historischen Brücke!“

In Hasankeyf wundert man sich über den Hirten. Bei einem Verein, der den Staudamm verhindern will, kannte man ihn bisher nur als Gegner des Projekts. Güven Eken, Vorsitzender des Naturvereins, kritisiert den Dokumentarfilm: „Wenn Baufirmen eine Serie über Staudammprojekte finanzieren, dann ist das so, als produziere eine Rüstungsfirma einen Film für den Frieden.“

Auch Ömer Güzel gehört zu den entschiedenen Gegnern des Ilisu-Dammes. Der Handwerker glaubt, dass ein Dammbau den Bewohnern nur schaden wird. In Hasankeyf gebe es so viel historische Substanz, dass es den Bewohnern nicht erlaubt sei, auch nur einen Nagel herauszuziehen – „aber der Staat darf einen Staudamm bauen und unseren Ort überfluten“.

Güzel hofft, dass Hasankeyf zu einem Touristenzentrum werden könnte, wenn es erhalten bleibt. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht – wenn der Staat keine neuen Partner findet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2009)

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