Ukraine: Die Verschwörung der Oligarchen

Die reichsten Unternehmer des Landes sind ins Lager des Präsidentschaftskandidaten Janukowitsch übergelaufen. Viele wollen sich an Premier Julia Timoschenko rächen, nur wenige halten ihr die Treue.

Timoschenko Janukowitsch
Timoschenko Janukowitsch
(c) EPA (Sergey Dolzhenko)

Moskau. Wer wissen will, wie in der Ukraine Politik gemacht wird, sollte in den französischen Skiort Courchevel fahren. Dort, wo sich Osteuropas Haute-Volée gerne selber feiert, traf um Neujahr eine ganz besondere Runde zusammen. Wie ukrainische Medien berichten, saßen da mit Rinat Achmetov und Igor Kolomojski die beiden reichsten Ukrainer an einem Tisch, und auch andere aus den Toprängen der Vermögensrankings stießen mit ihnen an.

Der Toast wurde wohl auf Viktor Janukowitsch ausgegeben. Seinen Sieg bei den Präsidentenwahlen wünschen sie herbei. Mit dem ersten Wahldurchgang am Sonntag sind sie diesem Ziel einen großen Schritt näher gekommen. Nun gilt es noch, die Hürde der Stichwahl am 7. Februar gegen die zweitplatzierte Premierministerin Julia Timoschenko zu nehmen.

Auf Janukowitsch geeinigt haben sich die Magnaten schon vor Courchevel. Er, der Mann aus der russischsprachigen und industriereichen Ostukraine, wurde 2004 als Vertreter des alten, russlandfreundlicheren Regimes von den Orangen Revolutionären hinweggefegt. Nun übt er Rache, und die Tycoons mit ihm. Ihr Einfluss auf die Politik ist immer noch groß, trotz ihrer gewaltigen Vermögensverluste infolge der Krise.

 

Trotz Angst vor den Russen

Eine Annäherung an Russland wollen sie freilich nicht, stellt der Kiewer Politökonom Vitali Bala klar. Sie haben Angst vor den viel größeren russischen Magnaten und wünschen sich eine Annäherung an die EU. Aber „sie entscheiden sich für Janukowitsch, weil sie von ihm keine Probleme zu befürchten haben und Macht bewahren“, sagt Bala.

Timoschenko wurde vor einem Jahrzehnt selber als Oligarchin aus dem Gasgeschäft gedrängt. Dennoch startete sie 2005 einen Rachefeldzug gegen Günstlinge des alten Regimes. Zwar ging es niemandem ganz an den Kragen wie in Russland, aber manch einer musste Federn lassen.

So etwa Achmetov, der Herr über das ostukrainische Stahl- und Kohlerevier Donbass und den Fußballclub Schachtjor Donezk. Er und sein Kompagnon Viktor Pinchuk mussten das größte Stahlwerk Kryvorizhstal, das sie erst kurz vor der Revolution für 800 Mio. Dollar weit unter Wert erhalten hatten, an den Staat zurückgeben. Kurz darauf wurde es für knapp fünf Mrd. Dollar vom indischen Stahlgiganten Mittal Steel gekauft.

Auch den Gashändler Dmitri Firtasch hat Timoschenko aus dem Geschäft und endgültig in das Lager ihres Kontrahenten getrieben. Er besaß bis 2009 die Hälfte des übel beleumundeten Gaszwischenhändlers RosUkrEnergo. Der Anteil wurde lange von der Raiffeisen Invest AG treuhänderisch gehalten. Er wurde eliminiert, als die frühere Russlandkritikerin Timoschenko plötzlich ein gutes Einvernehmen mit Moskau fand – und auch politische Unterstützung. Angeblich schrumpfte das Vermögen des Händlers von 2008 auf 2009 von drei Mrd. Dollar auf 255 Mio. Firtasch sinnt auf Rache.

 

Immer mehr Financiers

So ist Janukowitschs Oligarchenpool heute bunter denn je, was seine Partei im Fall einer Niederlage vor große Zerreißproben stellt. Früher baute der Präsidentschaftskandidat nur auf seinen traditionellen Stamm-Financier Achmetov. Das Vermögen des 43-Jährigen wird auf 9,2 Mrd. Dollar geschätzt, seine weit verzweigte Holding „System Capital Management“ beschäftigt 150.000 Personen. Aber auch der mit 2,3Mrd. Dollar zweitreichste Kolomojski hat gewechselt. Lange stand dessen Öl- und Finanzimperium „Privat“ hinter Timoschenko. Weil sie ihm aber eine billige Machtübernahme im größten Chemieunternehmen des Landes verwehrte, ist er ihr spinnefeind und fuhr mit nach Courchevel.

„Timoschenko hat klar zu verstehen gegeben, dass für alle die gleichen Regeln gelten“, erklärt Forscherin Bala. Und weil sie ja Premierministerin bleibt, wenn sie nicht Präsidentin wird, wolle es sich kein Oligarch ganz mit ihr verscherzen: „Viele versuchen, nicht alle Eier in einen Korb zu legen“.

Pinchuk etwa, der 49-jährige Schwiegersohn des Altpräsidenten Kutschma, verhält sich neutral und lobbyiert bei allen gleich. Auch seine vielen TV-Kanäle berichten objektiv. Pinchuk, 2,2 Mrd. Dollar schwer, besitzt mit „Interpipe“ eine der weltweit größten Stahlrohrproduktionen. Als Intimus des US-Finanzinvestors George Soros sonnt er sich in Wohltätigkeit und Mäzenatentum. Zurzeit baut er Kiew rund um seine hochwertige Kunstsammlung zum bedeutendsten Kunstzentrum Osteuropas auf. Beraten lässt er sich dabei von Eckhard Schneider, dem ehemaligen Direktor des Kunsthauses Bregenz.

Einige Oligarchen aber bauen nach wie vor ganz auf Timoschenko. Manche sind zu ihr vom tief gefallenen Noch-Staatspräsidenten Viktor Juschtschenko übergelaufen. Darunter Außenminister Petro Poroschenko, Milliardär im Konditoreigeschäft, Ex-Bankier und Besitzer eines TV-Kanals. Er unterstützte seinerzeit maßgeblich die Orange Revolution.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2010)

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