Mobilfunk: „Telefonkrieg“ im Kosovo eskaliert

Kosovo schaltet serbische Mobilfunknetze ab, im Süd-Kosovo haben laut Belgrad 100.000 Kunden für das Mobilnetz des Ex-Mutterlands nun keine Deckung mehr. Mobilkom-Tochter VIP Mobile meldet keine Störungen.

(c) Michaela Bruckberger

Belgrad. In der Nacht auf Montag sprengten Unbekannte im serbisch besiedelten Norden des Kosovo den zweiten Transmitter offiziell lizensierter Mobilanbieter in die Luft. Unterdessen riefen Führer der Kosovo-Serben zu friedlichen Protestdemonstrationen gegen die Abschaltung serbischer Mobilfunknetze in den Serbenenklaven im Süd-Kosovo auf: Die internationale Gemeinschaft müsse auf den wachsenden Druck auf die Minderheit reagieren.

Begleitet von Sondereinheiten der Polizei hatten Techniker der kosovarischen Telekommunikationsbehörde (ART) am Wochenende die Antennen der beiden in Serbien operierenden Mobiltelefonbetreiber abmontiert: Weder die serbische Telekom noch die norwegische Telenor verfüge über eine Lizenz, begründete ART zu Wochenbeginn ihre Blitzaktion.

Im Süd-Kosovo haben laut Belgrad 100.000 Kunden, überwiegend Serben, für das Mobilnetz des Ex-Mutterlands nun keine Deckung mehr: Nur im überwiegend serbisch besiedelten Nord-Kosovo können serbische Mobiltelefonanbieter noch operieren. Hier agiert auch die serbische Tochter der heimischen Mobilkom. Bei VIP Mobile seien „keine Störungen bekannt“, hieß es auf Anfrage.

 

„Unrechtmäßige Anbieter“

Mit dem Bestreben, Ordnung ins kosovarische Telekommunikationschaos zu bringen, begründet die Aufsichtsbehörde ART die Demontage der serbischen Anbieter, die sie als „unrechtmäßig“ bezeichnet: „Nichtlizensierte Anbieter“ hätten versucht, ihre illegalen Netzwerke auf kosovarisches Territorium auszuweiten. Tatsächlich müssen sich nicht nur Besucher, sondern auch Einheimische oft mit zwei Telefonen durch das Zwei-Millionen-Einwohner-Land bewegen. In den serbischen Enklaven und im Nord-Kosovo nutzen die Bewohner die serbischen Anbieter, die im Rest des Landes keinen Empfang haben: Weil der Staatenneuling wegen des Widerstands Belgrads noch immer über keine eigene Ländervorwahl verfügt, sind die beiden offiziell lizenzierten Mobilfunknetze nur über die Vorwahl Monacos und Sloweniens erreichbar. Nur über das Festnetz mit serbischer Vorwahl ist das geteilte Land zumindest telefonisch geeint.

Mit heftigen Vorwürfen auch gegen die EU-Justizmission Eulex hat Belgrad auf die Abschaltung der serbischen Transmitter in der Ex-Provinz reagiert. Premier Mirko Cvetkovic sprach vom Versuch, die Serben in Kosovo „zu isolieren“. Staatschef Boris Tadic erregte sich vor allem über die EU-Mission Eulex, die dem „Verstoß gegen die Menschenrechte“ der Kosovo-Serben seelenruhig zuschaue. Im Gegensatz zu in serbischen Medien kursierenden „Falschmeldungen“ sei Eulex an der Demontage der serbischen Transmitter keineswegs beteiligt, stellt Eulex-Sprecherin Karin Limdal gegenüber der „Presse“ klar.

 

Interne Kritik an Belgrad

Die Rechtmäßigkeit der kosovarischen Aufsichtsbehörde stehe für Eulex jedoch außer Frage: „Rechtlich gesehen“ seien die serbischen Anbieter „illegal“: Eulex begrüße es aber, dass die kosovarischen Behörden mit der Verteilung von Mobilfunkkarten von lizensierten Anbietern an die Enklavenbewohner deren Kommunikationsfähigkeit vorläufig „gesichert“ habe.

Bei aller Entrüstung klingt in Serbiens Medien auch Kritik an der eigenen Regierung durch. Es sei „zwar in Ordnung“, dass das ferne Jamaika Kosovo nicht anerkennen wolle, schreibt der „Blic“: „Aber diese Tatsache wird die Telefone der ghettoisierten Kosovo-Serben auch nicht reaktivieren.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.04.2010)

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