Russland stoppt den Getreideexport

Infolge einer lang anhaltenden Dürre und verheerender Waldbrände wird Russland die Getreideausfuhr von Mitte August bis Dezember unterbinden. Aktuell stehen derzeit etwa 196.000 Hektar Land in Flammen.

Russland stoppt Getreideexport
Russland stoppt Getreideexport
(c) REUTERS (SERGEI KARPUKHIN)

Wien (ag./nst).Tagelang versuchte die russische Regierung, die Sorgen der Weltmärkte zu zerstreuen. Vergeblich. Denn nach Angaben der russischen Agentur Interfax wird Russland, einer der weltgrößten Weizenexporteure, einen Ausfuhrstopp verhängen. Das Exportverbot soll ab 15.August in Kraft treten und bis Ende Dezember dieses Jahres gelten. Betroffen sind mehrere Getreide- und Mehlsorten.

Die Maßnahmen der Regierung sind eine Folge einer lang anhaltenden Dürre und verheerender Waldbrände, die in den vergangenen Wochen mindestens ein Fünftel der russischen Weizenernte zerstört haben. Aktuell stehen derzeit etwa 196.000 Hektar Land in Flammen. Experten gehen infolge des Ausfuhrstopps von Turbulenzen auf den internationalen Getreidemärkten aus. „Momentan wird der Markt von der Angst bestimmt“, sagt Commerzbank-Analyst Eugen Weinberg.

Allein im Juli kletterten an der Warenterminbörse in Chicago die Notierungen für Weizen um 42 Prozent nach oben. Das war der steilste Anstieg der vergangenen 50 Jahre. Dies war aber auch deswegen der Fall, weil die Getreideproduktion in Kasachstan ebenso zurückgegangen war. Weiters gab es Gerüchte über Exportbeschränkungen in der Ukraine.

Nicht allein Spekulanten schuld

Zu Wochenbeginn war der Weizenpreis an der europäischen Warenterminbörse in Paris mit über 200 Euro pro Tonne auf ein Zweijahreshoch gestiegen. Nach Verhängung der Exportstopps am gestrigen Donnerstag erhöhte sich der Preis für Weizen-Futures mit Liefertermin November im Tagesverlauf um elf Prozent auf 232 Euro.

Der hohe Getreidepreis ist jedoch nicht den Spekulanten allein geschuldet. Diese würden die Bewegung nur beschleunigen, den Preisanstieg aber nicht allein verursachen, sagt Weinberg.

Eine Wiederholung der Nahrungsmittelkrise, wie sie die Welt 2007/2008 gesehen hatte, sei aber nicht zu erwarten, sagte die Welternährungsorganisation FAO noch vor wenigen Tagen, da sich die Lagerbestände auf einem ausreichend hohen Niveau befinden würden. Von einem russischen Exportstopp war da aber noch nicht die Rede.

Arkady Zolochevsky, der Chef des russischen Getreideverbandes, appellierte an die russische Regierung, den Exporteuren noch die Möglichkeit zu geben, ihre Exportverträge zu erfüllen.

Andernfalls könnte es nicht nur für die Welt, sondern auch für Russland problematisch werden. Denn der Staat hatte sich seine derzeitige Position als global drittgrößter Exporteur hart erarbeitet. Und das in nicht einmal zehn Jahren. Noch um die Jahrtausendwende hatte das Land sein Getreide lediglich der eigenen Bevölkerung zur Verfügung gestellt. Was jedoch weniger am Wollen denn am Know-how und an der Wettbewerbsfähigkeit der Russen lag.

Hilfsgelder zugesichert

Im Vorjahr hat Russland 22 Mio. Tonnen Getreide in andere Staaten geliefert. 2009 wurden in Summe 97 Mio. Tonnen geerntet. Heuer musste der Ertrag bereits mehrmals nach unten korrigiert werden. Die letzte Schätzung liegt bei rund 70 Mio. Tonnen. Die Versorgung im Inland dürfte vorerst aber keine Probleme bereiten, denn in den Speichern lagern 9,5 Mio. Tonnen. Doch neben der Sommerernte könnte die Aussaat des Winterweizens beeinträchtigt werden. Das sagen zumindest die Analysten der Commerzbank. Damit der Winterweizen richtig bestellt werden kann, müsse es in den betreffenden Regionen in den kommenden Wochen ausreichend Niederschlag geben. Ministerpräsident Wladimir Putin kündigte jedenfalls Subventionen in Höhe von rund zehn Milliarden Rubel (335 Millionen Dollar) und Darlehen in Höhe von 25 Mrd. Rubel für die Landwirtschaft an.

Das Geld wird jedoch nicht über die 50 Toten hinwegtrösten, die den Bränden bislang zum Opfer gefallen sind. Hilfsorganisationen gehen von höheren Opferzahlen aus. Binnen eines Tages wurden zuletzt jedenfalls mehrere hundert Brände gelöscht. Allerdings brachen noch mehr neue Feuer aus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.08.2010)

Kommentar zu Artikel:

Russland stoppt den Getreideexport

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen