Das Ende der russischen Autos

Der Kreml fördert künftig ausländische Autobauer. Mit einem novellierten Dekret ändert der Staat die Bedingungen für ausländische Konzerne und zwingt diese, das Produktionsvolumen bedeutend zu erhöhen.

(c) Clemens Fabry

Moskau. Einst waren sie der Stolz der sowjetischen Machthaber. Lada etwa oder Volga. Selbst im postsowjetischen Doppeljahrzehnt genossen ihre Hersteller staatlichen Schutz, sodass die rückständigen autochthonen Modelle bis heute ein Drittel der Neuwagen auf Russlands Markt stellen.

Nun aber wird ihr Ende gehörig beschleunigt. Mit einem novellierten Dekret nämlich ändert der Staat die Bedingungen für ausländische Konzerne und zwingt diese, sofern sie günstig im Land produzieren wollen, das Produktionsvolumen bedeutend zu erhöhen. Bis Ende Februar konnten die Unternehmen ihre Zustimmung dazu einreichen. Sechs Autobauer, darunter VW oder Magna, haben sich dazu entschlossen.

 

Renault und Ford im Vormarsch

Das Dekret 166, wie die Regelung heißt, sieht vor, dass die Konzerne über acht Jahre lang Präferenzen für den Import von Komponenten genießen, sofern sie ihre Produktion binnen drei Jahren auf über 300.000Fahrzeuge jährlich steigern. Gleichzeitig wird der zollfreie Import für Elemente, die dem Zusammenbau dienen, auf eineinhalb Jahre beschränkt. Russland will damit ausländische Zulieferfirmen zu einer Betriebseröffnung im Land animieren.

Zu den sechs Autobauern gehört das Bündnis Renault-Nissan. Zu Beginn der Wirtschaftskrise waren die Franzosen noch zögerlich gewesen. Erst auf Druck von Premier Wladimir Putin hin begannen sie auf die Produktion im Lada-Werk Togliatti an der Wolga zu setzen. Auch Ford glaubt an den russischen Markt, der laut den Analysten von IHS Automotive schon 2013 als größter Automarkt Europas drei Millionen Pkw kaufen soll.

Die Amerikaner sind mit dem russischen Produzenten Sollers eine Allianz eingegangen. VW wiederum hat sich auf eine Allianz mit dem schwächelnden Hersteller GAZ geeinigt hat. GAZ hatte zu Beginn der Krise gemeinsam mit der russischen Sberbank und dem Zulieferer Magna die Übernahme von Opel verfolgt, war aber beim Opel-Besitzer General Motors abgeblitzt. Nun ist GAZ, das seit wenigen Monaten vom Österreicher Sigi Wolf gemanagt wird, zurück in der Gewinnzone.

Auch General Motors, Fiat und Magna haben Ende Februar der Unterzeichnung des Dekretes166 zugestimmt. Magna erwägt laut Dmitri Levtschenkov, dem offiziellen Vertreter des russischen Wirtschaftsministeriums, als Produktionsstandort die GAZ-Stadt Nischni Nowgorod oder die Exklave Kaliningrad.

 

Begünstigungen für Lada vorbei

Russland, vor der Krise zweitgrößter Automarkt Europas, erlebte 2009 einen Verkaufsrückgang, hat aber 2010 schon wieder um ein Drittel auf 1,9Millionen neuer Fahrzeuge zugelegt. Zwei Drittel davon werden im Land produziert. Noch dominieren russische Hersteller, vor allem der Lada-Produzent Awtowas. Die Firma hat in der Krise von Sondersubventionen profitiert. Zum Beispiel wurden Importzölle auf 30Prozent erhöht. Nach dem geplanten Beitritt zur WTO sollen sie aber fallen. Das Ende der russischen Autobauer dürfte so beschleunigt werden.

Die durch das Dekret 166 beschleunigten Bildungen von Allianzen führen zu einer Konsolidierung der Autobranche, kommentiert die Zeitung „Wedomosti“: „Alle russischen Werke erhalten einen ausländischen Partner. Und alle ausländischen Konzerne ersparen sich hunderte Millionen Euro für den Aufbau neuer Kapazitäten in Russland.“ „Gewiss“, schreibt „Wedomosti“, „damit verschwindet faktisch die traditionelle russische Autoproduktion – aber wer wird ihr nachweinen?“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.03.2011)

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