Geldwäsche: Österreich als „Waschmaschine“ für Russen

Im ersten Halbjahr 2011 sind 10,7 Milliarden Dollar (7,4 Mrd. Euro) an Investitionen von Russland nach Österreich geflossen. Experten stehen vor einem Rätsel. Wurden die Milliarden von Diktatoren „gewaschen“?

Symbolbild
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(c) Bilderbox / Erwin Wodicka

Moskau. Dass Österreich bei den Russen beliebt ist, ist nicht neu. Einer Sensation aber gleicht, was das Staatliche Russische Statistikamt „Rosstat“ soeben ausgewiesen hat: Im ersten Halbjahr 2011 sollen 10,7 Mrd. Dollar (7,4 Mrd. Euro) an Investitionen aus dem Riesenreich nach Österreich geflossen sein. Damit liegt Österreich bei Russlands Auslandsinvestitionen auf Platz zwei hinter der Schweiz, wohin 24,6 Mrd. Dollar geflossen sind. Die beiden Staaten haben auch schon die Jahre davor die Liste angeführt, aber nicht mit solchen Summen.
Was auf den ersten Blick die Wirtschaft freuen könnte, erweist sich bei genauerem Hinsehen als fragwürdig. „Das ist gelinde gesagt sehr verdächtig“, erklärt Sergej Aleksaschenko, Ex-Vizechef der russischen Zentralbank und Professor der Moskauer Higher School of Economics, der „Presse“. Auch die Zeitung „Wedomosti“ erntete bei einer Befragung von Finanzfachleuten Kopfschütteln.

Gelder aus illegalen Quellen

Die Fachwelt ist insofern irritiert, als im ersten Halbjahr auch gewaltige 87,7 Mrd. Dollar aus dem Ausland in Russland investiert worden sind, was den Rekordwert aus dem boomenden ersten Halbjahr 2007 um 45 Prozent übersteigt. Dabei handelt es sich bei Weitem nicht nur um reale Investitionstätigkeiten. Im Gegenteil: Das Auffälligste ist, dass genau die Hälfte davon (44,4 Mrd. Dollar) unter dem Titel „Finanztätigkeit“ nach Russland und fast genau die gleiche Summe (44,5 Mrd. Dollar) unter demselben Titel zurück ins Ausland geflossen ist. Dabei berücksichtigt die Statistik normale Bankaktivitäten gar nicht. Die Transaktionen wurden vielmehr von anderen Firmen, die Finanzdienstleistungen anbieten, erbracht, und sind als kurzfristige Kredite ausgewiesen.
Fast alle (42,9 Mrd. Dollar) kamen aus der Schweiz. In die Schweiz zurück aber floss – wie oben genannt – nur die Hälfte (24,6 Mrd. Dollar). Dafür flossen 10,7 Mrd. Dollar nach Österreich, das selbst nur vergleichsweise bescheidene 779 Mio. Dollar in Russland investiert hat.
Rosstat legt seine Quellen nicht offen. Laut Aleksaschenko könnte Russland als „Waschmaschine“ gedient haben, um illegale Gelder kurz ins Land und wieder hinauszutransferieren – und so zu legalisieren. Es könne sich aber auch um einen Teil jener Milliarden handeln, die Diktatoren im Ausland horten und die nun vielleicht vor Konfiskation geschützt werden mussten, meint der Wirtschaftspublizist Maxim Blant. Zumindest zeitlich fallen die Finanzoperationen mit den Unruhen in Nordafrika und Nahost zusammen.
Zumindest ein Teil wäre mit Währungsspekulationen mit dem Franken erklärbar, wofür aber im Normalfall Banken eingesetzt werden. Es könnte aber auch eine Gruppe von Russen aus irgendeinem Grund das Geld in mehreren Blitzaktionen von einer Offshore-Adresse über den Umweg nach Russland auf eine andere umgeschichtet haben, mutmaßt Oleg Solnzev, Finanzexperte des Moskauer Wirtschaftsinstituts ZMAKP.

Österreich als Offshore-Paradies

Demnach hat auch Österreich als „Waschmaschine“ gedient. Fest steht: Die 10,7 Mrd. Dollar gingen nicht in die Realwirtschaft, sondern flossen großteils irgendwohin weiter. Die akkumulierten Investitionen nämlich haben nur knapp zwei Mrd. Dollar betragen.
Immerhin, meint Solncev, Tendenzen treten zutage: das Ausmaß der Offshore-Ökonomie und das Phänomen, dass Schweiz und Österreich die bisherigen Offshore-Paradiese ablösen. Roman Königberg, Vizepräsident des russischen Wirtschaftsprüfers FBK, nennt neben Österreich auch Großbritannien als neuen Liebling, zumal die bisherigen wie Zypern wirtschaftlich angeschlagen seien. Nicht nur aus Russland nach Österreich werde transferiert, sondern es fließe auch Geld, das irgendwann auf einer Offshore-Insel geparkt wurde, auf dem Umweg der Legalisierung in Österreich wieder zurück nach Russland.
Der Grund: Russland hat strengere Regeln eingeführt, sodass Gelder, die aus Offshore-Inseln in Bankenbeteiligungen strömen, stärker nach ihrer Herkunft geprüft werden. Wenn Geld aus einem respektablen Staat wie Österreich komme, sei das unverdächtiger, sagt Königberg.
„Die Presse“ hat dazu in Österreich Nationalbank, Finanzmarktaufsicht und das Innenministerium (Geldwäschestelle) befragt. Die FMA verwies auf die Nationalbank. Dort hieß es, man könne die russischen Daten nicht nachvollziehen. Die OeNB werde an der Causa aber „dranbleiben“.

Auf einen Blick

10,7 Milliarden Dollar an „Investitionen“ sind laut russischem Statistikamt im ersten Halbjahr von Russland nach Österreich geflossen. Damit liegt Österreich auf Platz zwei hinter der Schweiz. Der Großteil des Geldes ging aber nicht in die österreichische Realwirtschaft, sondern floss irgendwohin weiter. Bei Finanzexperten läuten die Alarmglocken.
Eine offizielle Erklärung für die Herkunft der Milliarden gibt es nicht. Experten zufolge könnte es sich um das Vermögen von Diktatoren handeln. Eine andere Erklärung ist, dass Österreich die bisherigen Offshore-Paradiese wie Zypern ablöst. Die Gelder könnten nach der Legalisierung in Österreich über Umwege wieder nach Russland zurückfließen.

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