Jedem Haus sein Huhn - als Müllschlucker

Französische Städte verschenken an ihre Bürger Hühner. Die kleine Investition lohnt sich: Organische Haushaltsabfälle können so deutlich reduziert werden.

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Das Huhn legt nicht nur Eier, es entsorgt auch Abfall über seinen Magen. – APA/dpa

Die Hühner sind los! In französischen Städten hört man immer öfter Gegacker wie am Bauernhof. Denn die Kommunen verschenken das Lebendvieh an ihre Bürger. Was sie damit bezwecken? Die Tiere sind wahre Abfalleimer mit Federn und helfen so, den Hausmüll zu reduzieren.

Einige ländliche Regionen machten den Anfang. Wegen des durchschlagenden Erfolgs springen nun immer mehr Städte auf das Konzept auf. Die Stadtkämmerer von Bordeaux, Versailles, Rodez und Colmar im Elsass sind überzeugt: Die kleine Investition amortisiert sich schnell.

Die Rechnung ist einfach: Jeder Franzose produziert pro Jahr im Schnitt 354 Kilo an Haushaltsabfall, dessen Entsorgung der öffentlichen Hand 89 Euro kostet. Von der gesamten Menge sind knapp 40 Prozent organischer Natur, macht also 140 Kilo Biomüll. Ein Huhn frisst jährlich bis zu 75 Kilo von solchen Resten menschlicher Mahlzeiten und schlecht dosierter Einkäufe.

Da es nie allein lebt, verschenkt man sie im Doppelpack. Ein solches Paar entsorgt damit über seine Mägen den gesamten organischen Müll eines Einpersonenhaushalts und senkt die Kosten pro Kopf um 36 Euro. Die Bezirke, in denen das Experiment schon seit 2015 läuft, konnten ihre Mengen an Haushaltabfällen in Summe um 15 Prozent verringern.

Frühstücksei und Gartendünger

Diewenigen Voraussetzungen für die Abnehmer: Der Haushalt muss zumindest einen kleinen Garten haben und mit einem Käfig oder einer Einzäunung dafür sorgen, dass die Tiere nicht zur Beute von Hunden oder Füchsen werden. Ach ja, und sie dürfen weder als Brat- noch als Backhendl am menschlichen Mittagstisch landen.

Das Interesse ist groß, handelt es sich doch um ein sehr nützliches Haustier. Es liefert das morgendliche Frühstücksei, 80 bis 250 Stück pro Jahr. Seine Ausscheidungen sind zudem reich an Stickstoff – ein idealer Dünger für das Gemüsebeet. Die Tierchen haben auch einen pädagogischen Effekt: Die Haushalte trennen in seiner Gegenwart viel bewusster den Abfall.

Manche Gemeinden statten sogar Schulen und Altersheime mit kompletten Hühnerställen aus. Die Staatsbahn SNCF installiert am Rande ihrer Bahnhöfe Hühnerfarmen und ruft die Anrainer dazu auf, ihren Biomüll dort abzuladen.

Die Idee macht nun auch als kommerzielle Anwendung Schule: In der belgischen Hauptstadt Brüssel bietet ein hippes Start-up namens "Wonderpoule" seine Dienste an. Es vermarktet nicht nur Hühner als Ersatz für Mülleimer, sondern bietet auch einen Rundumservice an: Streu und Körner werden frei Haus geliefert. Per Fahrrad, versteht sich.

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