Erfolgreich trotz Krise mit Jeans nach Maß

Die „Gebrüder Stitch“ gaben ihre sicheren Marketingjobs auf, um maßgeschneiderte Jeans zu verkaufen. Mit Erfolg: Die Wartezeiten betragen mittlerweile bis zu acht Wochen – trotz Preisen bis zu 500 Euro.

(c) Die Presse (Gabriele Paar)

Wien. Sechs Stunden. Genauso lange hat es gedauert, bis das Geschäft mit den maßgeschneiderten Jeans lief, sagt Moriz Piffl nach einer kurzen Nachdenkpause. Gut zwei Jahre ist es her, dass er gemeinsam mit seinem Kollegen Michael Lanner seinen sicheren Job im Marketingbereich aufgab, um unter dem Label „Gebrüder Stitch“ maßgeschneiderte Jeans anzubieten. Seitdem stellen sich vorrangig Herren um die maßgeschneiderten Hosen mit einem Preis von 240 bis 340 Euro an. Die Wartezeiten dauern zwischen zwei und acht Wochen – für einen Beratungstermin.

 

Sturschädl und Marketingtalente

Von wirtschaftlich schwierigen Zeiten oder gar einer Krise ließen sich die beiden nie wirklich beeindrucken. „Es gab im Vorfeld sehr viele negative Rückmeldungen aus unserem persönlichen Umfeld. Es hieß immer, das funktioniert nicht. Und schon gar nicht in Wien. Wir sind aber beide Sturschädl“, so Piffl. Und offensichtlich auch Marketingtalente. Zum Start gab es eine große Party, inklusive anwesendem Szenevolk, das für die Mundpropaganda sorgte. „Wir dachten anfangs, dass zuerst unser persönliches Umfeld zu den Kunden zählen wird. Das war aber nicht so. Fremde von unserer Arbeit zu überzeugen, war wesentlich einfacher.“ Die ließen nicht lange auf sich warten. Und: Auch jenes Publikum, mit dem die beiden eigentlich nicht gerechnet hatten – sie nennen es die Bürgerlichen und Konservativen –, kam ebenso. „Da kommt der 70-jährige Unternehmertyp mit dem Vornamen in vier Generationen genauso wie die 50-jährige Gymnasiallehrerin“, sagt Piffl.

Das Geschäft läuft gut. 30 bis 50 Hosen inklusive Accessoires wie Gürtel verlassen mittlerweile pro Monat die Werkstatt, in der sechs Personen arbeiten. 60 Prozent der Kunden sind Männer. Mittlerweile gibt es auch eine maßgeschneiderte Jean für Fahrradfahrer, die auf 300 bis 500 Euro kommt. Seit Anfang des Jahres sind die „Gebrüder“, die in Wirklichkeit gar nicht verwandt sind, in einer Werkstatt in einem Innenhof bei der Mariahilfer Straße untergebracht. Die Wände zieren bunte Graffiti und das Logo, das die Köpfe der Gebrüder zeigt. Auf der einen Seite stehen ein paar alte Nähmaschinen und eine von einem befreundeten Designer gestaltete Umkleidekabine. Auf der anderen Seite wartet eine coole Bar mit Retro-Möbeln und – Grundausstattung bei einem jungen, urbanen, kreativen Unternehmen – eine große Retro-Kaffeemaschine. Gleich daneben befindet sich der ebenso angesagte Club Elektro Gönner.

 

Nachhaltigkeit fürs Gewissen

Piffl und Lanner treffen mit ihrem Konzept offenbar den Zeitgeist. Maßgeschneiderte Jeans aus Biobaumwolle, die in Wien produziert werden, inklusive stylishem Drumherum – wer etwas auf sich hält und über das nötige Geld verfügt, kauft heute so ein. Wobei, das mit der Nachhaltigkeit ist zwar den Unternehmern selbst wichtig. Piffl glaubt aber nicht, dass sie ein Kaufmotiv ist. „Man kauft eine Jeans, um gut auszusehen, sexy zu sein, einen knackigen Hintern zu haben oder weil man mit einer Marke ein Image transportieren will, aber nicht weil sie nachhaltig produziert wurde. Die Nachhaltigkeit ist gut fürs Gewissen. Man kann für sich selbst dann rechtfertigen, warum man 300 Euro für eine Hose ausgibt“, so der Unternehmer. Allerdings beobachtet er ein Umdenken bei Kaufentscheidungen – weg von vielen Billigprodukten, hin zu wenigen, hochwertigen Stücken, die dafür auch etwas mehr kosten dürfen.

Zu den größten Hürden zählt Piffl den Schritt „raus aus der Komfortzone hin zu etwas Unbekanntem, Handwerklichem, Lokalem“. Bereut hat er es nie.

 

Ausbau für heuer geplant

Noch für heuer ist etwas Neues geplant. Piffl will noch nicht so viel verraten, meint nur, das Projekt soll wachsen, man wolle aber dauerhaft in Wien produzieren. Fast klingt es ein bisschen nach neuen Standorten.

Auf die Frage nach dem Erfolgsrezept meint er nur: „Dass wir nicht lange gewartet haben, sondern es einfach gemacht haben.“ Krise? Ja, eh, aber die habe er ignoriert, sagt der Unternehmer und fügt nach einer kurzen Nachdenkpause hinzu: „Wenn das Krisenzeiten sind, freu ich mich auf Nichtkrisenzeiten.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2012)

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