Burn-out im Job: Wo gibt es Hilfe?

Der Gesetzgeber will nun Unternehmen verpflichten, Maßnahmen zur Prävention zu ergreifen. Denn Burn-out-Patienten verursachen einen volkswirtschaftlichen Schaden in Milliardenhöhe.

Burnout gibt Hilfe
Burnout gibt Hilfe
(c) Bilderbox

Rund 900.000 Österreicher nehmen jährlich wegen psychischer Leiden Leistungen der Krankenversicherung (wie Krankengeld, Medikamente und stationäre Aufenthalte) in Anspruch. Dies geht aus Erhebungen des Hauptverbands der österreichischen Sozialversicherungsträger hervor. 840.000 Österreicher erhalten vom Arzt Psychopharmaka verschrieben, davon sind zwei Drittel Antidepressiva. „In den letzten Jahren hat sich die Zahl der Krankenstände wegen psychischer Leiden deutlich erhöht“, sagt Christoph Klein, Vizechef des Hauptverbands der Sozialversicherungsträger. Nun nimmt sich auch der Gesetzgeber dieses Themas an. Noch im Herbst soll im Parlament eine Novelle des Arbeitnehmerschutzgesetzes beschlossen werden. Die Begutachtungsfrist endet nächste Woche. Laut dem Gesetzesentwurf werden die Unternehmen verpflichtet, ab Anfang 2013 auch die psychischen Belastungen am Arbeitsplatz zu evaluieren.

Die Lage muss von Experten beurteilt werden und bei Bedarf sind Maßnahmen zur Verbesserung zu ergreifen. Bei der Überprüfung der Stressfaktoren sollen unter anderem externe Arbeits- beziehungsweise Organisationspsychologen eingesetzt werden.

Schon bisher waren Unternehmen verpflichtet, Evaluierungen des Arbeitsplatzes vorzunehmen. Der bisherige Fokus lag allerdings auf der physischen Sicherheit der Beschäftigten und möglichen Gefährdungen durch Chemikalien und gefährliche Arbeitsvorgänge. Künftig müssen auch psychische Faktoren wie Zeitdruck und Monotonie berücksichtigt werden.


Das Arbeitsinspektorat prüft. Für die Überwachung der gesetzlichen Vorschriften ist das Arbeitsinspektorat zuständig. Die Inspektoren werden künftig bei Routinekontrollen oder Schwerpunktaktionen überprüfen, ob die Firmen die psychischen Belastungen ihrer Mitarbeiter ernst nehmen und einen Evaluierungsbericht erstellt haben, und wie plausibel dieser ist.

Das Arbeitsinspektorat hat dazu einen 35 Seiten umfassenden Leitfaden ins Internet gestellt, worauf Unternehmen bei der Evaluierung achtgeben sollen. Wegen des Gesetzes gehen in der Wirtschaft die Wogen hoch. Der Ring freiheitlicher Wirtschaftstreibender hält die Novelle für „praxisfremd und nicht umsetzbar“. Durch den Einsatz externer Arbeits- beziehungsweise Organisationspsychologen werde den Betrieben ein „enormer finanzieller, zeitlicher und bürokratischer Aufwand aufgebürdet, dessen Sinnhaftigkeit und Umsetzbarkeit in den Sternen steht“, kritisiert RfW-Bundesobmann Fritz Amann. Die Wirtschaftskammer Österreich, die an dem Gesetz mitgearbeitet hat, sieht das anders. Laut Dietmar Schuster, der in der Kammer für den Bereich Gesundheit zuständig ist, entstehen den Unternehmen kurzfristig kaum Kosten.

Denn das Gesetz sehe vor, dass die in den Unternehmen bereits tätigen Arbeitsmediziner auch für den psychologischen Bereich zuständig sein können. Deswegen sollen sich Arbeitsmediziner künftig auch in der Arbeits- und Organisationspsychologie ausbilden lassen.


Psychologenquote? Der Arbeiterkammer geht das Gesetz nicht weit genug. Sie ist dafür, dass in Betrieben ab einer bestimmten Größenordnung eine arbeitspsychologische Betreuung gesetzlich verankert wird.

Doch von Zwang und Quotenregelungen für Arbeitspsychologen will die Wirtschaftskammer nichts wissen. „Das Know-how des Arbeitsmediziners reicht aus, wenn dieser psychologisch geschult ist“, so Schuster. Dass es mehr Krankenstände aufgrund psychischer Erkrankungen gebe, habe laut Schuster vielfältige Ursachen und könne nicht nur auf das Arbeitsumfeld zurückgeführt werden. „Die Ursachen reichen vom Arbeitsplatz bis zum familiären und gesellschaftlichen Umfeld.“

Entgegen der weitverbreiteten Meinung sollen psychische Erkrankungen in den vergangenen Jahrzehnten nicht zugenommen haben, nur das allgemeine Bewusstsein dafür sei gestiegen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit. Im Gegensatz zu früher und aufgrund des Konkurrenzdruckes können und wollen es sich viele Firmen nicht mehr leisten, Menschen mit psychischen Problemen einfach mitzutragen. Das ist auch ein Grund, warum psychische Erkrankungen in Österreich zum häufigsten Grund für Invaliditätspensionen geworden sind.


Eine Bank als positives Beispiel. Als Vorbild, wie psychische Probleme am Arbeitsplatz angegangen werden, dient unter anderem die Erste Bank. Im institutseigenen Gesundheitszentrum sind drei Arbeitsmediziner, zwei Psychologen und eine Physiotherapeutin beschäftigt. „Wir sind für 4500 Mitarbeiter in Wien, Niederösterreich und Burgenland zuständig“, sagt Eva Höltl, Leiterin des Gesundheitszentrums.

Ihren Angaben zufolge waren im Jahr 2006 in Österreich acht Prozent der Erkrankungen auf psychische Probleme zurückzuführen, bei der Erste Bank war dies damals ebenso. Dann hat sich das Institut verstärkt um dieses Thema gekümmert. Der Erfolg kann sich sehen lassen:

Während in Österreich im Vorjahr elf Prozent der Erkrankungen mit psychologischen Problemen zusammenhängen, sind es bei der Erste Bank nur noch vier Prozent. Höltl setzt den Schwerpunkt auf Prävention. So werden alle Führungskräfte geschult, wie sie Probleme bei ihren Mitarbeitern erkennen und wie sie darauf reagieren sollen. „Es war wichtig, dass wir die Führungskräfte eingebunden haben“, so Höltl. Zudem gibt es im Gesundheitszentrum eine Vielzahl an Angeboten wie Entspannungstechniken und psychologischen Einzelberatungen. Die Kosten für das Gesundheitszentrum gibt die Bank nicht bekannt. Höltl: „Durch die Präventionsmaßnahmen haben wir aber viel Geld gespart.“

Wer allerdings in einer Firma arbeitet, in der psychische Probleme nicht wirklich ernst genommen werden, muss auf seinen Hausarzt oder einen Psychotherapeuten vertrauen. Als erste Krankenkasse in Österreich hat nun jene für die Mitarbeiter der Stadt Wien erklärt, dass sie für alle Versicherten die gesamte Therapie bei einem Burn-out übernimmt. „Wenn wir verstärkt in Richtung Psychotherapie gehen, dann können wir höhere Folgekosten vermeiden“, sagt Generaldirektor Josef Buchner. Dabei streiten sich Experten, ob es sich beim Burn-out nur um eine Modeerscheinung oder um eine tatsächliche Krankheit handelt (siehe Kasten).


Therapie auf Krankenschein.
Die Bedingungen, wann eine Kasse die Bezahlung für Psychotherapie übernimmt, sind in Österreich regional sehr unterschiedlich geregelt. Im Jahr 2001 haben die Kassen Kontingente für Psychotherapie eingeführt. Weil der Bedarf aber wesentlich größer ist, sind diese Kontingente rasch ausgeschöpft. Lange Wartezeiten sind die Folge. Im Vorjahr haben die Kassen österreichweit 500.000 Psychotherapiestunden finanziert. Damit konnten rund 35.000 Menschen versorgt werden. Daneben gibt es eine Zuschussregelung. Wer seine Therapie privat bezahlt, erhält von der Kasse einen Zuschuss von 21,80 Euro pro Stunde. „Das ist viel zu wenig“, sagt die Präsidentin des Psychotherapie-Bundesverbandes, Eva Mückstein. Denn eine Stunde Therapie kostet zwischen 80 und 120 Euro.

Dass nach der Krankenkasse für die Bediensteten der Stadt Wien weitere Anbieter die gesamte Therapie für Burn-out-Patienten übernehmen, ist unwahrscheinlich. Ebenso schwer umsetzbar ist eine Erhöhung der Kontingente für Psychotherapiestunden. „Wir haben das Problem, dass man den Kassen ein Sparpaket auferlegt. Daher kann man nicht gleichzeitig verlangen, dass wir mehr Geld für Psychotherapie ausgeben“, sagt Christoph Klein, stellvertretender Generaldirektor des Hauptverbands der Sozialversicherungsträger.

Kritiker behaupten, dass hier am falschen Platz gespart wird. Angaben des Hauptverbands zufolge werden in Österreich jährlich 250 Millionen Euro für Psychopharmaka ausgegeben. Für Psychotherapie und klinisch psychologische Diagnostik aber nur über 70 Millionen Euro. 78 Prozent der Psychopharmaka werden übrigens von Hausärzten verschrieben.

Angesichts des Sparkurses setzen viele Kassen auf präventive Maßnahmen. So wird das vom Sozialministerium gestartete Programm „fit to work“ unterstützt. Wer psychische Probleme hat, muss berücksichtigen, dass es viele unterschiedliche Therapieformen gibt. Und nicht jede wird subventioniert. So hat sich die Wiener Gebietskrankenkasse vor Kurzem entschlossen, die klassische tiefenpsychologische Langzeitpsychoanalyse nicht mehr zu bewilligen. Auch wollen einige Kassen die Kontingente für Psychotherapiestunden teilweise neu regeln. Denn in vielen Bundesländern kommt es vor, dass Erkrankte eine Liste von Psychotherapeuten erhalten. Sie müssen dann herumtelefonieren, bei welchen Therapeuten noch ein von der Kasse finanzierter Platz frei ist. Künftig soll sichergestellt werden, dass sozial Bedürftige und Leute mit einer besonders schwerwiegenden Diagnose leichter Hilfe bekommen.

ist Burn-Out eine Modekrankheit?

Das Thema Burn-out ist zwar in aller Munde, doch die Wissenschaft tut sich damit schwer. Es gibt einen Katalog der Weltgesundheitsorganisation (WHO)mit anerkannten Krankheiten. Dort wird Burn-out unter der Ziffer Z 73.0 erwähnt. Nach dieser Einstufung ist das „Ausgebranntsein“ eine Rahmen- und Zusatzdiagnose, aber keine voll anerkannte Krankheit. Daher weichen Ärzte bei ihrer Behandlungsdiagnose auf andere Begriffe wie beispielsweise Depression aus.

Volkswirtschaftlicher Schaden. Eine Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo) und der Donauuniversität Krems, die im Auftrag der Arbeiterkammer durchgeführt wurde, hat ergeben, dass dem Staat und den Unternehmen in Österreich durch psychische Erkrankungen am Arbeitsplatz jährliche Kosten von 3,3 Milliarden Euro entstehen. Rechnet man auch die Beschäftigten ein, die „unter Stress Pillen nehmen“ und deshalb am Arbeitsplatz erscheinen, aber nicht mehr wirklich produktiv sind, liegen die gesamtwirtschaftlichen Kosten sogar doppelt so hoch, sagt Studienautorin Gudrun Biffl. Die Wirtschaftskammer wehrt sich gegen einseitige Darstellungen, die nur die Umstände am Arbeitsplatz als Auslöser für psychische Probleme nennen. Denn die Ursachen können vielfältig sein – wie Stress im Privatleben oder in der Freizeit.

Krankenstände. Die Heilung von psychischen Leiden dauert lange. Wer wegen psychischer Probleme arbeitsunfähig ist, bleibt 40 Tage im Krankenstand, während der Gesamtdurchschnitt aller Krankenstände bei elf Tagen liegt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.09.2012)

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