Österreich bekämpft Kinderarmut am besten

Das österreichische Sozialwesen halbiert das Armutsrisiko für Kinder, lobt die Europäische Kommission. Und die besten Aussichten, einen Arbeitsplatz zu finden, hat man in Europa derzeit in Österreich.

(c) AP (Joerg Sarbach)

Brüssel. Europa driftet sozial und wirtschaftlich auseinander. 25,3 Millionen Menschen waren hier mit Ende Juli arbeitslos: Das ist mehr als jeder Zehnte, und es sind so viele wie nie zuvor in der Geschichte der Union. Und die düstere Wirtschaftslage trifft Europas Kinder besonders hart: Mehr als ein Fünftel der Kinder in den kriselnden Mittelmeerländern Spanien, Griechenland, Portugal und Italien ist heute arm oder von Armut gefährdet. Genauso schlimm, teils noch schlimmer ist die Lage in Ländern Osteuropas, von denen man für gewöhnlich nur eine rasante wirtschaftliche Aufholjagd wahrnimmt: Lettland, Litauen, Polen, Rumänien haben Kinderarmutsraten, die teils höher sind als jene der Euro-Krisenländer.

Doch zumindest einen Funken Hoffnung enthält der neue Bericht der Europäischen Kommission zur sozialen und Beschäftigungslage, dem diese Befunde entstammen: Kinderarmut lässt sich wirksam bekämpfen. Und Österreich ist darin europaweit am erfolgreichsten: Die österreichischen Leistungen für Familien und Kinder halbieren die Kinderarmut. Nur in Finnland und Ungarn ist das Sozialwesen ähnlich wirksam (siehe Grafik).

 

Elternarbeit beugt Kinderarmut vor

Die Definition von Armut ist schwierig und heiß umstritten. In Europa einigt man sich darauf, die Anzahl jener Menschen zu vergleichen, die weniger als 60 Prozent des Medians des gewichteten Jahreseinkommens zum Leben haben. Anders gesagt: Wenn man die Einkommen aller Einwohner der Größe nach auflistet, ist jeder arm, der weniger als 60 Prozent von dem hat, der in dieser Reihe genau in der Mitte steht.

Die Kommission hat die 27 nationalen Systeme nicht im Detail studiert, sondern anhand der Statistiken allgemeine Grundzüge erfolgreicher Sozialpolitik zu erkennen versucht. Sie kam dabei zu zwei Einsichten: Erstens klaffe die Wirksamkeit der einzelnen Systeme so stark auseinander, dass man in den schlechter positionierten Ländern sehr viel schon dadurch gewinnen würde, wenn die Sozialtransfers gezielter gestaltet würden. So gäben zum Beispiel Deutschland und Österreich ähnlich viel für kinderbezogene Sozialleistungen aus (rund 3,2 Prozent). Doch das deutsche Sozialwesen senkt die Kinderarmut nur um 40 Prozent, also weniger als in Österreich.

Zweitens beuge man Kinderarmut am besten vor, indem man dafür sorgt, dass die Eltern (und zwar beide Elternteile) Arbeit haben. „Die Arbeitstätigkeit der Eltern kann durch die Kosten der Kinderbetreuung, das Steuer- und Sozialsystem oder niedrige Gehälter behindert werden.“

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Griechen arbeiten offiziell am längsten

Die Erhebungen der Kommission liefern einige weitere interessante Erkenntnisse. So arbeiteten im untersuchten heurigen zweiten Quartal die Griechen am längsten (42,2 Wochenstunden) – gleichauf mit den Österreichern. Am kürzesten arbeiteten vollzeitbeschäftigte Finnen, Italiener und Iren (39,2 und 39,4 Wochenstunden).

Und: Die besten Aussichten, einen Arbeitsplatz zu finden, hat man in Europa derzeit in Österreich – erst dahinter kommen Schweden, die Niederlande und Finnland.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.09.2012)

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