Architekt: „Was gilt Wort der Nationalratspräsidentin?“

Der Umbau des Parlaments gerät bereits während der Planungsphase in Turbulenzen. Der Sieger des Architektenwettbewerbs steht mit leeren Versprechen da und kämpft um seine Existenz.

Barbara Prammer
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Barbara Prammer – Die Presse

Wien. „Jetzt geht es um meine Existenz“, sagt der Linzer Architekt Andreas Heidl. Es ist Donnerstagnachmittag, und er sitzt in einem Wiener Kaffeehaus, trinkt Tee. Um 14 Uhr hatte er ein klärendes Gespräch mit Nationalratspräsidentin Barbara Prammer. Von ihr wollte er wissen, warum er 2008 als Sieger des Architektenwettbewerbs für den Plenarsaal bejubelt und gefeiert wurde und vor wenigen Tagen plötzlich einen Brief bekommen hat, dass die Vergabe nun widerrufen wurde. „Sie hat sich 30 Minuten Zeit genommen“, sagt Heidl.

Danach war für Heidl klar, dass aus seinem Traum, das Parlament mitzugestalten, ein Albtraum geworden ist. „Ich werde klagen müssen“, sagt er. Soll heißen: Er wird gegen den Widerruf Einspruch beim Bundesvergabeamt erheben. „Ich habe bisher immer nur darum gebeten. Aber jetzt verlange ich, dass die Nationalratspräsidentin ihre Zusagen einhält“, sagt Heidl. „Wo sind wir, wenn wir den Spitzen des Staates nicht mehr vertrauen können? Was gilt das Wort einer Nationalratspräsidentin und eines Parlamentsdirektors?“ Heidl ist aufgebracht.

 

„Wir haben unseren Sieg totgeschwiegen“

Parlamentsdirektor Harald Dossi war bei dem Gespräch anwesend. „Wir wollen einem renommierten Architekten keinen Schaden zufügen“, versicherte er der „Presse“. Aber seit der Vergabe habe sich viel geändert. Natürlich sei man an einer gütlichen Einigung interessiert, aber diese müsse juristisch abgesichert sein. „Es handelt sich schließlich um Steuergeld“, sagt Dossi. Dass Heidl sich ans Bundesvergabeamt wendet, sei ein Weg, um Rechtssicherheit zu erlangen. „Wir werden jede Entscheidung akzeptieren.“

Irgendwie hat Heidl es schon damals geahnt. Als am Tag seines Sieges in seinem kleinen Büro die Sektkorken knallten, sagte er zu seinen Mitarbeiten: „Ab jetzt leben wir nur noch von diesem Wettbewerb, wir werden kaum noch andere Aufträge bekommen.“ Er hat recht behalten. Wer ein derartiges Prestigeprojekt ergattert, der gelte für private Bauherren von vornherein als unerschwinglich. „Ich habe seit damals nur zwei Direktaufträge erhalten“, erzählt er. Und die gab es, weil die Auftraggeber nicht wussten, dass er den Sitzungssaal des Nationalrats gestalten soll. „Wir haben unseren Sieg totgeschwiegen“, erzählt Heidl. Umso intensiver stürzte er sich in das Projekt seines Lebens. Phasenweise habe er bis zu 40 externe Mitarbeiter engagiert, erzählt er. Wie viel Geld er ins Projekt gesteckt hat? „Ich möchte den Betrag nicht nennen“, sagt er und fügt hinzu: „Er ist sehr hoch.“ Ganz für Gottes Lohn habe Heidl nicht gearbeitet, betont Dossi. „2011 erhielt er für seine Vorleistungen 400.000 Euro“, sagt der Parlamentsdirektor.

 

Mindestens 250 Millionen Euro Kosten

Warum es überhaupt so weit kommen musste? Seit dem Wettbewerb habe sich eben viel geändert, argumentiert Dossi. „Wir sind auf eine Reihe juristischer Probleme gestoßen.“ 2008 glaubte man, die Sanierung des Plenarsaals reiche. Erste Berechnungen beliefen sich auf 17 Millionen Euro. Doch von Mal zu Mal wurde klarer, dass nicht nur ein Saal, sondern das ganze Gebäude ein Sanierungsfall ist. Heidls Projekt sei mit „einer effizienten Gesamtsanierung nicht vereinbar“, heißt es nun. Dossi verweist vor allem auf das finanzielle Risiko. Zwei Entwürfe unter einen Hut zu bringen käme wohl teurer als eine Generalsanierung in einem Guss.

Für Heidl sind das konstruierte Argumente. Spätestens seit 2010 sei bekannt, dass der Umbau mindestens eine Viertelmilliarde Euro kosten wird, sagt er und verweist auf mehrere Gutachten. Und trotzdem sei ihm auch danach versichert worden, dass an seinem Projekt festgehalten wird. Heidl zieht ein „Memorandum of Understanding“ aus der Tasche. Es ist am 9. Februar 2012 notariell beglaubigt worden. Es trägt die Unterschrift des damaligen Parlamentsdirektors Georg Posch. Darunter einen Stempel „Republik Österreich“. In dem Dokument wurde festgehalten, dass das Siegerprojekt in den Parlamentsumbau „integriert“ wird und „Heidl als Subplaner des Generalplaners“ agieren soll. „Ich habe also die schriftliche Zusage des Parlamentsdirektors“, sagt Heidl. Poschs Nachfolger Dossi sagt, die juristischen Probleme seien erst nach dieser Vereinbarung zutage getreten.

Im zweiten Anlauf wird die Generalsanierung nicht in einem anonymen Verfahren vergeben, sondern in einem „Verhandlungsverfahren mit wettbewerbsähnlichem Charakter“. In dem Verfahren wissen die Juroren, von wem welches Projekt stammt. „Präsidentin Prammer hat gemeint, ich könnte mich ja noch einmal bewerben“, erzählt Heidl.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2012)

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