Ethik: „Wir haben das Gefühl für Anstand verloren“

An der Karl-Franzens-Universität Graz diskutierten der Präsident der Oesterreichischen Nationalbank Claus Raidl und ÖBB-Chef Christian Kern über den Sinn von Unternehmensethik und den fragwürdigen CSR-Hype.

Claus Raidl
Claus Raidl
Claus Raidl – (c) APA (HELMUT FOHRINGER)

Graz. „Erfolgreiches Wirtschaften und verantwortungsbewusstes Handeln dürfen für Unternehmen keine Gegensätze sein.“ Mit diesen Worten eröffnete Wolfgang Bretschko, Vorstandsvorsitzender der Styria Media Group, am Montagabend eine Diskussionsveranstaltung, die der Frage nachging: „Wozu Unternehmensethik?“ Die Runde war der Auftakt zu einer Kooperation zwischen der Styria Media Group und dem Masterstudium „Angewandte Ethik“ an der Karl-Franzens-Universität Graz.

Was sperrig klingt, entwickelte sich rasch zu einer fundierten Debatte über Anleitungen zu moralischem Handeln in Unternehmen. „Wir haben das Gefühl für Anstand verloren“, sagte Claus Raidl, Präsident der Oesterreichischen Nationalbank, und nahm seine eigene Branche in die Pflicht: „Es ist unvorstellbar, wie ein Bankmanager zweistellige Millionenbeträge kassieren kann, ein Institut an die Wand fährt und dennoch eine hohe Abfertigung bekommt.“ Das sei unethisch, denn jeder private Unternehmer müsse dafür geradestehen, wenn er nicht richtig wirtschaften würde.

Raidl, langjähriger Vorstandsvorsitzender des österreichischen Stahlkonzerns Böhler-Uddeholm, zeigte sich überzeugt, dass ein Kodex für Unternehmensethik dieses Problem nicht lösen könne. Er setzt auf Individualethik, auf die Verantwortung des Einzelnen. Man müsse Mitarbeitern und Managern das Gefühl für Anstand zurückgeben, so Raidl. Kodizes, wie der Corporate Social Responsibility-Plan, den Österreich nach Vorgaben der Europäischen Union bis Jahresende erlassen muss, sind für Raidl nicht zielführend. „In Österreich haben wir, was Kodizes angeht, keine Tradition.“

Ähnlicher Meinung war auch Christian Kern, Vorstandschef der ÖBB. Er beobachtet die CSR-Industrie mit Skepsis. Häufig würde es Unternehmen nur um „Behübschungsaktivitäten“ gehen, diese solle man tunlichst nicht überbewerten. „Unternehmensethik darf man nicht den Unternehmen selbst überlassen“, findet Kern. Für moralisches Handeln im Wirtschaftsleben sieht er drei große Bedrohungen: die Bilanz, den Markt sowie den globalen Wettbewerb. Demnach würde auch nur eine globale Unternehmensethik Aussicht auf Erfolg haben: „Die Wettbewerbsfähigkeit unseres Standortes muss erhalten bleiben, Unternehmen dürfen durch Einhaltung ethischer Standards nicht benachteiligt werden.“

Gewinn oder Moral – oder beides?

Als sich eine Zuhörerin, Pächterin einer Trafik am Grazer Hauptbahnhof, bei ÖBB-Vorstand Kern über zu hohe Mieten und kein Entgegenkommen bei Vertragsverhandlungen beschwerte, wurde die Diskrepanz zwischen moralisch richtigem und wirtschaftlichem Handeln offensichtlich: „Wir sind ein Wirtschaftsunternehmen und müssen Gewinne erzielen“, sagte Kern. „Auf der anderen Seite wollen wir unsere langjährigen Partner ordentlich behandeln.“ Kern erklärte sich bereit, den Fall zu prüfen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.11.2012)

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