Wirtschaftskrise bringt Konkursrichtern viel Arbeit

Österreichs Unternehmen haben in der Finanzkrise 2008/09 ihre Reserven aufgebraucht und dem neuerlichen Wirtschaftsabschwung nichts mehr entgegenzusetzen. Handel und Bau sind besonders betroffen.

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Symbolbild – (c) AP (ROBERTO PFEIL)

Wien/Eid. Nichts ist mehr so, wie es war – auch nicht an der Pleitenfront. Bisher spiegelten die Unternehmensinsolvenzen zeitversetzt um ein halbes bis dreiviertel Jahr die Wirtschaftslage wider. Heuer ist das anders: „Die zu Jahresmitte einsetzende Konjunkturabkühlung hat sich unmittelbar in einem drastischen Anstieg der Insolvenzen niedergeschlagen“, sagt Franz Blantz vom Alpenländischen Kreditorenverband (AKV) zur „Presse“. 6239 Unternehmen geraten laut AKV-Schätzung heuer in Schieflage, das sind um knapp zwei Prozent mehr als 2011. Sie hinterlassen 3,16 Mrd. Euro Schulden.

Allerdings werden deutlich mehr Verfahren eröffnet: 3479 Fälle bedeuten ein Plus von 6,46 Prozent. Noch mehr Verfahren wurden seit 2005 nur im Krisenjahr 2009 eröffnet, nämlich 3726. Die neuerlich rollende Pleitewelle bedeutet für die Konkursgerichte viel Arbeit: Pro Arbeitstag scheitern 24 Firmen.

Blantz hat auch eine Erklärung für die alarmierende Situation, die sich angesichts der deutlich nach unten revidierten Prognosen der Wirtschaftsforscher im nächsten Jahr noch verschärfen dürfte. „Viele Unternehmen dürften zur Bewältigung der Finanzkrise 2008/09 ihre Reserven weitgehend aufgebraucht haben.“ In den beiden vergangenen Jahren habe sich die Wirtschaft zwar deutlich erholt. Der Aufschwung sei aber zu kurz gewesen, um den Finanzpolster zu füllen. „Dann kann schon der Ausfall eines größeren Auftrags unmittelbar zum Crash führen.“

18.000 Arbeitsplätze betroffen

Es erwischt vor allem den Mittelstand, und da wiederum jobintensive Dienstleister. Handel und Bauwirtschaft sind am meisten betroffen. Dort werden auch die meisten Arbeitsplätze vernichtet – in Summe sind es heuer knapp 18.000 (nach 14.537).

Der Mangel an Kapital wirkt sich laut Blantz auch im Insolvenzverfahren fatal aus. Ohne Hilfe der Hausbank oder eines rasch einspringenden Käufers sei ein Fortbetrieb nicht möglich. Das bestätigt die Statistik: Während die Zahl der Sanierungsverfahren mit 542 heuer nur marginal steigt, schnellt die Zahl der Konkurse von 2753 auf 2937 deutlich nach oben. Beim Versandhändler Neckermann Österreich (die viertgrößte Pleite dieses Jahres nach Schulden) sei die Weiterführung nur mithilfe der Hausbank gelungen, sagt Blantz.



Einen Negativrekord gibt es bei den Privaten – seit der Schaffung des Verfahrens 2005 wurde in Summe die 100.000-Marke überschritten. 10.670 Privatinsolvenzen liegen laut AKV auf dem Vorjahresniveau. Diese Marke dürfte es auch in den kommenden Jahren geben – obwohl zumindest zehnmal so viele Menschen überschuldet sind. Das liegt daran, dass die Kapazität der Schuldnerberatungen ausgeschöpft ist, sagt Blantz.

Weihnachtszeit – Schuldenzeit

Prinzipiell werten Kreditschützer die hohe Zahl an Privatkonkursen positiv. Denn nur Menschen, die ein regelmäßiges Einkommen – also eine Arbeit – haben, schaffen das Entschuldungsverfahren. Immerhin, im Schnitt sitzen die Schuldner auf einem Außenstand von 107.100 Euro. Gerade in der Weihnachtszeit ist die Versuchung besonders groß. Von Mitte Jänner bis Mitte Mai hat der AKV um 20 Prozent mehr Anmeldungen als im Jahresdurchschnitt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.12.2012)

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