Windtner: "Nach der Finanzkrise kommt die Energiekrise"

Der Bau neuer Kraftwerke in Europa rechnet sich nicht mehr. Schuld sei die "Überförderung" des Ökostroms, warnt Leo Windtner, Chef der Energie AG Oberösterreich. Der Blackout sei näher, als man denkt.

Leo Windtner
Leo Windtner
Leo Windtner – (c) GEPA pictures (GEPA pictures Philipp Brem)

Die Presse: Viele Energiekonzerne sind derzeit in einer skurrilen Situation. Sie würden besser fahren, wenn sie keinen Strom erzeugten, sondern nur damit handeln würden. Warum ist das so?

Leo Windtner: Das ist definitiv so und eine große Bedrohung. So, wie die Energiewende in Deutschland aufgezogen worden ist, nämlich planwirtschaftlich, kann das nicht gut gehen. Die Windenergie am Meer wird weiter ausgebaut, obwohl viele Windparks nicht in Betrieb gehen können. Das Problem ist die Bevorzugung und Überförderung von Wind und Sonne. Wir erzeugen künstlich Produktionsüberschüsse, die kurzfristig sensationell aussehen: Deutschland kann etwa einen Tag nur mit Wind und Sonne versorgt werden. Aber das verdeckt den Blick auf die Realität: Die Sonne liefert 1000 Stunden im Jahr Strom, der Wind vielleicht 4000 Stunden. Wir brauchen 8760 Stunden Strom im Jahr.

 

Können in den Zeiten nicht Gaskraftwerke und Pumpspeicher einspringen?

Der niedrige Preis macht konventionelle Kraftwerke derzeit unwirtschaftlich. Unser neues Gaskraftwerk läuft knapp 1100 Stunden statt geplanter rund 5500 im Jahr. Eines ist klar: Diese Kraftwerke werden abgestellt, und die Gefahr, dass nichts mehr gebaut wird, ist da. Die gesamte Branche ersetzt nichts mehr, der Neubau ist zum Erliegen gekommen.

Die Wien Energie steht in der Kritik wegen eines Pumpspeicherkraftwerks in Oberösterreich. Kann man damit heute noch Geld verdienen?

Wir brauchen diese Ausgleichsenergie, wenn Wind und Sonne keinen Strom liefern. Aber die Projekte rechnen sich derzeit nicht. In Oberösterreich gibt es vier Pumpspeicherprojekte, keines davon ist der Realisierung nahe. So ökologisch kann es nicht sein, damit müssen wir beim Aufsichtsrat gar nicht antreten.

Lange galten diese Stromspeicher doch als unerlässlich für die Energiewende. Warum sind sie heute unrentabel?

Das Absurde ist: Just der Ausbau der Erneuerbaren bringt diese Stromspeicher in Bedrängnis. Die Solarkraft liefert zu Mittag so viel Strom, dass die Preise für Pumpspeicherkraftwerke nicht hoch genug sind. In Kombination mit den fehlenden Netzen ist die berühmte Idee, dass Europa im Norden Wind-, im Süden Solarkraft erzeugt und den Strom in der Mitte speichert, nicht machbar. Wenn es die EU nicht schafft, eine koordinierte Energiepolitik zu betreiben, kommt nach der Finanzkrise die Energiekrise. Es geht um die Versorgungssicherheit. Wir sind ihre Gralshüter, weil wir wissen, was es für eine Wirtschaft bedeutet, wenn das Netz für ein paar Stunden zusammenbricht.

Wie groß ist die Gefahr eines Blackouts?

Die Gefahr ist akuter, als es dargestellt wird. Im letzten Jahr ist Deutschland im kalten Februar nur sehr knapp daran vorbeigeschrammt.

Welche Lösung sehen Sie? Die berüchtigten Kapazitätsmärkte, damit Gaskraftwerksbetreiber auch bezahlt werden, wenn sie keinen Strom liefern?

Da führt kein Weg daran vorbei.

Dann fördert der Stromkunde erneuerbare und fossile Stromerzeugung.

Das ist richtig. Es ist vielleicht das Schlusskapitel der Liberalisierung, dass jetzt eine Universalförderung im Strommarkt kommt.

 

Laut dem Energieregulator ist es mit der Liberalisierung auf dem Strommarkt nicht weit her. Er kritisiert, dass die Branche gesunkene Großhandelspreise an Großkunden weitergibt, nicht aber an private Verbraucher.

Hier hat man wohl vergessen, dass wir im liberalisierten Markt sind. Wenn man uns vorschreiben will, welchen Kunden wir wie viel Marge geben, müssen wir zurück zur amtlichen Strompreisregelung.

Für Private ist der hohe Strompreis aber durchaus ein Thema. Energie ist einer der Haupttreiber der Inflation.

Haben Sie schon einmal jemanden gefragt, wie viel eine Kilowattstunde Strom kostet?

 

Nur weil die Menschen nicht in Kilowattstunden denken, können sie trotzdem zu viel dafür bezahlen.

Uns kann niemand einen Vorwurf machen. Seit 1996 ist der Energiepreis nur um 15 Prozent gestiegen. Ansetzen sollte man bei den Steuern und Zuschlägen, statt die Branche pauschal anzugreifen.

Ein neues Gesetz sieht vor, dass Versorger künftig jedes Jahr weniger Strom an ihre Kunden verkaufen dürfen. Was halten Sie davon?

Dieser wirtschaftsphilosophische Ansatz ist schon ein Kontradiktorium. Wer verlangt von einem Bäcker, weniger Semmeln zu verkaufen? Aber wir müssen es auch anders sehen. Die Energie AG hat das Thema Energieeffizienz schon früh erkannt und erfüllt den Auftrag, Energieeffizienz mit Beratung näherzubringen. Wir haben zigtausende energiefressende Altgeräte aus den Haushalten geschafft. Das Problem ist, dass der Regulator meint, nur aufgrund der Wechselziffern die Qualität des Marktes ablesen zu können.

 

Der Regulator hätte es ja lieber, wenn nicht die Versorger, sondern die Netzbetreiber für die Energieeinsparungen verantwortlich wären.

Klar, weil die E-Control versucht, alles zu vereinnahmen, was mit Energie zusammenhängt. Eigentlich ist der Regulator nur für den regulierten Bereich zuständig. Dass er darüber hinausgewachsen ist wie Efeu, hat auch die Politik zugelassen. Wir haben keine Angst vor der E-Control, aber sie muss sich nicht um unsere Kunden kümmern, das machen wir selbst.

Was motiviert einen Stromkonzern eigentlich, seinen Kunden dabei zu helfen, weniger von ihm zu kaufen?

Unsere Branche wird künftig nicht von der Lieferung des Rohstoffs leben können. Es geht in Richtung Energiedienstleistungen. Und da werden wir nicht so dumm sein, dass wir uns die Butter vom Brot nehmen lassen.

 

Von wem denn?

Telekomfirmen und Handelshäuser drängen stark in den Markt. Wenn jetzt Hofer Strom verkaufen will, muss ich zwar nicht nachvollziehen, wie sich das rechnet, aber er verspricht sich davon wohl neue Kunden. Wir haben keine Angst vor Konkurrenz, aber wir wissen, dass wir nicht im geschützten Bereich arbeiten. Die Zeit ist vorbei.

Auf einen Blick

Leo Windtner steht seit 1994 an der Spitze der Energie AG Oberösterreich. Ab 1985 war der heute 62-jährige Oberösterreicher zehn Jahre lang Bürgermeister von St.Florian. Seit 2009 ist er ehrenamtlicher Präsident des ÖFB.

Die Energiewende kritisiert er als „planwirtschaftlich“. Die „Überförderung“ von Wind- und Solarstrom mache notwendige konventionelle Kraftwerke und Pumpspeicher unrentabel. Die Versorgungssicherheit Europas sei ernsthaft gefährdet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.01.2013)

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