Kloimüller: "Menschen werden in Pension mitgerissen"

Ein höherer Kündigungsschutz im Alter löst das Problem des zu frühen Pensionsantritts nicht, sagt Irene Kloimüller. In Schweden könnten stattdessen Betriebe die Sozialversicherungsbeiträge für Ältere senken.

(C) Kloimueller

Die Presse: Für den Begriff „Ältere Arbeitnehmer“ gibt es viele Definitionen. Ab wann ist man „älter“?

Irene Kloimüller: Beim AMS kommt man ab 55 Jahren in spezielle Fördermaßnahmen. Aber das ist eine willkürlich geschaffene Grenze. Die EU-Projekte fangen schon ab 45 Jahren an. In den Betrieben haben wir gemerkt, dass es zu Konflikten führt, wenn man nur eine Altersgruppe herausgreift. Fakt ist, dass ab etwa 50 die Pensionszugänge beginnen, die Anträge für die Berufsunfähigkeit zunehmen, die Vermittlung am Arbeitsmarkt schwieriger ist.

Warum will man mit 55 Jahren eigentlich unbedingt in Pension gehen?

Es gibt einerseits die echten Hackler, die nach vielen Jahren körperlicher Arbeit einfach verbraucht sind. Bei den anderen kommt der Gedanke oft, weil es eben gesellschaftlich Usus und normal ist. Oder sie sehen keine Möglichkeiten mehr, noch etwas Neues zu lernen. Dann beginnt die Ausstiegsspirale. Ärzte zum Beispiel haben grundsätzlich eine positive Haltung zur Arbeit. Trotzdem verlieren viele die Motivation, wenn zu dem, was sie als Kernarbeit verstehen, immer mehr bürokratische Aufgaben dazukommen und vielleicht auch mehr Nachtdienste.

Wie sieht die Ausstiegsspirale aus?

Das beginnt unbewusst. Es fängt etwa an, wenn einem zu verstehen gegeben wird, diese Weiterbildung bekommst du nicht mehr, du gehörst schon zu den Älteren. Oder wenn ein anderer nur wegen seines geringeren Alters vorgezogen wird. Dann folgt der innere Ausstieg. Der andere Weg ist, dass zum Beispiel der Partner in Pension geht und den anderen „mitreißt“. Oder der Freundeskreis schon in Pension ist. Je niedriger die Bildung, desto früher beginnt der Zug raus aus der Arbeit.

In Finnland war die Situation in den 1980er-Jahren ähnlich wie heute in Österreich. Viele Invaliditätspensionen, niedriges Pensionsantrittsalter. Heute gehen die Finnen mit fast 62 Jahren in Pension. Die Österreicher mit 58. Ein Vorbild für Österreich?

Wenn in Finnland jemand wegen des Berufs in die Invalidität geht, muss der Betrieb auf einen Schlag alle Sozialversicherungsbeiträge bis zum gesetzlichen Antrittsalter an die Versicherung zahlen. Gleichzeitig gibt es massive Förderprogramme in den Betrieben. Der Druck war dort früher da als bei uns, weil die Finnen eine kleine Bevölkerung und praktisch keine Zuwanderung haben. Man hat schon nach dem Zweiten Weltkrieg begonnen, sich mit dem Thema zu beschäftigen. In Österreich kommt das Problem jetzt zeitversetzt.

Es gibt ja auch in Österreich Vorschläge, um Menschen länger im Job zu halten. Halten Sie ein Bonus- oder ein Malussystem für sinnvoller?

Eine Kombination aus beidem. Willige Betriebe, die sich noch nie mit der Förderung von Älteren beschäftigt haben, sind da oft hilflos. Für Betriebe, die Ältere loswerden wollen, muss es Pönalen geben.

Wobei der Kündigungsschutz in Österreich gerade für Ältere hoch ist.

Das ist ein sehr verknappter Ansatz, denn ein stärkerer Kündigungsschutz löst das Problem nicht. In Schweden etwa kann man Sozialversicherungsbeiträge reduzieren, wenn man mehr für seine älteren Beschäftigten tut. Gleichzeitig muss der relativ leichte Zugang zur Pension gestoppt werden. Und da müssen auch Betriebe, die ja zum Teil mitgespielt haben, mehr in die Pflicht genommen werden.

Was sind in den Unternehmen die großen Brocken, wenn es um Ältere geht?

Sehr häufig wollen Betriebe Fachkräfte halten, wissen aber nicht, wie. Zum Beispiel wenn sie zwar gut sind, aber aufgrund ihres Alters bereits Probleme mit Nacht- oder Schichtarbeit haben. In einem Bauunternehmen geht es natürlich sehr viel um körperliche Entlastung. In einem Dienstleistungsunternehmen mehr um die fachliche Weiterentwicklung.

Aber was macht man dann mit einem Montagearbeiter, der seit 40 Jahren im Dienst ist?

Er kann zum Beispiel mehr Koordinationsarbeiten übernehmen. Wir beraten einen kleinen Metallverarbeitungsbetrieb. Der möchte die älteren Monteure ausbilden, damit sie sich um die Lehrlinge kümmern. Aber mit so etwas tut sich eine große Firma natürlich leichter als ein Zehnmannbetrieb.

Es wird bald mehr 60-Jährige als 20-Jährige geben. Ist der Generationenkonflikt in den Firmen schon da?

Ich glaube, dieser Konflikt ist teilweise künstlich geschaffen. Es wird gesagt: Die Älteren sind zu teuer, und dennoch kommen die Jüngeren wegen ihnen nicht rein. Das mag vielleicht auf der Mikroebene für einen Betrieb stimmen, aber auf der Makroebene stimmt das nicht. Wichtig ist, dass man die Codes der unterschiedlichen Generationen versteht.

Was sind das für Codes?

Zum Beispiel sprachliche: Ältere stört es oft, wenn die Jüngeren Hallo sagen statt Guten Tag. Oder unterschiedliche Werte. Mit 20 finde ich es super, dass ich Arbeit habe, aber natürlich habe ich eine starke Freizeitorientierung. Jemand mit 50 hat in der Freizeit schon mehr die Regeneration im Blick als das Weggehen. Da kann er eben nicht verstehen, warum jemand in der Früh müde schaut.

Was können Ältere besser?

Jüngere haben mehr Kraft, sind körperlich schneller. Bei komplexen Tätigkeiten, wo viel Erfahrung dazugehört, sind Ältere schneller. Als ich mit 30 Vorträge gehalten habe, war das immer anstrengend. Ich musste mir alles erarbeiten. Es war eine totale Stresssituation. Genau die gleichen Situationen sind für mich heute überhaupt nicht belastend. Ich kann mich viel stärker auf den Kunden einlassen. Und man hat weniger Bedürfnis, im Mittelpunkt zu stehen, weil man sich nicht mehr so sehr beweisen muss wie mit 30. Im Idealfall.

Zur Person

Irene Kloimüller ist Medizinerin und Psychotherapeutin. Sie arbeitet als Unternehmensberaterin mit dem Schwerpunkt Arbeitsfähigkeits- und Generationenmanagement. Kloimüller betreute u.a. das Programm „Fit für die Zukunft“ für die AUVA und die PVA. [Kloimüller]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2013)

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