Nur 37 Minuten pro Arbeitsstunde ist man produktiv

Hinter der stetig steigenden Produktivität in Österreich stecken vor allem technischer Fortschritt und strukturelle Veränderung. Die Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter am Arbeitsplatz hat sich hingegen kaum geändert.

(c) Maxim Shipenkov / EPA / pictured (Maxim Shipenkov)

Wien. Das Klima am Arbeitsplatz wird rauer, immer weniger Mitarbeiter müssen immer mehr Arbeit stemmen, die Fälle von Burn-out mehren sich. Der arbeitende Mensch ist am Ende seiner Leistungsfähigkeit. So in etwa lauten die Schlagzeilen und Debatten, wenn es dieser Tage um die Arbeitswelt geht. Und tatsächlich hat sich auch in Österreich die Produktivität immens gesteigert. Von 2005 bis 2012 stieg die Produktivität je geleistete Arbeitsstunde in Österreich um knapp 16 Prozent.

Doch der Grund dafür ist nicht die höhere Belastung der Mitarbeiter, sondern sind vielmehr Faktoren wie bessere Maschinen, neue Technologien und Strukturen. Das geht aus einer Studie der Wiener Produktivitätsberatung Czipin Consulting hervor. Denn die Leistungsbereitschaft und -fähigkeit des einzelnen Mitarbeiters am Arbeitsplatz hat sich in den vergangenen 15 Jahren nicht geändert. Im vergangenen Jahr war er im Schnitt 37 Minuten pro Arbeitsstunde produktiv, das entspricht 61,5 Prozent der Arbeitszeit.

Das Datenmaterial stammt aus rund 500 Einzelstudien, die Czipin im Zuge der Beratungstätigkeit durchgeführt hat. Selbst wenn man einräumt, dass die Beratung von Czipin Consulting vor allem von jenen Unternehmen in Anspruch genommen wird, die ein Effizienzproblem haben, so besitzen die Zahlen trotzdem allgemeine Aussagekraft. „Ich gehe davon aus, dass in österreichischen Unternehmen ein Potenzial zur Leistungssteigerung von 30,7 Milliarden Euro steckt“, rechnet Alois Czipin hoch.

Czipin nimmt an, dass ein Mitarbeiter bis zu 85 Prozent seiner Arbeitszeit produktiv tätig sein kann. Mit anderen Worten: Wer 51 Minuten in der Stunde tatsächlich arbeitet, hat sein Potenzial maximal ausgeschöpft.

Na ja: Kein Wunder bei der heutigen Arbeitsmoral. Die Menschen wollen sich zwar immer mehr leisten, nur mit der eigenen Leistung nehmen sie es nicht so genau. Auch ein Befund, der gegenwärtig des Öfteren zu hören ist. Und auch diesmal kommt Czipin Consulting zu einem konträren Ergebnis.

Die Arbeitsmoral steigt

Nur in 4,7 Prozent der Fälle ist die schlechte Arbeitsmoral Grund für die mangelnde Leistung. Im Gegenteil: Die Arbeitsmoral stieg in den vergangenen Jahren sogar. 2009 waren noch 12,4 Prozent der Produktivitätsverluste auf exzessive Pausen oder mangelnde Motivation zurückzuführen.

Die Unternehmen sind also selbst schuld, wenn die Mitarbeiter ihr Potenzial nicht abrufen können. 56,10 Prozent der Produktivität am Arbeitsplatz geht durch schlechte Planung und Steuerung verloren. Stichwort: ungenutzte Leerzeiten in der Produktion.

Der zweitgrößte Hemmschuh für Mitarbeiter ist der Vorgesetzte selbst. Unklare Zielvorgaben und schlechte Einbindung der Führungskraft in den Arbeitsprozess sind in 19,63 Prozent der Fälle Grund für nicht wertschöpfend genutzte Arbeitszeit.

Aber die Mitarbeiter sind doch immer schlechter qualifiziert, das muss sich doch auf die Produktivität auswirken, oder? Wieder löst sich ein Vorurteil in Luft auf. Nur in 6,6 Prozent der Fälle sind ungeeignete Mitarbeiter Grund für mangelnde Produktivität, heißt es in der Studie des Wiener Beratungsunternehmens.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2013)

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