»Dir gehört der Strom abgedreht«

Dutzende Bürgerinitiativen wollen den drohenden »Wildwuchs« an Windkraftwerken in Niederösterreich verhindern. Der Ton im Kampf um die Windmühlen ist rau.

Der geplante Großausbau der Windkraft in Niederösterreich spaltet das Land. Schon heute steht die Mehrheit aller heimischen Windräder in dieser Region. Geht es nach den Plänen der Landesregierung, soll sich ihre Zahl in den kommenden Jahren mehr als verdoppeln. Seit dieses Ziel bekannt wurde, ist ganz Niederösterreich Kampfzone. Die über 40 Windkraftbetreiber wittern ein lukratives Geschäft und liefern sich einen regelrechten Wettlauf um die besten Standorte. Kaum ein Bürgermeister einer windreichen Gemeinde im Wald- und Weinviertel, bei dem die Interessenten nicht Schlange stünden.

Gleichzeitig mit dem verordneten Windkraftturbo hat sich aber auch breiter Widerstand in der Bevölkerung formiert. Dutzende Bürgerinitiativen ziehen in den Kampf gegen die Windmühlen. Aus Sorgen um die Gesundheit, die Tiere, den Tourismus oder einfach, um die Landschaft so zu erhalten, wie sie ist. Windkraftgegner und -befürworter werfen einander gezielte Fehlinformation vor. Der Ton im Match zwischen den beiden Lobbygruppen ist rau. Jimmy Moser, Mitinitiator der windkraftkritischen Plattform „Pro Thayatal“, kann ein Lied davon singen. „Denunziationen, Drohungen und Einschüchterungen“ stünden an der Tagesordnung, erzählt er. „Dir gehört der Strom abgedreht“, sei noch die druckreifste Ansage, die der umtriebige Aktivist von der Gegenseite zu hören bekomme.


Rauer Umgangston. Ausgeschlachtet werde alles, was den knapp 50-Jährigen diskreditieren könnte. Da reicht es, wenn sich Journalisten in einem Artikel über den Waldviertler Windkraftausbau im Ton vergreifen. „Zwei junge Reporter einer Wochenzeitung aus Wien waren hier, um einen Bericht über uns zu machen“, erzählt er. Als– reichlich unglücklichen – Einstieg in die Geschichte schrieben sie, dass es bei einer Infoveranstaltung der Windkraftgegner nach Stall gerochen habe. Mehr brauchte es nicht.

Wenig später fanden sich diese Zeilen in der viel gelesenen Lokalzeitung NÖN wieder (der Rest des durchaus differenzierten Artikels freilich nicht). Der „Ehrenbeleidigung“ beschuldigt wurde in einem raumfüllenden Leserbrief nicht das Magazin, sondern Jimmy Moser. Er solle sich entschuldigen, dass die Bauern als „Stinker“ bezeichnet wurden.

„Früher habe ich mir das alles zu Herzen genommen“, sagt er. „Jetzt höre ich gar nicht mehr hin.“ Aber nicht alle haben so eine dicke Haut. In seinen Augen scheuen sich viele, ihre Meinung öffentlich preiszugeben, weil sie negative Folgen fürchten.

Die Befürworter der Windkraft sehen das anders. Die Energieunternehmen verweisen auf breit angelegte Informationsveranstaltungen. Man suche das Gespräch mit den Menschen, um Bedenken ausräumen zu können. Und das mit Erfolg. Fast immer, wenn die Einwohner einer Gemeinde kürzlich zur Volksbefragung an die Urnen gerufen wurden, entschieden sie sich für die Windkraft.

Immerhin geht es um viel Geld. Gemeinden im Wald- und Weinviertel nutzen die Möglichkeit, sich für ein paar Quadratmeter Grund ein paar tausend Euro zu sichern. Für die Betreiber rechnen sich die Anlagen sowieso. Dank geförderter Einspeisetarife bringt jede Kilowattstunde Windstrom den Ökostromproduzenten 13 Jahre lang 9,45 Cent garantiert. Im Normalfall liefert eine Anlage bei 2000 Volllaststunden im Jahr fünf bis acht Prozent Rendite. Für Moser ist das die Wurzel allen Übels: „Die massiven Förderungen haben die Schleusen geöffnet“, sagt er.

Heute fordern die Kritiker von der Landesregierung vor allem eines: Einen „Masterplan“ für den Windkraftausbau, um den „Wildwuchs“ zu verhindern. Derzeit, so der Vorwurf, seien so viele Gestattungsverträge im Umlauf, dass niemand mit Sicherheit sagen könne, wo gebaut werde und wo nicht. Vor den Wahlen hat Landeshauptmann Erwin Pröll ein entsprechendes Konzept in Aussicht gestellt. Seitdem ist es allerdings still darum geworden. Geht es nach Energielandesrat Stephan Pernkopf, sollen weiterhin die Bürger selbst entscheiden, ob sie Windkraft wollen oder nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.04.2013)

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