Stromnetz außer Kontrolle

Hackerangriff oder Softwarefehler? Eine Computerpanne hat das Steuerungssystem der heimischen Stromnetze am Wochenende lahmgelegt – und niemand hat es bemerkt.

Stromleitung im Sonnenuntergang
Stromleitung im Sonnenuntergang
Stromleitung im Sonnenuntergang – dpa/Daniel Reinhardt

Wien. Eigentlich war der vergangene Freitag ein beschaulicher Tag für Österreichs Strombranche. Die Kraftwerke produzierten weder zu viel noch zu wenig Elektrizität, der Verbrauch war konstant. Kein Grund zur Aufregung also. Bis Freitagmittag. Dann war es mit der Ruhe nämlich vorbei. Wie aus dem Nichts prasselte eine Flut von Messdaten aus dem Süden des Landes auf die Steuerungszentralen des Übertragungsnetzbetreibers APG ein. Nun war Panik angesagt. Denn Aufgabe des Unternehmens ist es, dafür zu sorgen, dass das sensible Gleichgewicht im Stromnetz erhalten bleibt. Und das ist schwierig, wenn aus einzelnen Bundesländern so viel Datenmüll kommt, dass die APG ihren direkten Draht zu den lokalen Stromnetzbetreibern verliert.

Die übliche Ausbalancierung der Netze per Mausklick war nicht mehr möglich. Stattdessen liefen – wie vor Jahrzehnten – die Telefone heiß. Der Verbund schickte Nottrupps zu den Donaukraftwerken, um die Schleusen im Fall der Fälle händisch bedienen zu können. Auch in Kärnten wurden Mannschaften zu Umspannwerken und Kraftwerken beordert. Niemand wusste, woher das Problem kam und wie weite Kreise es noch ziehen sollte.

Software-Update vergessen?

Vier Tage später ist die Situation wieder einigermaßen unter Kontrolle. Die befürchteten Blackouts und Ausfälle bei Kraftwerken sind ausgeblieben. Österreichs Stromversorgung war stets gesichert. In der Frage, wie es überhaupt so weit kommen konnte, tappen die Beteiligten aber noch im Dunkeln. Waren Hacker schuld an der plötzlichen Datenflut, die das Stromnetz an die Grenzen gebracht hat?

„Wir können keinen Hackerangriff bestätigen“, sagt Fritz Wöber, Sprecher der APG zur „Presse“. Das Unternehmen sieht sich selbst als Leidtragender der ganzen Geschichte. Die Ursachen für den Zwischenfall würden anderswo liegen. Konkreter will man bei der APG nicht werden. Österreichs Energieregulator Walter Boltz ist ebenfalls unschlüssig: „Die Gründe sind noch nicht nachvollziehbar.“ Auch er will gegenüber der „Presse“ nicht von einem gezieltem Angriff auf das Stromnetz sprechen. Wahrscheinlicher sei, dass ein simpler Softwarefehler das Netz in die heikle Situation manövriert habe. Schon machen erste Spekulationen die Runde in der Branche: So ist die Rede von Verteilnetzbetreibern, die „vergessen“ haben könnten, ihre Software auf dem neuesten Stand zu halten. Oder von inkompatiblen Programmen zweier Unternehmen.

Warnschuss für Strombranche

Die Suche nach einem Schuldigen gestaltet sich also schwierig. Mehr als Spekulationen gibt es vorerst nicht. Bei der E-Control verweist man offiziell auf kommende Woche. Dann soll ein erster, detaillierter Bericht vorliegen. Einen kleinen Vorgeschmack gibt der Energieregulator dennoch schon heute. Es sei durchaus möglich, dass das Problem aus dem Ausland nach Österreich getragen wurde, heißt es.

Für die heimische Strombranche war es ein Warnschuss. Vergleichbar mit einem Autolenker, dem mitten in der Fahrt die Hände vom Steuer gerissen werden. Zum Glück diesmal nicht in der Kurve bei 130 km/h, sondern bei gemütlichen 40 km/h mitten auf einer einsamen und geraden Landstraße. Passiert derselbe Zwischenfall an einem Tag, an dem etwa zu viel Wind für große Schwankungen im Netz sorgt, bleibt die Panne wohl nicht unbemerkt. Dann sitzen die Österreicher im schlimmsten Fall nämlich im Dunkeln.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.05.2013)

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