Stromnetz heuer 600 Mal in Gefahr

So, wie es dasteht, könne das heimische Stromnetz den massiven Ausbau der Wind- und Solarenergie nicht verkraften, warnt die APG. Der Umbau sei möglich, kostet aber 2,6 Mrd. Euro.

(c) Fabry

Wien. Der heimische Übertragungsnetzbetreiber APG schlägt Alarm: Das Stromnetz könne mit dem rasanten Ausbau der Wind- und Solarkraftwerke nicht Schritt halten. Allein heuer musste das Unternehmen 600 Stunden lang Kraftwerke notabschalten oder den kurzfristigen Handel mit Strom unterbinden, um das heimische Stromnetz zu sichern. „Die Tendenz ist stark steigend“, warnt APG-Vorstand Gerhard Christiner.

Um abschätzen zu können, was auf die Netze zukommt, hat die APG den „Masterplan 2030“ erarbeitet. Die gute Nachricht vorneweg: Das Stromnetz kann so verbessert werden, dass es die Energiewende verkraftet. Die schlechte: Es kostet 2,6 Milliarden Euro in den kommenden zehn Jahren – und sehr viel Überzeugungsarbeit bei der Bevölkerung.

 

Fossile „Säulen“ ersetzen

Grund dafür sind nicht die tendenziell steigenden Tarife (die Gebühren der Verteilnetzbetreiber sind weit höher als jene der APG), sondern der erwartete Widerstand der Anrainer. Denn schon die bisherigen Projekte, wie etwa der notwendige Lückenschluss beim Hochspannungsleitungsnetz in Salzburg, waren unter zehn Jahren Anlaufzeit nicht durchzuboxen. Und solche Projekte wird es deutlich mehr brauchen, wenn Wind und Sonne wie derzeit erwartet ausgebaut werden. Diesen Konnex bezweifelt das Ökobüro – eine Allianz von 16 österreichischen Umweltorganisationen. Für sie sei es „nicht nachvollziehbar, ob der Ausbau der Windkraft wirklich diesen Ausbau der Höchstspannungsleitungen erfordert“.

„Wir bauen keine Leitungen, weil wir das wollen. Wir bauen sie, damit die Stromversorgung sicher ist“, kontert Christiner von der APG. Statt immer nur über Einspeisetarife und Förderungen zu reden, solle man sich einmal die Frage stellen, was passiert, wenn plötzlich thermische Kraftwerke, die bisherigen „Säulen des Netzes“, zu schnell vom Netz genommen werden. Der Bau neuer Leitungen ist auch für die APG nur der letzte Schritt. Stattdessen könne man auch bestehende 220-kV-Leitungen auf 380kV umrüsten. Das ist allerdings schwieriger, als es klingt.

 

Richtung Italien wird es eng

Denn die wenigsten Stromtrassen sind unbewohnt. Kaum sind UVP-Verfahren und Leitungsbau vorbei, siedeln sich die Menschen wieder direkt unter den Leitungen an. Ein weiterer Ausbau auf den bereits genehmigten Strecken ist damit so gut wie ausgeschlossen. Stattdessen müssen neue Routen gesucht werden, was neuerlich zu Konflikten führt. Bestehende Trassen müssten von neuen Häusern freigehalten werden, fordert die APG.

Dringend ausgebaut werden sollten nicht nur die Salzburg-Leitung, sondern auch die Leitungen nach Deutschland und Italien, weil aus diesen beiden Ländern große Mengen Solarstroms nach Österreich drängen würden. Auch die 70 Jahre alten 220-kV-Leitungen in Österreich haben eine Generalerneuerung nötig. Ganz einfach wird das nicht, so Christiner: „Die Bestandsleitungen umzubauen heißt, dass ich diese Leitungen monatelang komplett abschalten muss.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.11.2013)

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