Helmut Niedermeyer: Aus dem Nichts zum Verkaufsgenie

Nach einer harten Jugend hat Helmut Niedermeyer eine erfolgreiche Handelskette aufgebaut. Ihr späterer Niedergang schmerzte ihn. Nun ist er 87-jährig verstorben.

NIEDERMEYER
NIEDERMEYER
NIEDERMEYER – (c) APA/HERBERT PFARRHOFER (HERBERT PFARRHOFER)

Wien. Der Tod selbst hat ihn nicht so geschreckt. Letztlich sei auch er Teil des Lebens, und dieses sei eben irgendwann aus, hat Helmut Niedermeyer in seinem letzten Interview 2013 zur „Krone“ gesagt: „Ich sehe auch das Ende mit ziemlich nüchternen Augen.“ Eine Wiedergeburt sei „ausgeschlossen“, sagte er zu seiner Frau: „Stell dir vor, was da auf der Welt los wäre, wenn jeder Regenwurm in einem Käfer oder Hund weiterlebt!“

Dass auf der Welt auch so der Teufel los sein kann, hat der Gründer der Film- und Fotokette Niedermeyer in einer Geballtheit erfahren, die einer jüngeren Generation wohl nur schwer vermittelbar ist. „Heutzutage ist eine Generation am Ruder, die gar nicht weiß, wie gut es ihr geht“, meinte er.

Dafür kann sie freilich nur bedingt etwas. So wie Niedermeyer selbst nichts dafür konnte, dass er zu einer Zeit auf die Welt kam, die außer Weltwirtschaftskrise, Krieg und Hunger wenig kannte. Kurz nach der Geburt 1926 im Sudetenland (heute Tschechien) verlor er nicht nur seine Mutter. Einige Jahre später wurde sein Vater aus „politischen Gründen“ für sieben Jahre ins Konzentrationslager gesteckt. Helmut Niedermeyer selbst zog mit 17 in den Krieg und geriet für fünf Jahre in sibirische Gefangenschaft, wo 82 Kameraden an Paratyphus erkrankten und er als einer von dreien überlebte. Zurück in seiner Geburtstadt, wurde er vertrieben und landete in Wien.

 

Austieg und Niedergang

Eine harte Kindheit sei förderlich für geschäftlichen Erfolg, sollte er im hohen Alter sagen. Vor dem Erfolg aber kam das Risiko. Nachdem er sein Talent als Verkäufer beim Fotohaus Herlango erprobt hatte, eröffnete er 1957 die erste Niedermeyer-Filiale in der Wiener Mariahilfer Straße. Die Kette wuchs sukzessive. Kredite wurden immer nur kurzfristig aufgenommen. Eines Tages kaufte er seinen früheren Arbeitgeber Herlango.

40 Jahre nach der Unternehmensgründung zog er sich aus dem Aufsichtsrat zurück. Sein Sohn Christian übernahm ein schuldenfreies Unternehmen, verkaufte es aber schon bald für kolportierte 29 Mio. Euro an T-Mobile. Dass es bergab ging, schrieb der Sohn dem Fehler des Käufers zu, das Handygeschäft durch Verbannung aller anderen Netzbetreiber zunichtegemacht zu haben. Es war nicht die einzige Fehlentwicklung: Die Konkurrenz der Großen wurde unterschätzt, die Nischen der Kleinen verpasst. Das Internet ebenso. Besitzerwechsel und Sanierungsversuche fruchteten nicht. 2013 ging Niedermeyer bankrott. „Mich schmerzt es auch, aber nicht so heftig wie meine Eltern“, sagte Sohn Christian. „Ich hänge mit dem Herzen dran“, sagte der Vater.

Ein Vorwurf kommt ihm trotzdem nicht über die Lippen. Höchstens der an die Politik, die die Firmen aussauge: „Die Sozialleistungen Österreichs sind schon bald unbezahlbar, von den Steuern ganz zu schweigen.“ Und auch zu sich selbst blieb Helmut Niedermeyer hart. Sportliches Training bis zum Schluss. Aber maximal 95 wolle er werden, sagte er. Am Dienstagabend ist er im Alter von 87 Jahren einem Herzinfarkt erlegen. (est)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2014)

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