Die Bedeutung der Landwirtschaft nimmt ab

1970 ernährte ein österreichischer Bauer vier Menschen, heute sind es 77. Nur noch drei Prozent der Bevölkerung arbeiten in der Landwirtschaft. Dem Einfluss der Agrarlobby hat das nicht geschadet.

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ERNTE – GETREIDE / Bild: APA/HELMUT FOHRINGER

Die Landwirtschaft in Europa hat sich seit der Nachkriegszeit radikal gewandelt. Es gab Zeiten, da lebte ein Fünftel der Europäer von der Landwirtschaft. Heute sind es nur noch wenige Prozent. War der klassische Bauernhof einst ein Familienbetrieb, gibt es heute eine echte Agrarindustrie.

Dieser Wandel findet auch in Österreich statt – wenngleich die Idylle hierzulande noch vergleichsweise aufrecht ist. Österreichs Betriebe sind im internationalen Vergleich klein, und es gibt nach wie vor zahlreiche Familienbetriebe. Wenngleich mehr als die Hälfte der Bauern nur noch im Nebenerwerb melkt, pflügt und erntet.

Laut Daten der Landwirtschaftskammer ernährt ein österreichischer Bauer derzeit 77 Menschen. Die Bedeutung der Landwirtschaft sinkt stetig: 1950 waren es vier Menschen, 1970 zwölf und 1980 55.

Der Strukturwandel zeigt sich vor allem an der Zahl der Höfe. Der Trend geht zu weniger, aber größeren Höfen. Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe sank zwischen 1999 und 2010 um ein Fünftel, wie aus Daten der Statistik Austria hervorgeht. In ihrer letzten Erhebung wurden 173.317 land- und forstwirtschaftliche Betriebe gezählt. Im Jahr 1960 waren es noch über 400.000. Ein durchschnittlicher Bauer in Österreich hat 19,3 Hektar Land. In Deutschland sind es 56.

Strukturwandel schwächt sich ab. Seit dem EU-Beitritt Österreichs hat sich der Strukturwandel jedoch abgeschwächt: Vor 1995 gaben jedes Jahr bis zu vier Prozent der Landwirte auf. Mittlerweile sind es zwischen 1,5 und 2,5 Prozent im Jahr, so die Daten der Landwirtschaftskammer. Müssten die Bauern alleine von ihren Erträgen leben, ginge das Bauernsterben noch viel schneller voran. Rund zwei Drittel der bäuerlichen Einkommen kommen von der öffentlichen Hand. Im Jahr 2012 etwa erhielten die heimischen Land- und Forstbetriebe 2,1 Milliarden Euro an EU-, Bundes- und Landesmitteln.

Heute arbeiten in Österreich nur noch zwei bis drei Prozent der österreichischen Bevölkerung in der Landwirtschaft. Dem politischen Einfluss der Agrarlobby hat das nicht geschadet: Immerhin gibt es nach wie vor ein eigenes Landwirtschaftsministerium, auch wenn es jetzt Lebensministerium heißt und dort auch die Umweltagenden zu Hause sind. Zahlreiche Parlamentsabgeordnete kommen aus der Landwirtschaft, und immer wieder bekleiden Bauernbündler hohe Regierungsämter: wie etwa Österreichs ehemaliger Finanzminister und Vizekanzler Josef Pröll (ÖVP).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.03.2014)

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