Mythos Mikrokredit

Das vermeintliche Wundermittel der Enwicklungshilfe hat seinen Glanz verloren. Auch große Konzerne machen mittlerweile gute Geschäfte mit den Mikrokrediten.

(c) Reuters

Immer lauter wird die Kritik an der einstigen Hoffnung der Entwicklungshilfe. So genannte Mikrokredite sind teuer und erreichen die "unteren 50 Prozent" der Armen nicht. Ursprünglich als Ausweg aus der Armut gepriesen sind die Mikrokredite heute vor allem auch eines: ein gutes Geschäft. Ein Instrument der Entwicklungshilfe ist in der Marktlogik des Neoliberalismus angekommen.

Trotzdem wird das System Mikrokredit allgemein mit großer Euphorie begrüßt. Es war ein Paukenschlag, als das norwegische Nobel-Kommitee im Dezember 2006 dem Ökonomen Mohammed Yunus den Friedens-Nobelpreises verliehen hat. Durch seine Idee, der Vergabe von Mikrokrediten an Arme, hätten Millionen Menschen einen Weg aus akuter Armut gefunden, begründete Nobelkomitee-Chef Ole Danbolt Mjös die Entscheidung.

Das System Mikrokredit ist einfach und doch eine kleine Revolution. Arme Menschen erhalten einen Kleinkredit, mit Hilfe dessen sie ein eigenes, unabhängiges Einkommen erwirtschaften sollen. Sicherheiten brauchen sie keine. Die von Mohammed Yunus gegründete Grameen Bank vergibt einen Großteil ihrer Kredite an Frauen.

Das Geschäft Mikrokredit

Seit seinem Start 1976 in Bangladesh, hat das "Wundermittel der Entwicklungspolitik" unerwartete Verbündete gefunden. Mittlerweile macht sogar die Weltbank aus kleinen Dorfprojekten milliardenschwere Entwicklungsprogramme. Auch das Wall Street Journal jubelt über die Mikrokredite: Sie seien Symbol dafür, "dass der Kapitalismus ebenso für die Armen funktionieren kann wie für die Reichen".

Seit 1976 hat die Grameen Bank mehr als 5,1 Milliarden Dollar an 5,3 Millionen Kreditnehmer vergeben. Geht es nach dem "Microcredit Summit", soll das Geschäft in Zukunft noch rascher expandieren.

Teure Kredite - hohe Abhängigkeit

Zunehmend wird aber auch Kritik am Konstrukt der Kleinkredite laut: Die Grameen Bank habe die Abhängigkeit der Armen von Krediten erhöht, verlange zu hohe Zinsen und erreiche nicht die Ärmsten der Armen.

Mikrokredite sind teuer: Jährliche Zinsen von 20 Prozent sind keine Seltenheit. Die Verschuldung und damit die Abhängigkeit der Kreditnehmer steigt stetig an. Nur ein Drittel aller Kreditnehmer schaffte mit den Mikrokrediten den Sprung aus der Armut. Der Rest schlägt sich weiter durchs Leben oder landet in der Verschuldungsspirale.

Die eigentliche Zielgruppe, die "unteren 50 Prozent der Armen" wird über das System Mikrokredit fast überhaupt nicht erreicht. 1996 gehörten etwa nur 20 Prozent der Grameen-Kunden zu den "Landlosen", traditionell die ärmste Bevölkerungsschicht in Bangladesh. Andere Programme in Bangladesh schließen diese Gruppen sogar ausdrücklich aus.

Mikrokredite erobern neue Märkte

Aus dem wohlgemeinten Instrument für Entwicklungshilfe ist mittlerweile ein neoliberales Vehikel zur Integration der Frauen in die Marktsysteme geworden. Das zentrale Problem: Die Vergabe der Kleinkredite ist an eine "einkommenschaffende Tätigkeit" der Kreditnehmer gebunden. Damit haben die Banken in der Hand für welche Initiativen die Kreditnehmerinnen, meist sind es Frauen, das Geld verwenden.

Oft drängen die Banken die jungen Unternehmerinnen dazu "Shops" in der Nachbarschaft zu eröffnen. In den kleinen Geschäften finden sich dann all die Waren der westlichen Konzerne. Sauber, verpackt und ordentlich geschlichtet. Die Gewürze, Öle und Heilmittel der Dorffrauen werden hingegen nicht ins Sortiment aufgenommen. Sie sind nicht "richtig" verpackt.

So zerstört die vermeintliche Wunderwaffe der Entwicklungshilfe gewachsene Strukturen in den Dorfgemeinschaften und die Ärmsten in den Entwicklungsländern erobern neue Märkte für die Produkte der Weltkonzerne. -mac-

 

Kommentar zu Artikel:

Mythos Mikrokredit

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen