Öl-Prognosen liegen meist daneben

Mit der Vorhersage, wie sich der Ölpreis entwickeln wird, tun sich auch Experten schwer, wie ein Blick zurück auf alte Prognosen zeigt.

WIEN (mk/ag.). Dass der Ölpreis die 100-Dollar-Marke erreichen wird, darüber waren sich die Experten seit einigen Wochen einig. Aber blickt man nur ein wenig weiter zurück in die Archive, zeigen sich vor allem Fehl-Einschätzungen. OMV-Chef Wolfgang Ruttenstorfer etwa ging Ende 2002 noch davon aus, dass der Ölpreis mittelfristig wieder auf 18 bis 20 Dollar fallen wird. Auch die Weltbank rechnete vor acht Jahren noch mit einem Ölpreis unter 20 Dollar, das Erdölkartell Opec hielt ein Jahr später einen Preis unter 22 Dollar für möglich.

Wären die Prognosen des Ölbrokers PVM von 2006 eingetreten, hätte der Ölpreis eigentlich demnächst wieder unter 50 Dollar fallen sollen. Opec-Präsident Scheich Ahmad Fahad nannte 2006 die Marke von 40 Dollar als Ziel.

Und BP-Chef John Browne wusste im Vorjahr zu berichten, dass der Ölpreis mittelfristig wieder auf 40 Dollar fallen werde und „auf ganz lange Sicht 25 bis 30 Dollar vorstellbar“ seien. Lord Browne hat es mit seiner Vorhersage sogar unter die Liste der schlechtesten Prognosen für 2007 geschafft, die das US-Wirtschaftsmagazin „Business Week“ in seiner aktuellen Ausgabe zusammengefasst hat.


„Eine Tabu-Grenze wird verletzt“

Warum das Erreichen der 100-Dollar-Marke mehr Personen interessiert als wenn der Ölpreis von 80 auf 90 Dollar ansteigt, kann Erich Kirchler vom Institut für Wirtschaftspsychologie der Universität Wien erklären. „Die Menschen versuchen die Informationen, die wild auf sie einprasseln zu verstehen“, sagt Kirchler zur „Presse“. Daher würde man die Dinge kategorisieren, etwa in billig und teuer, hoch und niedrig. „Und eine zweistellige Zahl ist etwas anderes als eine dreistellige“, sagt Kirchler. „Deswegen wird bei einer solchen Erhöhung eine Tabu-Zone verletzt.“ Man erreiche eine andere Kategorie oder müsse sein Kategorien-System der Realität wieder anpassen.

Händler und Marketing-Experten operieren laufend mit solchen Preisschwellen. Darum kosten billige T-Shirts eher 9,90 Euro als 10,10 Euro. Und aus diesem Grund war auch die Umstellung vom Schilling auf den Euro ein Problem. „Die gewohnte Skala war neu zu lernen“, sagt Kirchler.

Aktuell rechnen übrigens die meisten Experten mit steigenden Ölpreisen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) prognostiziert einen Ölpreis von 150 Dollar in fünf Jahren und 200 Dollar in zehn Jahren. Für die Raiffeisen Zentralbank liegt die Zielmarke für den US-Rohöl-Future auf Sicht von drei Quartalen bei 113 US-Dollar je Fass. „In nächster Zeit sollten die Preise runtergehen“, sagt indes Rainer Wiek vom Energieinformationsdienst (EID). Wer von ihnen recht hat, wird man aber erst dann mit Sicherheit sagen können, wenn die Zukunft Vergangenheit ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.01.2008)

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