Einheitlicher Zahlungsverkehr kommt: Kampfansage an Bargeld

Ab heute soll das Großprojekt Sepa den europäischen Zahlungsverkehr revolutionieren. Und ganz nebenbei auch die Liebe der Europäer für Bargeld verdrängen.

(c) EPA (Toby Melville)

Am heutigen Montag starten Europas Banken ein Großprojekt, das den europäischen Zahlungsverkehr von Grund auf umstrukturieren soll. Mit dem gemeinsamen Zahlungsverkehrsraum Sepa (Abkürzung für "Single Euro Payments Area") soll das bargeldlose Bezahlen über Ländergrenzen hinweg einfacher und schneller werden. Mittelfristig soll es dazu keine Unterscheidungen mehr zwischen In- und Auslandsüberweisungen geben.

"Das ist keine alltägliche Situation, das kommt einem Quantensprung gleich und reicht an die Euro-Einführung heran", kommentierte Herbert Pichler, Geschäftsführer der Bundessparte Bank und Versicherung der Wirtschaftskammer Österreich, den Start des Großprojekts.

Wer also in Zukunft Geld ins Ausland überweist, weil etwa seine Kinder in einem anderen europäischen Land studieren, die Ferienwohnung in Spanien abbezahlt wird, dann dauert das jetzt nur noch drei Tage. Bisher musste man etwa eine Woche warten. Allerdings bedeutet das für die Bankkunden auch, bei Auslandsüberweisungen neue Kontonummern von 31 Zeichen ausfüllen zu müssen.

Die hohen Kosten des Bargeldsystems

Ein wichtiges Ziel des Projekts ist offensichtlich auch, den Europäern die Bargeldzahlungen abzugewöhnen. "Sepa wird nicht automatisch das Zahlungsverhalten verändern. Aber Sepa ist eine Gelegenheit, auf die Probleme von zu hohem Bargeldgebrauch hinzuweisen", sagte Gertrude Tumpel-Gugerell, Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank, gegenüber  "Financial Times Deutschland".

Tumpel-Gugerell kritisierte vor allem die hohen Kosten, die das Bezahlen mit Bargeld den Banken verursacht. "Ich würde es vorziehen, wenn Banken das Geld, das sie für die Bereitstellung und Bearbeitung von Bargeld ausgeben, in die Entwicklung ihrer Systeme und neuer Produkte investieren könnten." Nach den Worten von Tumpel-Gugerell werde allerdings die Umstellung von Bargeld auf Kartenzahlung viel Zeit in Anspruch nehmen.

Europäer lieben Bargeld

Die Europäer haben eine besondere Vorliebe für Bargeld. Die Zahl der Euro-Banknoten wächst jedes Jahr weiter, der größte Teil aller Zahlungen werden mit Bargeld getätigt.

Tumpel-Gugerell nennt den Versuch der Steuervermeidung und Sorgen um den Datenschutz als Gründe für diese Vorliebe. Vor allem aber würden die Europäer befürchten, dass bargeldlose Zahlungen sie zu übertriebenen Ausgaben verleiten könnten: "Die Leute denken, dass sie mehr Kontrolle haben, wenn sie Bargeld benutzen - man kann nicht mehr ausgeben, als man hat. Sie sind es nicht gewohnt, Schulden auf ihren Kreditkarten zu machen." Das sei bei US-Amerikanern anders.

700 österreichische Banken nehmen teil

An Sepa nehmen 31 Länder teil, darunter alle 27 EU-Mitgliedsstaaten sowie Liechtenstein, Norwegen, Island und die Schweiz. Sepa soll Motor für die weitere wirtschaftliche Integration Europas werden und vor allem den grenzüberschreitenden Waren- und Dienstleistungsverkehr unterstützen.

Aus Österreich haben sich nach Pichlers Worten insgesamt 700 heimische Institute zur Teilnahme verpflichtet, nur wenige Spezialbanken werden sich nicht an Sepa beteiligen. Europaweit haben sich 5.000 der rund 8.000 Banken zur Teilnahme verpflichtet.

Die Banken wollen die neuen Instrumente ab 2008 nach und nach anbieten. Bis 2011 sollen alle Neuerungen eingeführt werden. Allerdings bleiben zumindest vorerst auch die vertrauten Zahlungswege gültig: Einen Termin für die Abschaffung der alten Systeme gibt es nicht.

(Ag./Red.)

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