Niederlande: Marihuana als neuer Exportschlager

Der Staat kassiert kräftig Steuern vom Milliardengeschäft der Coffeeshops. Der Jahresumsatz der Drogenindustrie betrug im vergangenen Jahr rund zwei Mrd. Euro.

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(c) EPA (Dirk Waem)

Den Haag. Tomaten, Gurken, Marihuana. Das sind derzeit die erfolgreichsten agrarischen Exportprodukte der Niederlande. Diese drei Produkte haben alle etwas gemeinsam. Sie werden fast ausschließlich in niederländischen Gewächshäusern gezüchtet. Tomaten und Gurken ganz legal. Die Hanfpflanzen, die das Marihuana liefern, jedoch illegal. Der Jahresumsatz, den die niederländische Drogenindustrie mit der aus den Hanfpflanzen gewonnenen sogenannten weichen Droge Marihuana generiert, betrug im vergangenen Jahr rund zwei Mrd. Euro.


Keine Mehrwertsteuer

Der Staat kassiert dabei kräftig mit. Die rund 700 legal in den Niederlanden als Verkaufsstellen für Marihuana fungierenden Coffeeshops zahlten im vergangenen Jahr an den Fiskus rund 400 Mio. Euro an Steuern. Einkommensteuer wohlgemerkt. Denn von der Mehrwertsteuer sind sie auch noch befreit. Das enthüllte der niederländische TV-Sender KRO in seinem Nachrichtenmagazin ,,Reporter“. „Nederwiet“, wie das holländische Hasch für den Joint in der Umgangssprache genannt, ist heute der größte Exportschlager neben der Tomate und der Gurke.

Die wichtigsten Abnehmerländer sind Deutschland und Großbritannien, stellt der Drogenfahnder und Polizeikommissar Max Daniel fest. Er schätzt, dass die Mehrheit des in den Niederlanden produzierten ,,Nederwiet – konkret etwa 60 Prozent – jenseits der niederländischen Grenzen abgesetzt und konsumiert wird. Der Rest gelangt über die rund 700 Coffeeshops in allen Teilen der Niederlande an die Marihuana-Konsumenten.

Die Preise variieren je nach Qualität des Stoffs. In Amsterdam, wo vor allem die Nachfrage ausländischer Touristen nach ,,Nederwiet“ größer ist als anderswo, ist das Marihuana teurer als in Rotterdam oder Utrecht. Für sechs Euro je Gramm wird ,,Nederwiet“ schon vielerorts angeboten. Minderwertige Qualität bereits für vier Euro je Gramm. Die geduldeten Dealer in den Coffeeshops verdienen sich eine goldene Nase mit dem Stoff. Sie haben Gewinnmargen von 150 bis 200 Prozent. Das sind Margen, von denen ein normaler Einzelhändler, der sich mit zwei bis vier Prozent Rendite zufrieden geben muss, nur träumen kann.


Schizophrene Drogenpolitik

Kein Wunder, dass die meisten Coffeeshop-Besitzer Luxus-Limousinen fahren und sich große Villen leisten können. Aber sie leben gefährlich. Denn sie müssen sich ihren Vorrat sichern und ihr Marihuana, das sie legal verkaufen, illegal einkaufen. Das ist die Ironie der niederländischen Drogenpolitik, die schon sei 30 Jahren Praxis ist. Durch die Vordertür wird der Stoff legal verkauft. Durch die Hintertür muss er illegal eingekauft werden, so nennt das der Volksmund. Denn nach den geltenden niederländischen Drogengesetzen dürfen in den Coffeeshops nur maximal fünf Gramm pro Person eingekauft werden, wenn diese sich legitimieren kann und älter als 16 Jahre ist.

Der massenhafte Anbau der Hanfpflanzen ist verboten. Aber er ist so lukrativ, dass inzwischen selbst immer mehr Wohnhäuser in vornehmen Stadtteilen illegal in Hasch-Plantagen umgewandelt werden. Sie sind die perfekte Tarnung für eine Hanfplantage. Diese im Prinzip schizophrene Drogenpolitik führte in den vergangenen Jahrzehnten dazu, dass sich in den Niederlanden eine riesige Drogenmafia entwickeln konnte. Jährlich werden im Drogenmilieu durchschnittlich fünf Morde begangen, weil rivalisierende Banden ihr Terrain und ihre Absatzgebiete absichern wollen. Liquidationen finden oft auf offener Straße statt, häufig nach italienischer Mafia-Manier. Die Täter kommen auf dem Motorrad, feuern ihre Salven ab und fliehen.

Schätzungsweise 265.000 Kilo Marihuana werden in niederländischen Coffeeshops jährlich verkauft. Im vergangenen Jahr hob die Polizei insgesamt 15 große und illegale Hanfplantagen in holländischen Treibhäusern aus. Die Hanf-Pflanzen werden dann vernichtet. Das führt regelmäßig zu Engpässen in der Versorgung der Coffeeshops mit „Nederwiet“. Folge: Die Preise für den Stoff steigen zeitweilig, weil die Nachfrage größer ist als das Angebot. Das pendelt sich aber schnell wieder ein. Denn im Nu sind neue Hanfplantagen angelegt. Die professionellen niederländischen Saatgutveredler können schnell Nachschub in Form von jungen Hanfpflanzen liefern, so dass der „Nederwiet“ wieder sprießen kann.


Starke Marihuana-Lobby

Der christdemokratische niederländische Ministerpräsident Jan Peter Balkenende kündigte schon vor mittlerweile sechs Jahren, als er zum ersten Mal zum Regierungschef gewählt wurde, an, dass er all die Coffeeshops am liebsten schließen möchte. Durchsetzen konnte er sich mit diesem Vorhaben aber bisher nicht, weil es in den Niederlanden inzwischen auch eine starke Lobby gibt, die den legalen Marihuana-Verkauf in den Coffeeshops nach wie vor unterstützt.

Allerdings ist die Gangart der Haager Politik und der Gemeinden gegenüber den Coffeeshops deutlich härter geworden. Sie dürfen sich neuerdings nicht mehr in der Nähe von Schulgebäuden befinden. Und sie werden per Dekret geschlossen, wenn es einen Beweis dafür gibt, dass sie auch harte Drogen zum Beispiel Kokain oder Heroin verkaufen. Dadurch hat sich die Zahl der Coffeeshops in Holland in den letzten Jahren von einst rund 1000 auf jetzt etwa 700 vermindert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2008)

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