Das Bootcamp für Gründer von der Uni

Beim Inits Demo Day stellten Studenten und Uni-Absolventen ihre Geschäftsideen vor. Diese reichten von der Plattform für Gruppenreisen bis zur neuen Schweinewaage.

Das Team von Sofasession
Das Team von Sofasession
Das Team von Sofasession – Stanislav Jenis

Organisierte Internet-Jamsessions für Musiker. Eine Schweinewaage, die das Gewicht der Tiere ohne Wiegen bestimmt. Eine Online-Plattform für Gruppenreisen. Die Projekte der Start-ups am Inits Demo Day könnten unterschiedlicher nicht sein und das gilt auch für die dreiminütigen Pitches – die Kurzpräsentationen der elf Teilnehmer, die die Geschäftsideen knackig und attraktiv auf den Punkt bringen sollen.

Da gibt es einige, die die Show – denn das ist so ein Pitch letztlich – sichtlich genießen und ohne Scheu mit dem Publikum interagieren, andere, denen vor Nervosität die Stimme kippt, denen die Hand mit den Notizkarten schlottert und wieder andere, die sich schon so siegessicher und erfahren geben, als hätten sie überhaupt keine Ratschläge mehr nötig. Adressiert sind die Pitches in erster Linie an die vier Business Angels, die auf Couches vor dem Podium Platz genommen haben. Der Rest des Publikums ist ein Mix aus Menschen von Förderorganisationen, Start-up-Inkubatoren, Mitstreitern und Kollegen aus der Wiener Start-up-Szene. Das Event, auf das diese elf Start-ups 100 Tage lang in einer Art Bootcamp intensiv hingearbeitet haben, der Inits Demo Day, ist der Tag der Wahrheit für die Gründungs-Frischlinge. Nachdem sie ihre Businessmodelle einem Realitycheck unterzogen haben und zum Teil sogar ihre ursprünglichen Pläne über den Haufen geworfen haben, fühlen sie sich jetzt firm genug, in die nächste Phase einzutreten, in der es an die Umsetzung geht, daran, das Produkt marktfertig zu machen. Der Zeitpunkt, zu dem die Entrepreure zu echten Firmenchefs werden.

Inits, Organisator von Demo Day und Start-up-Camp, ist eine Gesellschaft der TU Wien und der Uni Wien in Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsagentur der Stadt Wien. Inits ist ein sogenannter Inkubator, mit dem Fokus, akademisches Wissen wirtschaftlich zu verwerten und Akademiker bei der Umsetzung ihrer Geschäftsideen zu unterstützen – mit Geld, Infrastruktur, Netzwerk und Know-how. Der Begriff Akademiker wird dabei breit gefasst. Unterstützt werden sowohl Studierende als auch Absolventen, die davor vielleicht schon in der Privatwirtschaft gearbeitet haben, bevor sie den Schritt in die Selbstständigkeit wagen wollen. Die Geschäftsidee kann aus einem akademischen Projekt, einer wissenschaftlichen Arbeit entstanden sein, das ist aber kein Muss.

Wichtig ist: Das Unternehmen muss Potenzial für rasches Wachstum haben – eines der allgemein definierten Merkmale eines Start-ups.

Reden mit Kunden. Für das Camp wurde erstmals die Lean-Start-up-Methode angewandt, eine aus den USA stammende, in Europa noch relativ unbekannte Coachingform, bei der es darum geht, eine Produktidee in einem frühen Stadium auf ihre Markttauglichkeit zu testen und so ein „minimal verkaufbares Produkt“ zu erarbeiten, einen ersten Prototyp, noch bevor massiv investiert wird. Das gelingt vor allem, indem man in Kontakt mit potenziellen Kunden tritt. „Europäer sind im Gegensatz zu Amerikanern zu perfektionistisch, die wollen schon ein Produkt zum Anfassen und nicht nur einen Businessplan“, sagt Inits-Geschäftsführerin Irene Fialka. „In den USA ist die Bereitschaft, sich mit einer Geschäftsidee auseinanderzusetzen, viel größer als in Europa.“

Das Start-up-Camp ist ein Versuch, da etwas aufzubrechen. Denn je früher ein Start-up den Kontakt mit dem Markt sucht und findet, desto schneller kommt der Realitycheck, ob das Produkt, das man auf dem Reißbrett konzipiert hat, wirklich funktioniert. Ein durchaus schmerzhafter Prozess, wie etwa Ajmal Said und die Gründercrew des Start-ups Tripcake feststellen mussten. Die Idee von Tripcake: eine Online-Plattform für Reisegruppen zu schaffen, die die Planung, Buchung und Umsetzung einer Reise vereinfachen soll. Das „Doodle“ für Reisen, wie es Said in seinem Pitch beschreibt. Das sieht jetzt anders aus als ursprünglich geplant. „Unser Plan war, dass wir mit Reisebüros kooperieren, die Pakete für die Gruppen auf unserer Plattform zusammenstellen. In den Gesprächen hat sich aber herausgestellt, dass die Reisebüros nicht darauf einsteigen. Außerdem wollten die Kunden mehr Freiraum bei der Planung. Es waren also ein paar Monate Entwicklung umsonst“, erzählt Said. Stattdessen will Tripcake jetzt Tools anbieten, mit denen die Nutzer selbst aus bestehenden Angeboten wählen können.


Weniger Stress für Schweine. Markus Schweinzger, Ko-Gründer von Wuggl, einem Start-up, das eine Methode zur Gewichtsbestimmung von Schweinen ohne Waage entwickelt hat (was Bauern und Schweinen eine Menge Stress erspart), hat in den 100 Camptagen sein Produktangebot verknappt und sich auf die Umsetzung einer Methode konzentriert. „Am Anfang hatten wir noch Ideen in alle Richtungen“, sagt Schweinzger. Nach dem Pitch sorgt Ko-Gründer Alois Tremmel, ein Tierarzt aus der Südsteiermark, für einen Lacher, als er von einem der Business Angels nach dem optimalen Land zur Lancierung seines Produktes gefragt wird: „Deutschland ist sehr schweinelastig“, antwortet Tremmel. Das Projekt kommt bei Jury und Publikum sichtlich gut an, gerade weil es sich mit einer Nische befasst, die von der Lebensrealität eines technikaffinen Publikums denkbar weit entfernt ist. Dabei steckt hinter dem Messinstrument, einem Smartphone mit einem 3-D-Bild-Sensor-Aufsatz natürlich trotzdem viel technisches Know-how. Das gilt auch für das Start-up Sofasession, das eine Internetplattform für Online-Jamsessions, quasi ein Skype für Musiker, anbietet. Hier liegt die technische Raffinesse in einer besonders schnellen Übertragungsgeschwindigkeit. Die drei Start-ups sind nach dem Camp auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen, manche sind schon „investor ready“ mit einem Produkt, das bereits online ist (Sofasession), andere entwickeln noch (Tripcake) oder wollen sich trotz der Angebote noch nicht binden und setzen einstweilen auf die Pre-Seed-Finanzierung des AWS (Wuggl). Was die Gründer im Start-up-Camp auch gelernt haben, ist, welche Konsequenzen es hat, sich einen Investor an Bord zu holen. Das bringt Verbindlichkeiten, Zielvereinbarungen und oft bereits eine angepeilte Exit-Strategie (Pläne für den Verkauf des Start-ups), und das, bevor man eigentlich richtig angefangen hat.


Richtiger Zeitpunkt. Rasches Wachstum ist allerdings ohne Investor oft nicht möglich. Der richtige Zeitpunkt ist dabei entscheidend: „Es geht darum, sich nicht zu billig zu verkaufen, erst sicherzustellen, dass das Geschäftsmodell validiert ist, dass das Produkt einen Markt hat“, sagt Helmut Herglotz von Sofasession. Das ist jetzt für alle der nächste Schritt. Im Start-up-Camp hatten die Gründer eine Zehe im Wasser des Marktes. Jetzt kommt der Sprung – hoffentlich ohne Kälteschock.

Start-ups frisch aus dem Camp

Bereit für den Sprung

Sofasession hilft Musikern dabei, sich im Internet zu finden und zu verabreden und dann, ebenfalls online, gemeinsam zu musizieren. www.sofasession.com
Tripcake ist eine Onlineplattform für Gruppen, die gemeinsam verreisen wollen. www.tripcake.at
Wuggl hat ein Gerät entwickelt, mit dem das Gewicht von Schweinen erfasst wird, ohne dass sie auf die Waage müssen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.06.2014)

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