OMV: Erst das Fressen, dann die Moral

Proteste gegen die Iran-Geschäfte der OMV verhallen auf der Hauptversammlung. Aktionäre stellen unbequeme Fragen zur versuchten Übernahme der ungarischen MOL.

(c) APA (Herbert Pfarrhofer)

WIEN. Angekündigte Revolutionen finden selten statt. Die Stimmung unter den OMV-Aktionären vor der Hauptversammlung am Mittwoch war gespalten. Auf der einen Seite Anteilseigner, die zufrieden mit dem florierenden Geschäft und in Erwartung einer auf 1,25 Euro je Aktie erhöhten Dividende in die Hallen des Austria Center Vienna schritten. Auf der anderen Seite kritische Aktionisten, die im Mineralölkonzern vor allem eines sehen: Einen Kollaborateur mit dem „menschenverachtenden Regime“ im Iran.

Bereits im Vorfeld verurteilten etliche Nicht-Regierungsorganisationen wie etwa der Jüdische Weltkongress oder die Lobbying-Plattform „Stop the Bomb“ den geplanten 22-Mrd.-Euro-Deal mit dem Iran aufs Schärfste. Die teilstaatliche OMV wurde aufgefordert, auf das Geschäft mit dem Iran zu verzichten, einem Staat, der wiederholt den Holocaust geleugnet und dem Staat Israel mit der Vernichtung gedroht habe.

Wie berichtet, hatte die OMV im April des Vorjahres ein „Memorandum of Understanding“ mit dem Iran unterzeichnet, das dem Konzern iranische Erdgasvorkommen am Persischen Golf sichern sollte. Mitten in einer Zeit, als in Brüssel gerade über eine Verschärfung der Sanktionen gegen das Regime verhandelt wurde.

„Wir fordern von der OMV, dass sich aus dem Geschäft mit einem Land zurückzuziehen, das die Vernichtung Israels fordert, an Nuklearwaffen arbeitet und Terror für die eigene Bevölkerung bringt“, sagt Simone Dinah Hartmann, Sprecherin des Bündnisses „Stop the Bomb“. Gemeinsam mit einer Handvoll Aktivisten hatte sie sich vor den Toren des Austria Centers Vienna eingefunden, um die übrigen Aktionäre wachzurütteln.

Nur wenige Aktionäre ließen sich von den Plakaten und Parolen stören. Sie seien wegen des Geschäfts gekommen, meinten sie. Und doch: Ein kleines Unbehagen bleibt. „Ich will einfach, dass die OMV ein solides Unternehmen bleibt“, sagt eine Kleinaktionärin. „Und vielleicht doch besser aus dem Iran-Geschäft aussteigt.“ In der Hauptversammlung hat die Stimmung unter den Anwesenden gedreht. Nach der Vorlage der guten Konzernergebnisse war der Großteil der Aktionäre offenbar nicht mehr gewillt, sich mit dem Thema Menschenrechte zu befassen.


Pfiffe für Menschenrechte

Zum angekündigten Mini-Eklat kommt es, als Simone Hartmann eine Reihe von Fragen bezüglich der politischen und wirtschaftlichen Risiken des geplanten Iran-Deals auf den OMV-Vorstand loslässt. Die Beantwortung übernehmen die übrigen Aktionäre: Mit gellenden Pfiffen und ungeduldigem Applaus wird die Aktivistin vom Rednerpult vertrieben.

OMV-Chef Wolfgang Ruttenstorfer bleibt nur noch zu wiederholen, dass noch kein Abschluss des Geschäfts absehbar sei und doch auch europäische und amerikanische Firmen im Iran engagiert seien. Prinzipiell sei das Anzapfen der iranischen Erdgasquellen sinnvoll, um in der Energieversorgung nicht von Russland abhängig zu sein. Risken könne man erst bewerten, wenn der Deal fixiert sei. Man werde sich an alle internationalen Bestimmungen halten, wolle aber nicht schlechter behandelt werden als andere Firmen, die im Iran tätig sind. Das genügte den meisten Aktionären.

Näher als der Iran liegt den Aktionären wohl doch das Engagement der OMV in Ungarn. So manche Anteilseigner kritisieren die erwarteten Kosten einer feindlichen Übernahme des Mitbewerbers, zumal sich die Ungarn vehement gegen die Fusion wehren.


Zweifel an MOL-Engagement

Als „Desaster“ bezeichnete ein Aktionär die Tatsache, dass die OMV Anteile über 20 Prozent hält, aber nur zehn Prozent der Stimmrechte ausüben kann. Tatsächlich liegt das Schicksal des Geschäfts in den Händen Brüssels, räumte Ruttenstorfer ein. An der Sinnhaftigkeit der geplanten Fusion ließ er jedoch keine Zweifel aufkommen. Er rechne mit einer Konsolidierungswelle in Mitteleuropa, der man am besten gemeinsam mit MOL entgegentreten sollte.

Die meisten Aktionäre hatten ohnedies andere Sorgen. „Wo ist mein Geschenk?“, fauchte eine Aktionärin schon kurz vor 14 Uhr beim Gang durch den Metalldetektor. Für sie hieß es warten – denn die offenbar heiß begehrte Taschenlampe gab es erst nach der HV.

AUF EINEN BLICK

Kritik von Menchenrechtsaktivisten am Engagement im Iran und von Aktionären am kostspieligen Übernahmeversuch des ungarischen Mitbewerbers MOL erntete der OMV-Vorstand am Mittwoch bei der Hauptversammlung. Schließlich verebbte die Unzufriedenheit im Saal – schließlich wird eine auf 1,25 Euro je Aktie aufgestockte Dividende ausgeschüttet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.05.2008)

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