Das Körberlgeld des Finanzministers

Die „kalte Progression“ hat die Steuerzahler seit dem Jahr 2000 sechs Milliarden Euro gekostet.

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Wien (ju).Die geplante Steuerreform geht dem früheren Finanzminister und jetzigen Industriellen Hannes Androsch nicht weit genug: Das geplante Volumen von maximal drei Mrd. Euro sei viel zu gering, weil seinen Berechnungen nach allein die so genannte kalte Progression die Steuerzahler seit dem Jahr 2000 mit sechs Mrd. Euro belastet habe. Wenn die Regierung die Steuerzahler nicht stärker entlastet, würde die Steuerreform also nicht nur keine reale Entlastung darstellen, sondern nicht einmal die Hälfte der „kalten Progression“ zurückgeben.

„Kalte Progression“ entsteht dadurch, dass die Stufen, ab denen bestimmte Steuersätze zu bezahlen sind, nicht an die Inflation angepasst werden. Nominelle Lohnerhöhungen führen so dazu, dass Steuerzahler in höhere Steuerstufen rutschen, ohne dass sie real mehr in der Tasche hätten.

Welches Reformvolumen er sich vorstellen könne, wollte Androsch freilich nicht sagen: Er sehe keinen Sinn darin, seinem „Nachnach-nachnachfolger“ ungefragt Tipps zu geben. Allerdings: IHS-Chef Bernhard Felderer habe einmal ein Entlastungsvolumen von fünf Milliarden als sinnvoll und machbar genannt – „und der ist schließlich ein Fachmann“.


„Sparpotenziale heben“

Die Staatsverschuldung beziehungsweise deren Eindämmung ist für Androsch kein Argument gegen eine kräftige Steuerreform: Erstens steige diese ohnehin stark (wenn auch außerbudgetär, etwa bei Bahn und Asfinag). Und zweitens werde das Land so oder so nicht darum herum kommen, seine Sparpotenziale zu heben.

Als Beispiel nannte der Unternehmer die Bundesstaats- und die Gesundheitsreform. Im Gesundheitsbereich müsse man sich fragen, wozu ein kleines Land wie Österreich 19 Krankenkassen brauche. Die jüngsten Reformen im Gesundheitsbereich sieht Androsch kritisch: Die Sozialpartner würden nach dem Motto „wir spielen Selbstverwaltung und der Bund soll zahlen“ agieren. Das sei ineffizient und teuer. Androsch: „Unsere Sozialquote ist extrem hoch und trotzdem kommen wir damit nicht aus. Irgendetwas stimmt da nicht“.

Das alles führe zu überproportionalen Steuer- und Abgabenbelastungen. Androsch zitiert dazu ein Beispiel aus seiner unternehmerischen Praxis: Wenn jemand bei uns 2800 brutto bekomme, bleiben ihm davon 1758,74 netto. „Dem Betrieb kostet das aber 3600 Euro“, so Androsch. Mit anderen Worten: Die tatsächlichen Lohnkosten sind mehr als zweimal so hoch wie das Nettoeinkommen.

Am stärksten treffe das den Mittelstand – den Androsch übrigens etwas weiter fasst als seine Partei: Während SPÖ-Politiker in jüngster zeit die Obergrenze des Mittelstandes bei Einkommen zwischen 2000 und 4000 Euro im Monat ansetzen, sind für Androsch „qualifizierte Leistungsträger“ mit 7000 Euro noch entlastungswürdige Mittelständler, die von der Progressionskeule ganz besonders stark betroffen seien.

Dem Vorstoß von Vizekjanzler Molterer zu einer Besteuerung von Aktienoptionen (die Top-Managern regelmäßig zu Traumgagen verhelfen) kann Androsch nichts abgewinnen. Er empfehle Politikern „zuerst nachzudenken, dann anzukündigen“, meinte er. Stock Options seien zwar von Managern zu „exzessiver, dummer und gieriger Bereicherung missbraucht“ worden, man solle aber das Kind nicht mit dem Bade ausschütten, sondern Optionen an die Erreichung eines „nachhaltigen Unternmehmenserfolgs“ binden.

AUF EINEN BLICK

Sechs Milliarden Euro hat die so genannte „kalte Progression“ die Steuerzahler in den vergangenen Jahren gekostet.

Drei Milliarden Euro Volumen sei deshalb für die geplante Steuerreform viel zu wenig, meint der Industrielle Hannes Androsch.

Die Steuerlast sei in Österreich generell viel zu hoch, für 1469 Euro Nettolohn fallen 3600 Euro Lohnkosten an.

„Manchmal denke ich mir schon, jetzt ist wieder eine Lebenswoche weg“, sagt Leopold Spreitzer (66). Vor vier Jahren ging er in Pension, nach 18 Tagen wurde er von seinem Chef Wolfgang Welser von Welser Profile zurückgeholt. „Finanziell ist es kein Nachteil für mich“, stellt Spreitzer fest. „Entsprechendes Wissen wird auch entsprechend bezahlt.“ Auch interessiert ihn, wie es mit dem Werk in Bönen bei Dortmund weiter geht, dessen Bau er mit initiiert hat. Mindestens zwei Mal im Monat fährt er nach Bönen, weist junge Leute ein und beseitigt Probleme an der Produktionsstraße. Angefangen hatte er vor 50 Jahren als Hilfsarbeiter, im Fernstudium die Meisterprüfung abgelegt und es zum Oberwerkmeister geschafft. [Zötl]

„Die schwere körperliche Arbeit mache ich nicht mehr“, sagt Josef Klocker (58). „Dafür habe ich jetzt Helfer.“ Hand anlegen muss der Seilbahnmonteur dennoch, wenn er wieder die Verantwortung für ein Projekt bei der Firma Doppelmayr übernommen hat. Denn dort, wo Seilbahnen entstehen, kommen nicht so viele Maschinen hin. In Pension will Klocker noch nicht. „Wer so lange im Außendienst war, den reizt das immer wieder.“ Früher ist er viel herumgekommen, in Chile und Argentinien hat er genauso Seilbahnen errichtet wie in der Schweiz. Jetzt gibt es mehr Großprojekte, da reise man weniger. Trotzdem: „Wenn man gefragt wird, ob man in St. Anton eine Seilbahn bauen will, da geht man nicht in Pension.“ [Zötl]

„Mit Geld allein kann man keinen überzeugen, länger zu arbeiten“, sagt Hans Pelzer. Will er pensionsreife Mitarbeiter in seinem Betrieb, der Heid Antriebstechnik, halten, gibt er ihnen interessante Spezialaufgaben. „Dann sage ich: Ich brauche dich genau dafür.“ Er selbst ist 79. Vor 20 Jahren, kurz vor der geplanten Pensionierung, wurde er zum Geschäftsführer bestellt. „Da kann ich ja nicht sagen, gut, aber in einem Jahr gehe ich in Pension“, meint er. Also blieb er. Später übernahm er die Firma im Rahmen eines Management-Buyouts. Anstatt Pensionist zu werden, ist er jetzt Chef von 24 Mitarbeitern. Oft hört er 60-Jährige einander fragen: „Was, du bist noch immer nicht in Pension?“ Ihn selbst fragt schon lange niemand mehr. [Zötl]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.05.2008)

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