Österreich: Jeder zweite Job in Gefahr

In den kommenden zwei Jahrzehnten könnten 54 Prozent aller Fabrikarbeiter und Büroangestellten in Österreich Computer und Roboter als Kollegen bekommen, sagt eine Studie.

(c) FABRY Clemens

Wien. Zehntausend Roboter werden bis Jahresende in die Montagehallen des taiwanischen Auftragsfertigers Foxconn einziehen. Damit dürften zumindest die Beschwerden der 1,2 Mio. Menschen, die im Konzern unter teilweise miserablen Arbeitsbedingungen iPhones zusammenschrauben, bald Geschichte sein. Und billiger seien die Maschinen ohnedies, ließ das Unternehmen wissen.

Aber das ist nur die Spitze des Eisbergs. Nicht nur die Routinejobs in Asiens Werkbänken werden von Computern und Robotern übernommen. Die digitale Konkurrenz drängt auch in die Büros der europäischen Mittelschichtangestellten. In den kommenden zwei Jahrzehnten könnte jeder zweite Job in Europa von intelligenten Maschinen übernommen werden, errechnete Jeremy Bowles von der Brüsseler Denkschmiede Bruegel. Keine gute Nachricht für die Europäische Union, in der so viele Menschen wie nie zuvor ohne Job sind. Österreich trifft es mit 54,1 Prozent sogar stärker als der Schnitt der Industrieländer im Norden des Kontinents (siehe Grafik).

 

Roboter werden intelligenter

Egal ob Steuerbuchhalter, Chauffeur oder Bankkassier. Sie alle könnten durch intelligente Software ersetzt werden. Der Grund dafür sei klar, sagen die Oxford-Ökonomen Carl Frey und Michael Osborne, deren Studie aus 2013 Grundlage für die Arbeit von Bruegel war: Während die Gehirne der Roboter bisher nur brav abarbeiten konnten, was Ingenieure ihnen diktierten, so sei die Software nun fähig, aus der Vergangenheit zu lernen und selbst zu entscheiden.

So fahren Googles Programme heute selbsttätig mit Autos quer durch die USA. Intelligente Software prüft die Kreditwürdigkeit von US-Kunden und durchforstet Aktenberge in unschlagbarem Tempo. Sogar menschliche Gefühlsregungen sollen Pflegemaschinen aus Japan gerade erkennen lernen.

„Diese Veränderungen hat es schon gegeben“, sagt Ökonom Frey. Spätestens seit der industriellen Revolution ist die Sorge vor der mechanischen Arbeitsplatzvernichtung allgegenwärtig. Bisher kam es jedoch anders. Der technische Fortschritt schuf mehr Wohlstand und bessere Arbeitsplätze, als er vernichtete. Die Untergangspropheten lagen stets falsch. Auch dieses Mal werde es so sein, sagt etwa der US-Ökonom Robert Gordon. Er rechnet damit, dass die Menschheit in eine Ära mit so geringem Wirtschaftswachstum eintritt, dass die Technologie kaum Auswirkungen haben wird.

Eine These, mit der Studienautor Frey wenig anfangen kann: „Der technologische Wandel geht diesmal noch schneller vonstatten und trifft eine größere Bandbreite an Jobs“, sagt er. Ähnlich argumentieren auch die beiden MIT-Ökonomen Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee. In ihrem Buch „Race against the Machine“ erläutern sie, warum der Fortschritt erstmals seit der Erfindung des Rades mehr Arbeitsplätze vernichtet, als er schafft.

 

Technologie vs. Bildung

Das Versprechen, wonach Innovation mehr Wohlstand und höhere Löhne für die übrigen Arbeiter bringt, gelte nicht mehr, schreiben sie. In den vergangenen Jahrzehnten stagnierte das reale Lohneinkommen in Industrieländern bestenfalls. Und die jungen IT-Unternehmen, die alten Branchen zu Leibe rücken, kommen zu Beginn mit deutlich weniger Mitarbeitern als die alten Industriekonzerne aus. Die Zeit, selbst zu ähnlichen Giganten zu wachsen, fehlt den meisten von ihnen. Denn schneller als bei Computerprozessoren schreitet nur der Fortschritt der Software-Algorithmen voran.

Das bringt auch viele Vorteile mit sich. So gibt es kaum einen Lebensbereich, der ohne die Erfindung des Computers so wäre, wie wir es gewöhnt sind. In manchen Schwellenländern hat die digitale Revolution den Menschen erst die Chance auf leistbare Gesundheitsversorgung oder Bildung gegeben.

Für Europas Arbeitsmarkt ist die Entwicklung dennoch ernst zu nehmen, auch wenn manche Ökonomen den Effekt geringschätzen. Der Aufstieg der Maschinen bedeutet nicht das Ende der Lohnarbeit. Es wird immer Jobs geben, allein schon, weil jemand da sein muss, um all die Produkte zu kaufen, die in den automatisierten Hallen gefertigt werden. Doch der arbeitslose Werksarbeiter wird nicht ohne Weiteres zum Softwareentwickler werden. Die Lösung können die Staaten erst der nächsten Generation Arbeitern mitgeben, so Bruegel.

Sie müssten Fähigkeiten erhalten, die sie von Technologie profitieren lassen, statt von ihr bedroht zu werden. Oder wie Frey es sagt: „Es wird ein Wettrennen Technologie gegen Bildung.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.07.2014)

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