Machtkampf in der OMV-Chefetage

"Presse"-Exklusiv. Im Vorstand der OMV tobt ein Machtkampf. Konzernchef Gerhard Roiss will das Gasgeschäft aufspalten - und so den ungeliebten Gas-Vorstand Hans-Peter Floren entmachten.

PK OMV AG: 'ERGEBNIS 1. HALBJAHR' / HUIJSKES, ROISS, DAVIES, LEITNER, FLOREN
PK OMV AG: 'ERGEBNIS 1. HALBJAHR' / HUIJSKES, ROISS, DAVIES, LEITNER, FLOREN
OMV-Chef Roiss (zweiter von links) will Gas-Vorstand Floren (ganz rechts) entmachten. – APA/HERBERT NEUBAUER

Wien. Es ist ein höchst ungewöhnlicher Brief, der OMV-Aufsichtsratschef Rudolf Kemler vor wenigen Wochen ins Haus flatterte. Der Absender fordert darin nicht weniger als einen Großumbau des heimischen Mineralölkonzerns OMV. Die Sparte „Gas und Power", in der das Unternehmen den Gasvertrieb und die Stromerzeugung bündelt, müsse aufgespaltet und der zuständige Vorstand, Hans-Peter Floren, seiner Aufgaben entledigt werden, heißt es darin. Das Pikante daran: Absender ist kein unzufriedener Kleinaktionär, sondern Gerhard Roiss - Vorstandschef des teilstaatlichen Energiekonzerns selbst.

Mit anderen Worten: Im sonst so verschwiegenen Unternehmen kracht es gewaltig. Just in einer Zeit, in der Produktionsausfälle in Libyen das Ergebnis einbrechen lassen, tobt ein Machtkampf, wie ihn die OMV lange nicht gesehen hat. Die Rollen sind klar verteilt: Auf der einen Seite steht der OMV-General Gerhard Roiss, dem Mitarbeiter eine „starke Persönlichkeit" attestieren. Oder weniger charmant: Roiss sei ein Machtmensch durch und durch - und Widerspruch im Haus seit seinem Antritt vor drei Jahren nicht mehr gerne gesehen. Auf der anderen Seite steht Hans-Peter Floren, der 53-jährige Deutsche, der seit Februar 2012 das Gasgeschäft des Konzerns verantwortet und Gerhard Roiss wiederholt Konter gab.

Demontage voll im Gang

Bei der Präsentation der Halbjahreszahlen am gestrigen Dienstag schafften es die beiden immerhin noch auf dasselbe Podium. Fragen nach dem Gasgeschäft beantwortete aber schon wie selbstverständlich Roiss. Das Portfolio der Gas-sparte müsse „überarbeitet" werden: „Wir haben dort definitiv einen Handlungsbedarf. Wir werden uns jetzt alles genau ansehen." Der für Gas zuständige Vorstand Hans-Peter Floren saß währenddessen schweigend daneben, wie zum Statisten degradiert.
Für den Deutschen ist das mittlerweile nichts Neues mehr. In den vergangenen Monaten soll der OMV-Chef seinen Gasvorstand immer stärker isoliert haben, bestätigten mehrere Personen aus dem Unternehmen. Bei Vorstandsentscheidungen stehe er meist auf verlorenem Posten. Selbst um Entscheidungen durchzusetzen, die eindeutig in seinen Bereich fallen, soll Floren mittlerweile auf die Hilfe des Aufsichtsrats angewiesen sein. Die Demontage ist also längst im Gange.
Der erste Versuch seiner Vorstandskollegen, den Gasbereich unter einander aufzuteilen, wurde bei der vergangenen Aufsichtsratssitzung im Frühsommer noch vereitelt. Mitte September kommen ÖIAG-Chef Rudolf Kemler und die anderen Aufsichtsratsmitglieder neuerlich zusammen, um den Haussegen wieder zurechtzurücken.

Die Gasstrategie geht nicht auf

Um zu verstehen, warum ein Top-Manager eine so ungewöhnliche Attacke auf einen Kollegen reitet, hilft es vielleicht, sich zu erinnern, mit welchen Versprechen Gerhard Roiss vor drei Jahren sein Amt angetreten hat. Rückblende: September 2011, Istanbul. 200 Journalisten und Analysten aus aller Welt hat der Manager an das Ufer des Bosporus geladen, um mit Pomp und Trara die Neuausrichtung seines Unternehmens zu verkünden: Die Zukunft der OMV sei das Gas, hieß es damals. In zehn Jahren solle der Anteil des Bereichs „Gas und Power" am OMV-Portfolio von zwölf auf zwanzig Prozent wachsen. Gaskraftwerke sollten „ein neues attraktives Outlet für das Gas aus Eigenproduktion" werden. Klang gut. Doch es sollte anders kommen.

In den folgenden Jahren fiel der Gaspreis an den Börsen ins Bodenlose. Die OMV steckte jedoch in langjährigen teuren Lieferverträgen mit der russischen Gazprom fest. Die hauseigenen Gaskraftwerke wurden Verlustbringer, die gesamte Sparte rutschte tief ins Minus. Von den angestrebten zwanzig Prozent ist keine Rede mehr. Das Versprechen von Roiss lässt sich einfach nicht einlösen.
Stattdessen soll nun also offenbar die angeschlagene Gassparte verräumt werden - und der ungeliebte Kontrahent Floren gleich mit. Der frühere Vorstandsvorsitzende der deutschen E.On-Ruhrgas soll Roiss längst ein Dorn im Auge gewesen sein. Schon als der Gas-Vorstandsposten vakant wurde, machte der OMV-Veteran lauthals Stimmung für einen anderen Kandidaten. Ohne Erfolg. Hans-Peter Floren kam zum Zug und absolvierte das Himmelfahrtskommando, das er angetreten ist, durchaus passabel. Im Vorjahr schaffte es der Manager sogar, die Einkaufspreise für russisches Gas zu drücken. Die Frohbotschaft überbringen durfte dann doch der Chef. Floren war zur selben Zeit auf Urlaub.

Jetzt soll sein Bereich nach Willen des OMV-Chefs also aufgeteilt werden, die Produktion würde in die Hände von Explorations-Vorstand Jaap Huijskes gelangen, der Vertrieb käme zu Manfred Leitner, bisher zuständig für Raffinerien und Marketing. Es gibt durchaus Argumente für eine derartige „Verschlankung". Derzeit ist der Gasbereich tatsächlich so klein, dass man die Frage aufwerfen kann, ob sich ein eigener Vorstand dafür noch lohnt. Doch viele im Konzern zweifeln daran, dass das langfristig die richtige Strategie sein wird. „Warum will Gerhard Roiss der russischen Gazprom, die seit langem nach Europa drängt, so einfach das Feld überlassen?", fragen sie. „Ob es mit den hartnäckigen Gerüchten zusammenhängt, dass Gazprom bei der OMV einsteigen will?"

Aufsichtsrat heuert Berater an

Die Spannungen im Management will man bei der OMV nicht kommentieren. Offiziell heißt es lediglich: „Die schwierige Lage der Gas und Power Division ist alles andere als überraschend". Man prüfe „alle Optimierungsmöglichkeiten."
Auch der staatliche Kernaktionär ÖIAG will sich zum Streit nicht äußern. „Die Rahmenbedingungen im europäischen Gasmarkt sind für alle Marktteilnehmer extrem herausfordernd", erklärte ein Sprecher. „Allein in den letzten zwölf Monaten ist der Spot-Preis für Gas um rund 20 Prozent eingebrochen. Der OMV-Aufsichtsrat hat daher bereits Anfang 2014 ein umfassendes Strategieprojekt initiiert." Berater würden nun ausarbeiten, wie das Gasgeschäft der OMV in Zukunft strukturiert werden solle. Erst wenn die Ergebnisse vorliegen, werde der Aufsichtsrat weitere Entscheidungen - etwa personelle - fällen.
Sowohl Gerhard Roiss als auch Hans-Peter Floren haben einen Vertrag bis Frühling 2017. Eine lange Zeit für Friendly Fire in der Chefetage.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.08.2014)

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