Geschäft mit gutem Gewissen

Die Gesellschaft findet neue Wege, mit Leid umzugehen. Aktionen wie die "Ice Bucket Challenge" sind albern und erfolgreich. Politiker setzen hingegen auf Neid statt auf Wohltätigkeit.

Bettler in Graz
Bettler in Graz
Bettler in Graz – (c) Michaela Bruckberger

Der Slogan für die Spendenaktion sei intern heftig diskutiert worden, erzählt der Wiener Caritas-Direktor, Michael Landau. Aktuell plakatiert die Caritas das Porträt von zwei Kindern, eines weiß, das andere dunkelhäutig. „Eines von zwei Kindern muss verhungern. Wenn wir unsere Hilfe nicht verdoppeln.“ Dies sollte eigentlich auf den Plakaten stehen. Doch im letzten Moment wurde aus „verhungern“ ein abgeschwächtes „hungern“. Hemmt zu viel schlechtes Gewissen die Spenderlaune?

Klar ist: Die Plakataktion der Caritas geht auch in abgeschwächter Form unter die Haut und ist so manchem Beobachter noch immer zu hart. Dabei sollte man doch glauben, die Menschen seien ohnehin schon abgestumpft. Tagtäglich werden ihnen die Schreckensbilder aus Syrien, der Ukraine, dem Gazastreifen frei Haus geliefert, zwischendurch noch ein paar Naturkatastrophen. Allgemein kommen Psychologen zur Ansicht, dass mit steigender Präsenz des Elends das Mitgefühl der Menschen sinkt. Und es sinkt dadurch auch die Bereitschaft, zu spenden und zu helfen.

Eine Feststellung, die Caritas-Direktor Landau im Gespräch mit der „Presse am Sonntag“ aus seiner eigenen Erfahrung nicht bestätigen kann. „In Österreich gebe es einen „guten Grundwasserspiegel der Solidarität“, attestiert er. Er beobachte, dass viele sich persönlich engagieren. So nehme etwa die Zahl der freiwilligen Helfer bei der Caritas kontinuierlich zu. Mittlerweile seien es 40.000.

Für den Großteil der Bevölkerung dürfte aber zutreffen, was Experten unter dem Begriff „Habituation“ subsumieren. Wenn sich der Schrecken zu oft wiederholt, verliert er seinen Schrecken. Es ist ein schleichender, unbewusster Prozess.


Dosis erhöhen. Wer also mit Bad News Geschäft machen oder Spenden sammeln will, muss sich dieser Tage etwas einfallen lassen. Das gilt nicht nur für Hilfsorganisationen, sondern vor allem auch für Medien. Das Nachrichtenmagazin „Profil“ titelte vergangene Woche mit der Schlagzeile „Was wir vom Krieg nicht sehen wollen“ und zeigte dazu das Bild zweier Kinder, die nach dem Bombardement eines Hauses in Gaza bis zum Hals im Schutt stecken. Und auch wenn sich die Coverstory dazu sehr klug mit dem Krieg der Bilder auseinandersetzt, bleibt trotzdem der Verdacht, dass hier im wahrsten Sinne des Wortes „mit aller Gewalt“ versucht wird, ein Magazin zu verkaufen. Am Ende macht sich nämlich jeder sein Bild von der Wirklichkeit selbst.

Müssen wir tatsächlich die Dosis erhöhen, um das Elend zu vermitteln? „Es geht nicht darum, die Dosis zu erhöhen“, sagt Michael Landau. Es gehe darum, Unangenehmes „ungeschönt“ anzusprechen.


Eiskübel statt Betroffenheit. Eine Ansicht, die bei der ALS Association in Washington mittlerweile wohl keiner mehr unterschreiben wird. Ziel der Vereinigung ist es, Geld im Kampf gegen die bis dato unheilbare Nervenkrankheit Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) aufzutreiben. Vor einem Jahr waren im August knapp zwei Millionen Dollar auf das Spendenkonto eingegangen, berichtet die Vereinigung auf ihrer Homepage. Diesen Sommer sind es mehr als 40 Millionen Dollar. Und alles nur, weil ein in den USA populärer Golfprofi sich einen Kübel Eiswasser über den Kopf gelehrt hat. Seit Monaten sorgt die „Ice Bucket Challenge“ auf Facebook für Furore. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg hat sich genauso gekübelt, wie Microsoft-Gründer Bill Gates oder der frühere US-Präsident Georg W. Bush. Sein Nachfolger Barack Obama zog es vor, „nur“ zu spenden, und ließ die Dusche aus.

Mit Respektabstand ist die Aktion auch in Österreich angekommen. Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter, ÖVP-Klubobmann Reinhold Lopatka, ÖBB-Chef Christian Kern, Skispringer Gregor Schlierenzauer und ORF-Journalist Armin Wolf stellten in den vergangenen Tagen ihr soziales Engagement unter Beweis und sich selbst dar.

Muss sich irgendwann auch die Caritas damit abfinden, dass man sich Spendengelder am besten erblödelt? Dass die „ungeschönte“ Wahrheit keiner mehr sehen will?

„Ich sehe den Überdruss nicht“, antwortet Landau. „Den Menschen ist das Leid anderer nicht egal.“

Aber die Menschen wollen das Elend lieber in kleinen Häppchen serviert bekommen, damit sie es besser konsumieren können. Das Leid sollte tunlichst kein Gesicht haben, sondern am besten in abstrakte Zahlen gegossen sein. Dass laut Statistik Austria 1,5 Millionen Österreicher „armutsgefährdet“ sind, darüber kann man mit gutem Gewissen besorgt sein. Der Sozialstaat verpackt Armut quasi in Cellophan und macht sie so erträglich. Erträglich vor allem für jene, die nicht betroffen sind.

Dass mittlerweile jeder dritte Steuereuro für Soziales ausgegeben wird, und die Armut laut Armutskonferenz in diesem Land trotzdem nicht abnimmt, wundert zumindest Michael Landau nicht. „Der überwiegende Teil des Geldes fließt ins Pensionssystem und ins Gesundheitswesen“, sagt der Caritas-Direktor. „Nur 0,8 Prozent der Sozialausgaben dienen der unmittelbaren Armutsbekämpfung.“

Neid ist stärker als Leid. Wie viel Mitleid steckt in einer Gesellschaft, in der das Wort „Opfer“ nicht nur unter Teenagern zum Schimpfwort avanciert? Wie viel Soziales steckt in den „sozialen Medien“?

Und in der Politik? Es ist durchaus bezeichnend, dass das oberste sozialpolitische Ziel der SPÖ inzwischen die sogenannte „Millionärssteuer“ ist. Nicht die Armut, sondern der Reichtum wird bekämpft. Neid ist eben stärker als Leid. Und während die einen gegen „die da oben“ wettern, ziehen FPÖ und ÖVP wie jüngst in Salzburg gegen „organisierte Bettlerbanden“ ins Feld. „Wir kommen mit Neiddebatten weder am oberen noch am unteren Rand weiter“, sagt der Wiener Caritas-Direktor.

Dass Menschen bei so vielen „Krisenherden“ irgendwann das Elend auch einfach einmal „ausblenden“ wollen, versteht auch er. Gelegentlich ausblenden ist besser als abstumpfen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.08.2014)

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