Konjunktur: Wir schlittern Richtung Rezession

Statt des erwarteten Wirtschaftsaufschwungs drohen Stagnation und Rezession: In jüngster Zeit haben sich die Konjunkturindikatoren zum Teil drastisch verschlechtert, die Börsen knicken ein.

Symbolbild Rezession
Symbolbild Rezession
Symbolbild Rezession – (c) Clemens Fabry

Wien. „Sehr optimistisch“ nannte Bank-Austria-Generaldirektor Willibald Cernko gestern die (ohnehin schon deutlich gekappten) gültigen Prognosen über 1,5 bis 1,6Prozent Wirtschaftswachstum für das kommende Jahr. Das kann man wohl sagen: In den vergangenen Tagen haben sich die Zeichen dafür gemehrt, dass sich die von den Wirtschaftsforschern prognostizierte Wachstumsabschwächung zu einer Stagnation oder gar einer echten Rezession auswachsen könnte. Die gefürchtete Double-Dip-Rezession (nach einer kurzen Erholung stürzt die Konjunktur wieder ab, ehe sie sich endgültig erfängt) dürfte, wie man an nebenstehender Grafik ablesen kann, Wirklichkeit werden.

Ein sicherer Indikator dafür sind die Börsen: Sie sind in den vergangenen Tagen wegen aufgekommener Konjunktursorgen dramatisch abgestürzt. Eine Kurskorrektur haben Experten erwartet. Aber ein Absturz um 16 Prozent beim deutschen Leitindex DAX und um mehr als ein Viertel beim österreichischen ATX deutet doch auf tiefer liegende Probleme hin. Zumal die Talfahrt noch keineswegs zu Ende ist.

Börsen laufen der Konjunktur normalerweise um rund ein halbes Jahr voraus, weshalb im kommenden Frühjahr statt des erwarteten (und ursprünglich schon für heuer prophezeiten) Aufschwungs ein grimmiger Einbruch zu befürchten ist.


Darauf deuten auch viele Indikatoren aus der Realwirtschaft hin:
• Die Unternehmen investieren viel zu wenig, obwohl Kredite derzeit sehr billig sind. Vor einer Konjunkturwende müssten die Investitionen anziehen.
• Rohstoffpreise fallen mangels Nachfrage rapid und anhaltend, was schwache Produktionserwartungen widerspiegelt.
• Der Europäischen Zentralbank (EZB) gelingt es trotz ausgedehnter Liquiditätsmaßnahmen nicht, die angepeilte Inflationsrate von zwei Prozent zu erzeugen. Im Gegenteil: Einige Euroländer sind bereits in die gefürchtete Deflation (Preisrückgänge auf breiter Front) abgerutscht. Dort, wo die Inflation noch vergleichsweise hoch ist (etwa in Österreich), hat das keine konjunkturellen Gründe, sondern liegt überwiegend an Gebührenorgien der öffentlichen Hand.
• Der europäischen Konjunkturlokomotive Deutschland ist der Dampf ausgegangen. Im zweiten Quartal dieses Jahres ist die Wirtschaftsleistung überraschend geschrumpft, im dritten droht ebenfalls ein BIP-Rückgang.
• Gleichzeitig brechen europaweit die Stimmungs- und Konsumindikatoren ein – und an der Euro-Peripherie, etwa in Griechenland, beginnt die Staatsschuldenkrise wieder aufzupoppen.

Die EZB hat zuletzt angedeutet, dass sie ihr gesamtes Arsenal bis hin zu ihr eigentlich verbotenen Instrumenten (etwa den Direktankauf von Staatsanleihen und den Ankauf von Kreditverbriefungen von den Banken) einsetzen könnte, um die dramatisch einbrechende Konjunktur wieder in Gang zu bringen. Ökonomen bezweifeln freilich stark, dass das allein ausreichend sein wird. Liquidität ist ja jetzt schon mehr als ausreichend vorhanden, sie kommt nur nicht dort an, wo sie gebraucht wird.

Die Gründe dafür sind relativ klar: Die Ursachen der Finanzkrise von 2008 sind noch lange nicht beseitigt: Die Staatsschuldenkrise ist nicht gelöst, der Bankensektor noch immer nicht saniert, und die strukturellen Reformen, die die Euroländer zwingend für die „Entfesselung“ ihrer Wirtschaft durchführen müssten, werden weiter auf die lange Bank geschoben. Fazit der Experten: Unter diesen Voraussetzungen kann die EZB mit ihrem Arsenal den Absturz nur mildern, aber nicht verhindern. Es droht eine längere Stagnationsphase.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.10.2014)

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