Aus für Glanzstoff: 300 verlieren Job

Ende des Jahres sperrt das St. Pöltener Werk für Viskose-Filamentgarne zu. Der Brand vom Jänner war der Anfang vom Ende.

(c) Die Presse (Michaela Bruckberger)

St.Pölten (gr). Nicht jeder in St.Pölten wird der Glanzstoff Austria eine Träne nachweinen. Der Gestank des Werkes, das Viskose-Filamentgarne für Autoreifen produzierte, ärgerte viele Bürger. Für die rund 300 Beschäftigten, die nun ihren Arbeitsplatz verlieren, ist die am Freitag beschlossene Schließung der Glanzstoff mit Jahresende aber eine Katastrophe. Obwohl die Stadt, das Land Niederösterreich und das Arbeitsmarktservice eine „sozial verträgliche Lösung“ versprechen. Alle 327 Mitarbeiter wurden beim AMS zur Kündigung angemeldet.

Das endgültige Ende von Glanzstoff hat sich nach dem Brand im Jänner 2008 bereits abgezeichnet. Damals wurde eine der beiden Abluftanlagen zerstört, weshalb in der Folge die Emissionen der chemischen Produktionsprozesse zu hoch waren, um mit voller Leistung zu arbeiten. Produziert wurden nur mehr 4000 Jahrestonnen Garne, während das Werk auf 12.000 Tonnen ausgelegt ist. Die notwendige neue Abgas-Anlage hätte jedoch ein jahrelanges Genehmigungsverfahren erfordert – Zeit, die die Glanzstoff nicht hat. „Wir erwirtschaften derzeit einen ruinösen Verlust von einer Mio. Euro im Monat“, sagte Geschäftsführer Helmut Stalf am Freitag.


„Chemie mitten in der Stadt“

Das ist der Todesstoß. Auch Investitionen von 50 Mio. Euro allein in den vergangenen 14 Jahren hätten nichts genützt. Eine Verlagerung käme zu teuer. Stalf: „Wir mussten erkennen, dass ein Chemieunternehmen mitten in der Stadt einfach schlechte Karten hat.“ Mit der Stadt wird nun über die Verwendung des 140.000 Quadratmeter großen Glanzstoff-Areals verhandelt. Nur die Holding der Glanzstoff-Gruppe, die auch Werke in Tschechien, Luxemburg und Italien hat, bleibt mit 15 Mitarbeitern in St. Pölten.

Mit dem Produktions-Stopp in St. Pölten gehen 104 Jahre wechselvolle Industriegeschichte zu Ende. Die 1904 gegründete Fabrik erlebte in den 70er- und 80er-Jahren eine massiven Aufschwung. Die hohe Nachfrage aus der Automobil-Industrie brachte dem damals zu Lenzing gehörenden Unternehmen den Titel „Exportkaiser“ und das Staatswappen. 1990 erfolgte der Börsegang. Kurz danach begann der Niedergang. 1994 kam es zum Konkurs.

Als Retter wurde der Industrielle Cornelius Grupp gefeiert, der auch Stölzle Oberglas und zuvor das Röhrenwerk Krieglach übernommen hatte. Grupp, der die Glanzstoff-Sanierung als Meisterstück betrachtete, modernisierte und expandierte. Mit der Inbetriebnahme der neuen Abluftreinigungsanlagen schien die Zukunft gesichert. Dann kamen der Brand und die neuen Umweltauflagen. Bürgermeister Matthias Stadler (SPÖ) weist jedoch Vorwürfe der Geschäftsführung, die sich von der Politik „im Stich gelassen“ fühlt, zurück: Die Prüfverfahren wurden rechtlich korrekt abgewickelt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.07.2008)

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