Glanzstoff: Die letzten Tage einer St. Pöltner Hass-Liebe

104 Jahre nach seiner Gründung schließt die Viskosegarn-Fabrik. 320 Mitarbeiter verlieren ihren Arbeitsplatz. Grund für die Schließung ist der Brand am 10. Jänner 2008.

(c) Die Presse (Georg Renner)

St. Pölten. „Prinzipiell ist es natürlich eine Katastrophe“, sagt die Wirtin des neuen Lokals neben dem Industrieareal. Aussagen wie die ihre hört man oft, wenn man sich in St. Pölten nach dem Ende der Glanzstoff-Fabrik erkundigt. „Prinzipiell“, „eigentlich“ oder auch nur „halbwegs“ schlimm sei also, dass dadurch mehr als 300 Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren. „Aber“, relativieren die St. Pöltner dann, „für die Stadtentwicklung ist es sicher besser so – wegen des Gestanks.“

Seit 1904 ist das Glanzstoff-Areal mit seinem charakteristischen, 84 Meter hohen Abluftschlot ein Teil, beinahe ein Wahrzeichen der heutigen Landeshauptstadt. Seit damals spinnen in Ziegelhallen riesige Stahlmaschinen Viskosegarn aus Zellstoff und verschiedenen Chemikalien. Diese Ballen liefert Glanzstoff an Unternehmen im In- und Ausland, die aus den transparent weiß schimmernden Fäden Güter produzieren, die allerorts gerne verwendet werden: Kunstfasertextilien zum Beispiel, oder Autoreifen.

Mit der Produktion der Viskosegarne selbst will aber kaum jemand näher zu tun haben. Als Nebenprodukte entstehen dabei die Abgase Schwefelkohlenstoff und Schwefelwasserstoff: Und die sind in hoher Konzentration nicht nur hochgiftig, sondern entfalten auch einen unangenehmen Geruch, der sich von jenem fauler Eier nur durch penetrante Künstlichkeit unterscheidet.

 

Keine Industrie im „Masterplan“

Rund 100 Kilogramm Schwefelkohlenstoff und zehn Kilo Schwefelwasserstoff hat die Glanzstoff zuletzt pro Stunde ausgestoßen. Immer wieder haben in den vergangenen Jahrzehnten Bügerinitiativen gegen den Betrieb mitten im Wohngebiet gekämpft, versuchten, strengere Vorschriften zu erwirken. Mit Teilerfolgen – 2003 hat die Glanzstoff eine neue Abluftanlage in Betrieb genommen, die die Geruchsbelastung signifikant reduziert hat. Das Problem, das die Glanzstoff für das Image der Stadt war, blieb aber bestehen. Reisenden, die am nahen Bahnhof in der Landeshauptstadt ankamen, schlug zuallererst der schwefelige Geruch der Fabrik entgegen. So behielt St. Pölten, das im vergangenen halben Jahrhundert – nicht zuletzt dank der Ernennung zur Landeshauptstadt 1986 – von der Industrie- zur Dienstleistungsstadt geworden ist, den Ruf der schmutzigen, stinkenden Arbeiterhochburg. Der Zorn der Bewohner auf die Fabrik in ihrer Mitte mischte sich mit Stolz auf den erfolgreichen Exportbetrieb.

Das soll sich jetzt ändern. Im Gespräch mit der „Presse“ legt Glanzstoff-Geschäftsführer Dieter Kirchknopf eine Kopie des „Masterplans“ zur Stadtentwicklung auf den Tisch: „Das Wort ,Industrie‘ kommt darin kein einziges Mal vor“, stellt der Manager fest. Kirchknopf, der am 19. Juli die Schließung des Werks verkündet hat, fühlt sich von der Politik im Stich gelassen: „1994, als das Unternehmen wirtschaftlich vor dem Aus gestanden ist, sind von Bundeskanzler Vranitzky abwärts alle Politiker hierhergekommen, um ihre Solidarität zu bekunden.“ Damals hätten die 327 Arbeitsplätze, die letztlich von dem Industriellen Cornelius Grupp gesichert wurden, auch für die Politik Vorrang vor Bedenken wegen der Lebensqualität der St. Pöltner gehabt.

 

Stadt wuchs um Fabrik

Diese Unterstützung fehlt Kirchknopf 2008. Am 10. Jänner hat ein Brand eine der beiden Abluftanlagen der Glanzstoff vernichtet. Danach stand der Betrieb mehrere Monate still, konnte erst Ende April wieder gedrosselt aufgenommen werden. Eine Neuerrichtung der Anlage hätte eine neue Bewilligung erfordert, die nach strengeren Kriterien geprüft worden wäre als der bisherige Betrieb der Glanzstoff.

Kriterien, die wirtschaftlich nicht erfüllbar seien: Eine weitere Reduktion des Abgasausstoßes und ein weiteres Verfahren wären notwendig gewesen – was die Wiederaufnahme der vollen Produktion um weitere Monate verzögert hätte. „Offensichtlich will man keine Industriearbeitsplätze mehr in der Stadt“, sagt Kirchknopf resigniert.

Dabei – er deutet auf SchwarzWeiß-Bilder an seiner Bürowand – war das Werk vor der Stadt da. Als die Fabrik 1904 gegründet wurde, stand sie allein auf grüner Wiese. Erst in den vergangenen hundert Jahren breitete sich das Siedlungsgebiet aus. Heute liegt das 140.000 Quadratmeter große Glanzstoff-Areal in unmittelbarer Nachbarschaft großer Wohnblocks, der St.Pöltner Fachhochschule und des Krankenhauses – ein industrieller Anachronismus inmitten der sauberen Dienstleistungsumgebung.

Die Politik weist die Verantwortung für das Ende der Fabrik von sich. Aus dem Büro des St. Pöltner Bürgermeisters Matthias Stadler (SP) heißt es, man habe rechtsstaatlich keine andere Wahl gehabt, als neue Verfahren vorzuschreiben. Von VP-Landeshauptmann Erwin Pröll setzte es dafür Kritik: Er wirft der Stadt vor, das Verfahren „tollpatschig“ geführt und das Unternehmen so vertrieben zu haben.

Ein Eindruck, der unter den 327Arbeitern und Angestellten nicht ankommt. Viele der großteils türkischstämmigen Arbeiter hätten auf das Land gehofft, das zu Jahresbeginn dem angeschlagenen Unternehmen Battenfeld rasch und unbürokratisch geholfen habe, sagt einer von ihnen. „Im roten St.Pölten hat der Landeshauptmann das aber nicht für notwendig gehalten.“

Seit Ende Oktober wird die Glanzstoff-Belegschaft stufenweise abgebaut. Bis 19. Dezember werden die Maschinen, die vor 104 Jahren zu arbeiten begonnen haben, endgültig stillgelegt. In St. Pölten bleibt ein Büro mit zehn Mitarbeitern, das die Glanzstoff-Werke im Ausland koordiniert. Die entlassenen Arbeiter – großteils unqualifizierte Hilfskräfte – sollen von einer Stiftung an Unternehmen weitervermittelt werden: in Zeiten der Krise für viele eine Katastrophe. Prinzipiell.

Wiener Traditionsbetriebe: Seite 12

AUF EINEN BLICK

Glanzstoff, eine Kunststofffabrik mitten im St. Pöltner Siedlungsgebiet, stellt mit 19. Dezember den Betrieb ein; über 300 Mitarbeiter verlieren ihren Arbeitsplatz.

Grund dafür ist ein Brand am 10. Jänner, der eine der Abluftanlagen des Unternehmens, das übel riechende Dämpfe ausstößt, zerstört hat. Für eine Fortsetzung des Betriebes wären aufwendige Investitionen und Genehmigungsverfahren notwendig gewesen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.12.2008)

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