Lokalaugenschein: Am österreichischen Ende der Pipeline

Im OMV-Verteilzentrum Baumgarten an der österreichisch-slowakischen Grenze werden jährlich rund 47 Milliarden Kubikmeter Gas übernommen. Derzeit kommt praktisch nichts, die OMV zapft ihre Lager an.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Baumgarten.Der Zähler hält knapp über der Null. Eigentlich sollte hier, auf dem Kontrollpaneel des OMV-Verteilzentrums Baumgarten an der March, eine Zahl zwischen 2,5 und 4,5 Mio. Kubikmetern stehen: jene Menge an Erdgas, die Stunde um Stunde durch die OMV-Leitungen nach Österreich und Westeuropa zischt. 47 Mrd. Kubikmeter Gas passieren jedes Jahr das Logistikzentrum im Marchfeld, acht Mrd. verbraucht Österreich selbst.

Seit 1974 fließt Erdgas – das Gros davon aus dem russischen Westsibirien – durch das Verteilzentrum an der österreichisch-slowakischen Grenze, 40 Kilometer östlich von Wien. Hier spaltet sich die Hauptleitung, die von Russland durch die Ukraine und die Slowakei führt, in drei kleinere Äste.

Der größte davon trägt das Gas weiter nach Deutschland, ein anderer in den Süden, nach Slowenien und Italien, ein letzter den kurzen Weg nach Ungarn. Rund ein Drittel aller russischen Erdgasexporte nach West- und Südeuropa werden über dieses großteils unterirdische Pipeline-System transportiert. Der russische Gasmonopolist Gazprom unterhält ein Büro in Baumgarten, um bei den regelmäßigen Gasablesungen, die die Basis der Verrechnung darstellen, einen Vertrauensmann an Ort und Stelle zu haben.

 

Lager in jedem Winter angezapft

Fünf Tage braucht das Gas ab der russischen Grenze, bis es das 18 Hektar große Areal erreicht, das abgeschieden zwischen Feldern und Auen liegt. Ein leichter Schwefelgestank liegt in der Luft. In Blechhallen und Rohrleitungen, die überall auf dem umzäunten Gelände aus dem Boden ragen, wird das Gas getrocknet, gereinigt und verdichtet und sofort weitertransportiert – oder in einen Speicher geleitet.

Unabhängig vom derzeitigen Lieferstillstand ist Österreich Jahr für Jahr auf seine Speicher angewiesen, um über den Winter zu kommen: „Aus laufenden Lieferungen könnten wir den Bedarf nicht decken“, sagt Michael Woltran, Geschäftsführer der OMV Gas GmbH. Während des Sommers, wenn der Bedarf an Erdgas niedrig ist, pumpt das Unternehmen den Rohstoff in seine Lager: 2,1 Mrd. Kubikmeter Gas kann Österreich in natürlichen Lagerstätten bunkern. Dabei handelt es sich um poröse Gesteinsschichten 200 bis 2000 Meter unter der Erde, aus denen früher in Oberösterreich und im Marchfeld Erdgas und Erdöl gefördert worden sind. Überirdische Speicher wie die Gasometer verwendet die OMV heute nicht mehr. Im Winter, wenn der Verbrauch wegen der Kälte auf das Dreifache steigt, holt die OMV das Erdgas dann – ohne nennenswerte Einbußen – aus der Erde und leitet sie in Baumgarten wieder in das Netz. Das funktioniert nur bis zu einem gewissen Grad: Wenn mehr Gas gebraucht würde, könnten die Leitungen aus den Lagern zum Nadelöhr werden. Falls der Verbrauch plötzlich anstiege, durch einen Kälteeinbruch oder plötzlichen Mehrbedarf der Industrie, wäre die vollständige Versorgung gefährdet, gibt Woltran zu – das sei aber unwahrscheinlich. Derzeit sind die Lager mit rund 1,7 Mrd. Kubikmeter Gas gefüllt – genügend Vorräte für rund drei Monate.

Sollten Russland und die Ukraine sich aber einigen, könnte das Gas binnen zweier Stunden wieder ungehindert fließen: Die Pipelines aus dem Osten stehen weiterhin unter Druck und sind mit Gas gefüllt, um schnell wieder hochfahren zu können. „Das ist wie bei einer Wasserleitung“, erklärt Walter Scholda, einer der 47 OMV-Angestellten in Baumgarten: „Sobald am anderen Ende wieder jemand anschiebt, kommt bei uns etwas heraus.“

AUF EINEN BLICK

47 Mrd. Kubikmeter Gas passieren jährlich die OMV-Station in Baumgarten an der March, wo eine der wichtigsten russischen Pipelines nach Westeuropa endet. Acht Mrd. davon braucht Österreich selbst, der Rest wird an Nachbarländer weitergeleitet. Im Sommer pumpt die OMV überschüssiges Gas in Speicher, um im Winter für erhöhten Bedarf gerüstet zu sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.01.2009)

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