Wenn die Arbeit zur Sucht wird

Überstunden ohne Ende, ständige Erreichbarkeit, keine Freizeit: Krankhaftes Arbeiten wird oft unterschätzt. In Österreich ist jeder neunte Beschäftigte gefährdet. Die "Presse am Sonntag" hat drei Arbeitssüchtige getroffen.

(c) Bloomberg (Jason Alden)

Arbeiten bis zum Umfallen: In kaum einem anderen Land definieren sich die Menschen so stark über ihre Arbeit wie in Japan. Das nimmt gesundheitsgefährdende Ausmaße an. Jährlich sterben in Japan hunderte Menschen an Karoshi (Tod durch Überarbeitung) und Karo Jisatsu (Suizid wegen Arbeitsbelastung). Weil die Kosten für die Behandlung von psychischen Erkrankungen in den vergangenen Jahren explodiert sind, plant die Regierung in Tokio nun Gegenmaßnahmen.

Per Gesetz sollen die Japaner gezwungen werden, mindestens fünf der ihnen zustehenden Urlaubstage tatsächlich in Anspruch zu nehmen. Eine von Regierungsstellen in Auftrag gegebene Studie ergab, dass die Japaner durchschnittlich nur neun ihrer 18,5 Urlaubstage aufbrauchen. Den Rest lassen sie verfallen. Mit einer anderen Regelung lässt das japanische Arbeits- und Gesundheitsministerium aufhorchen. Demnach dürfen die Mitarbeiter des Ministeriums künftig am Abend nicht mehr länger als bis zehn Uhr arbeiten.

Viel Arbeit, viele Fehler. Doch Arbeitssüchtige gibt es nicht nur in Japan. Auch in Österreich gehen viele Menschen im Job zwanghaft über ihr Limit. Offizielle Zahlen gibt es nicht. Analog zu Deutschland gilt jeder neunte Beschäftigte als gefährdet.

Die „Presse am Sonntag“ hat drei Arbeitssüchtige getroffen und versucht hier nachzuzeichnen, wie es dazu kommen konnte. „Am Anfang war alles ganz normal“, erinnert sich Waltraut R. Als die quirlige Wienerin Ende der 1980er-Jahre angefangen hat zu arbeiten, warben die Unternehmen in Inseraten noch ganz unverhohlen um „Arbeitssüchtige“. Überstunden schieben war in Mode, Burn-out noch lang kein Thema. Als Projektmanagerin eines internationalen Pharmakonzerns gab es für Waltraut praktisch keinen Feierabend. Lang bevor jeder Angestellte per Mobiltelefon dauererreichbar wurde, war sie schon quasi ständig in der Arbeit. Wenn nicht mit dem Körper, dann zumindest mit dem Kopf. Ein paar Jahre ist es gut gelaufen. „Ich hätte nie gedacht, dass ich ein Problem haben könnte“, sagt die Mittfünfzigerin heute. Gut, für ihre Freunde und Bekannte blieb kaum Zeit, Hobbys gab es neben der Arbeit längst keine mehr. Und die Freunde, die übrig waren, führten meist ein ähnliches Leben wie die Managerin. „Arbeitssucht war gut angeschrieben“, auch im Unternehmen.

Erst als die Folgen ihrer Krankheit auch dem Betrieb schadeten, wurde sie wachsam. „Nach 40 Überstunden in zwei Wochen bin ich plötzlich aufgewacht“, erzählt sie. „Ich habe vier Wochen gebraucht, um alle Fehler auszubessern, die ich in dieser Zeit gemacht habe.“ Dass sie danach nicht wieder von vorn angefangen hat, hat sie nicht zuletzt ihrem damaligen Lebensgefährten zu verdanken: „Ich habe jemanden gebraucht, der mir sagt: Waltraut, was du machst, ist nicht normal!“

Aber „normal“ ist ein dehnbarer Begriff. Und die Ursachen für die Überbetonung der Arbeit vielfältig. Manche haben Angst um ihren Job, andere brauchen das Geld oder wollen Karriere machen. Nimmt die berufliche Tätigkeit zwanghafte Ausmaße an, kann von Arbeitssucht gesprochen werden. In Japan ist einer Studie zufolge jeder fünfte Manager gefährdet. In dem Land gibt es über 350 Zentren und Einrichtungen, die auf die Behandlung von Arbeitssüchtigen spezialisiert sind.

In Deutschland ergab eine Untersuchung des Wissenschaftlichen Instituts der Allgemeinen Krankenkasse AOK, dass jeder neunte Beschäftigte als von Arbeitssucht gefährdet einzuschätzen ist. Das Vollbild der Erkrankung erreichen vielleicht ein bis zwei Prozent der berufstätigen Bevölkerung, so der deutsche Psychologe Stefan Poppelreuter. Für Österreich liegen keine Studien vor. Doch Wissenschaftler gehen davon aus, dass in Österreich die Situation ähnlich ist. Hierzulande hat sich Monika Spiegel, Leiterin des Instituts für Psyche und Wirtschaft der Sigmund Freud Universität, mit diesem Phänomen beschäftigt. „Betroffene arbeiten über zehn Stunden am Tag, mindestens fünf, oft aber sechs oder sieben Tage die Woche. Sie kennen weder Privatleben noch Freizeit“, sagt Spiegel. Mehr als fünf Stunden Schlaf sei für Arbeitssüchtige Zeitverschwendung. „Die Fähigkeit abzuschalten und auszuspannen haben sie längst verloren.“ Das Zugeben eigener Mängel falle den Arbeitssüchtigen besonders schwer. Jene Gefühle, die ein Hinweis auf eine verminderte Leistungsfähigkeit sein könnten – wie Müdigkeit, Frust und fehlende Motivation – werden laut Spiegel unterdrückt.


Adrenalin als Antrieb. Manager, die sich morgens um fünf Uhr zu einer Stunde Ausdauerlauf als Vorbereitung auf den nächsten Marathon überreden können, tun dies oft nicht aufgrund der positiven gesundheitlichen Auswirkungen. „Sie tun das lediglich, um erfrischt und energiegeladen ein paar Stunden mehr arbeiten können“, so Spiegel.

Das bestätigt auch Markus F. „Ich war 24 Stunden auf Draht, um auf meine Dosis zu kommen.“ Für den heute 40-Jährigen bedeutete das Doppelschichten als Krankenpfleger, ständiges Einspringen für Kollegen und in der Zeit dazwischen noch einen Zweitjob. Es war nicht das bessere Gehalt, das ihn dazu getrieben hätte. „Natürlich habe ich das Geld genommen, aber gebraucht habe ich das Adrenalin“, sagt der klein gewachsene Südtiroler. Und einen „angenehmen Nebeneffekt“ hatte sein Lebensstil noch: Wer andauernd beschäftigt ist, muss nicht über sich selbst nachdenken. Bis zum Zusammenbruch.

Erst in der stationären Therapie nahm er sich ausreichend Zeit, um zu ergründen, warum es in seinem Leben so weit gekommen ist. Von seinem Elan hat Markus seither nichts verloren. „Natürlich arbeite ich wieder“, lacht er. Allerdings achte er darauf, dass er nicht zu viele Aufgaben übernimmt. So wirklich abschütteln lässt sich die Arbeitssucht nicht: „Man kann nicht einfach abstinent bleiben wie beim Alkohol. Irgendetwas muss schließlich jeder tun. Und hier schleicht sich die Sucht ganz subtil wieder in dein Leben hinein.“

Die englische Übersetzung, Workaholism, macht die Nähe der Arbeitssucht zum Alkoholismus deutlich. Auch „hinsichtlich der Symptomatik und der Folgeerscheinungen ähneln die beiden Krankheitsbilder einander sehr“, sagt Psychotherapeutin Spiegel. Dabei ist Arbeitssucht nicht so verbreitet wie Alkoholsucht. In Österreich gelten etwa 360.000 Menschen als alkoholkrank.


Arbeitssüchtige Hausfrauen. Für die Psychotherapeutin Spiegel ist Arbeitssucht keine Managerkrankheit. „Von der putzwütigen Hausfrau zum geschäftigen Politiker und der engagierten Sozialarbeiterin kommen die Betroffenen aus allen sozialen Schichten und unterschiedlichen Berufen.“

Arbeitssucht zählt zu den stoffungebundenen Süchten– wie Spielsucht und Kaufsucht. Hier gibt es keine Substanz wie Alkohol, Nikotin und Cannabis. Sondern der Körper produziert die süchtig machenden Substanzen selbst. Zu ihnen gehören Endorphine und Weckamine. Endorphine seien körpereigene morphiumähnliche Moleküle, die nicht nur schmerzdämpfend wirken, sondern auch für ein wohlig-glückliches Gefühl sorgen. Weckamine seien laut Spiegel körpereigene Aufputschmittel, die eine leistungssteigernde Wirkung habe.

Problematisch ist, dass von Arbeitssucht gefährdete Personen gefördert werden. Die Beschäftigten gelten als tüchtig und einsatzbereit. Viele Chefs sind froh, wenn sich Mitarbeiter freiwillig für neue Projekte melden und sich bis Mitternacht im Büro aufhalten. Workaholics leisten die Überstunden gern ohne zusätzliche Bezahlung und ohne Zeitausgleich. Sie erkennen nicht, dass ihre Arbeit schon Suchtcharakter hat. Ein „kalter Entzug“ ist schwer möglich. Wird Workaholics die Arbeit weggenommen, reagieren sie ängstlich oder aggressiv.


Arbeit zur Anerkennung. Wie kann Arbeitssüchtigen geholfen werden? Zunächst ist es wichtig, dass die körperlichen Beschwerden (wie Herz-Kreislauf-Beschwerden, Depressionen, Bluthochdruck) behandelt werden. In einer Psychotherapie kann weiters den Ursachen der Sucht nachgespürt werden. Das können ungelöste und verdrängte Konflikte oder Muster sein. Auch Waltraut hat so ein Muster bei sich entdeckt erkannt: „Arbeitssucht ist bei uns eine Familienkrankheit“, erzählt sie. Der Satz „Ohne Fleiß kein Preis“ habe sich von Kindesbeinen an eingeprägt. Wie viele andere „Leistungstöchter“ musste auch sie in ihrer Kindheit viel tun, um Anerkennung zu erfahren. Ein erlerntes Verhalten, das sie als Erwachsene nicht abschütteln konnte. Es hat lang gedauert, um zu erkennen: „Egal, wie viel ich arbeite, ich bekomme die Anerkennung nicht, die ich brauche.“

Auch die Geschichte von Harald G., 63, beginnt ähnlich. Mit einem „arbeitssüchtigen Vater“, um dessen Liebe Harald sein Leben lang kämpfen musste. Die Folgen unterscheiden sich allerdings gewaltig – zumindest auf den ersten Blick. Denn Harald, der Programmierer, war sein Leben lang nicht so leicht als klassischer Arbeitssüchtiger zu erkennen. Objektiv betrachtet arbeitete er eher wenig als viel. Doch das ist es nicht, was einen Arbeitssüchtigen ausmacht. Es ist die krankhafte Beschäftigung mit der Arbeit. Auch Harald konnte seinen Job nicht aus dem Kopf bekommen. Auch er suchte den Adrenalin-Kick. Und auch er fand ihn in der Arbeit. Und zwar im ständigen Aufschieben der Arbeit bis ans Limit. Gemütlich war das nicht. Der Computerfachmann erinnert sich an „völlig unentspanntes Nichtstun“. „Es hat schon genügt, wenn ich ein E-Mail an 40 Leute schreiben musste und schon hatte ich Panik und war eine Woche damit beschäftigt.“ Der Versuch, so viel zu leisten, dass der Vater ihn zur Kenntnis nahm, endete im Burn-out. Harald sah nur noch den Weg in die Frühpension. „Mein Bedürfnis nach Anerkennung ist geschrumpft“, sagt er.

Waltraut R. steht mittlerweile wieder im Berufsleben. Sie arbeitet halbtags – in einer neuen Branche – und macht nebenbei eine Ausbildung. „Ich bin immer noch auf Adrenalin“, sagt sie. Aber die Prioritäten hätten sich verschoben. Um die verpasste Karriere mache sie sich nie Gedanken und lasse auch keine Zweifel an ihrer Entscheidung aufkommen. Das hat einen Grund, oder besser gesagt zwei: Wenige Monate, nachdem sie ihre Arbeit reduziert hatte, wurde Waltraut schwanger. Heute hat sie zwei Kinder und weiß: „Wäre ich noch voll drauf gewesen, hätte ich sie nie bekommen.“

Zahlen

10,8

Prozent der Beschäftigten gelten als von Arbeitssucht gefährdet. Das ergab in Deutschland eine Untersuchung des Wissenschaftlichen Instituts der Allgemeinen Krankenkasse AOK.

21

Prozent der japanischen Manager sind laut einer Studie als arbeitssüchtig zu bezeichnen.

Ein kurzer Selbsttest

Der deutsche Wirtschaftspsychologe Stefan Poppelreuter hat einen Selbsttest zum Thema Arbeitssucht veröffentlicht. Dieser ist auf der Homepage der deutschen AOK Krankenkasse abrufbar. Der Test dient als Anregung, das eigene Verhältnis zur Arbeit kritisch zu hinterfragen.

Der Test im Internet:
www.aok-business.de/rheinlandhamburg/vigo-praxis-aktuell/gesundheit/arbeitssucht-selbsttest/

Arbeitssucht ist mit anderen Süchten vergleichbar. Es gibt drei klassische Suchtkriterien: Kontrollverlust, Dosissteigerung und Entzugserscheinungen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.03.2015)

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