Diagnose und Rezepte: "Google" für Ärzte

Gesundheit-Apps boomen nicht nur unter Normalverbrauchern. Zwei österreichische Start-ups wollen mit Suchmaschinen den Arbeitsalltag von Ärzten erleichtern und machen damit bereits ein gutes Geschäft.

Marco Vitula hat das Start-up Diagnosia gegründet.
Marco Vitula hat das Start-up Diagnosia gegründet.
Marco Vitula hat das Start-up Diagnosia gegründet. – Stanislav Jenis

Gesundheit und eigenes Wohlbefinden wird immer wichtiger. Zugute kommt das nicht nur Patienten, sondern auch kreativen Jungunternehmern: Angefangen von Apps für Personen mit Diabetes oder Depressionen bis hin zu einer Software, die Diagnosen von Hautkrankheiten per Foto ermöglichen soll – Angebote für Smartphones und Tablets, die das Patientenleben erleichtern sollen, gibt es zur Genüge. Und nicht nur das. Auch bei Ärzten und Pharmazeuten werden die elektronischen Helfer immer populärer.

So ist etwa das Wiener Start-up Diagnosia mit seiner gleichnamigen Medikamentendatenbank erfolgreich. War das Unternehmen bis vor Kurzem noch auf Forschungsförderungen und Investitionen angewiesen, könne sich Diagnosia mittlerweile durch seine Umsätze finanzieren, sagt Geschäftsführer Marco Vitula.

Die Grundidee für Diagnosia sei 2009 gemeinsam mit Fritz Höllerer und Lukas Zinnagl, beide studierte Mediziner, entstanden. „Initial ging es darum, Ärzten Applikationen für Fachinformationen, das sind Informationen über zugelassene Präparate, verfügbar zu machen“, erklärt der 30-Jährige. Da der österreichische Markt für die ursprüngliche Idee zu klein gewesen sei, habe man das Produkt schrittweise im Austausch mit Ärzten und Spitälern adaptiert. Mittlerweile befasse sich Diagnosia hauptsächlich mit dem Thema Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS). Der Begriff bezeichnet den Prozess von der Verschreibung eines Medikaments bis hin zur richtigen Einnahme des Präparats durch den Patienten.

Mit Diagnosia Enterprise beliefert Diagnosia vorwiegend Spitäler. Das Portal ist hauptsächlich für den Computer konzipiert und besteht aus fünf Datenbanken, die je nach Bedarf kombiniert werden können. Die Module liefern Informationen zu Wechselwirkungen zwischen Medikamenten, Dosierungshinweise zur Behandlung von Patienten mit Nieren- oder Leberinsuffizienz und eine Entscheidungshilfe bei schwangeren und stillenden Patientinnen. Damit soll Ärzten erleichtert werden, das richtige Präparat auszuwählen. „Beispielsweise versuchen wir, den Arzt zu unterstützen, einem Patienten mit Niereninsuffizienz Medikamente zu verschreiben, die die Niere nicht noch weiter schädigen“, schildert Vitula. Die Daten basierten auf Studien, die unter anderem vom renommierten schwedischen Karolinksa-Institut zusammengefasst und interpretiert werden, erklärt Vitula. 16 Spitäler, neun davon in Österreich, und mehr als 600 Ärzte nutzten das kostenpflichtige Programm. Eine Version des Moduls für Fachinformationen, Diagnosia Index, steht jedoch auch kostenlos im Internet zur Verfügung. Die Datenbank bietet Auskunft über alle in Europa zugelassenen Medikamente. „Diagnosia.com ist in 14 Ländern in unterschiedlichen Sprachen präsent. Wir haben dort 2,5 Millionen Besucher pro Monat.“

Dass für österreichische Spitäler bereits ähnliche Produkte im Umlauf sind, beunruhigt Vitula nicht. So bietet beispielsweise der Apothekerverlag Programme für Fachinformationen und Medikamentenwechselwirkungen an. Einen Vorteil zum Mittbewerb verschaffe Diagnosia die Kooperation mit dem Karolinksa-Institut, so der Unternehmer. Ein weiteres Plus sei, dass sich die Firma zusätzlich um die technische Einbindung der Datenbank in die Informationssysteme der Krankenhäuser kümmere. Die geplante Expansion in die Schweiz und nach Deutschland dürfte da schon schwieriger werden. In Deutschland gebe es bereits zwei vergleichbare Anbieter, die auch in Spitälern gut verankert seien, sagt Vitula.

Suchmaschine für Ärzte. Gelassen sieht auch Jama Nateqi aus Linz seine Konkurrenz. Mit seinem langjährigen Geschäftspartner Thomas Lutz gründete der promovierte Arzt 2009 Symptoma, eine Suchmaschine für Krankheiten. Zielgruppe: Ärzte. „Ich möchte nicht sagen, dass wir konkurrenzlos sind. Aber es ist im Prinzip so wie 1999, als Google auf den Markt kam. Es gab schon vorher Suchmaschinen, aber sie haben nicht so richtig funktioniert“, schildert der 31-Jährige. Während seines Medizinstudiums sei ihm aufgefallen, dass es keine brauchbaren Suchmaschinen gab, um Differenzialdiagnosen zu erstellen. „Damals gab es zwar eine Handvoll Versuche. Die Datenbanken waren aber zu klein und die Ergebnisse nur alphabetisch sortiert.“

Sieben Jahre habe man in die Forschung und Entwicklung von Symptoma investiert. 20.000 Krankheiten umfasst die Datenbank heute. Die Suchmaschine spuckt, je nach den eingegeben Symptomen, mögliche Krankheiten aus. Zusätzlich gewichtet sie die Wahrscheinlichkeit der Ursachen nach Alter, Geschlecht und Herkunftsregion des Patienten. „Die größte Anstrengung war, eine Technologie zu entwickeln, die in der Lage ist, die statistischen Daten aus den vorhandenen wissenschaftlichen Publikationen herauszuarbeiten“, erklärt Nateqi. Denn die Daten für die Gewichtung werden in erster Linie aus diesem Programm gewonnen. Erst danach überprüft und validiert ein Team aus 20 Medizinern die Informationen, bevor sie in die Suchmaschine gespeist werden. So wird die Datenbank laufend aktualisiert.

Ärzte aus Kenia und Südafrika. Die Idee scheint sich zu rechnen. Die meisten Kunden gewinne Symptoma über Mund-zu-Mund-Propaganda, schildert der gebürtige Deutsche: „Ärzte kommen aus verschiedenen Ländern zu uns, ohne dass wir dort Werbung schalten – zum Beispiel aus Kenia oder Südafrika.“ Genaue Umsatzzahlen will Nateqi zwar nicht nennen, derzeit mache Symptoma aber einen „mittleren fünfstelligen Gewinn im Monat“. Mindestens 25 Euro monatlich, wobei für eine Suchanfrage ein Euro verrechnet wird, koste das billigste Web-Applikationspaket für den Computer. Erst vor Kurzem lukrierte das Start-up außerdem ein millionenschweres Investment des Oberösterreichischen Hightech-Fonds. Momentan sei Symptoma vor allem im englisch-, aber auch im deutschsprachigen Raum gefragt. Das „ultimative Ziel“ sei jedoch, die Datenbank in jeder Sprache anbieten zu können. Auch der Input von Ärzten solle langfristig zugelassen werden, sagt Nateqi. „Dann könnte zum Beispiel ein japanischer Arzt auf Japanisch Symptome hinzufügen. Ein Mediziner aus Salzburg hätte die neuen Erkenntnisse in seiner Sprache sofort zur Verfügung.“

Skepsis in der Kammer. In der Ärztekammer steht man dem Programm skeptisch gegenüber. Erstens gebe es bereits andere Datenbanken, die starken Anklang in der österreichischen Ärzteschaft fänden. Zweitens müsse „ein gut ausgebildeter Arzt die Diagnose auch ohne Computerprogramm stellen können“, heißt es aus der Kammer. Eine Assistenzärztin aus dem Wiener AKH, die nicht genannt werden will, erachtet Symptoma vor allem für Jungmediziner nützlich. Prinzipiell könne die App auch für erfahrene Ärzte hilfreich sein. Eigenständiges Denken sollte dabei aber nicht auf der Strecke bleiben, meint sie.

Auch Nateqi ist überzeugt, dass es für Symptoma „einen mündigen Arzt braucht“. Die Datenbank bleibe schlicht ein Nachschlagewerk. „Das Problem ist einfach, dass Ärzte nicht alle Krankheiten kennen können. Es gibt sonst keine Recherchemöglichkeiten, die uns dieses Problem ersetzen könnten“, sagt er. Aufgrund der langjährigen Investitionen in die Entwicklung von Symptoma sei er sich der Qualität seines Angebots aber sicher.

Auch Diagnosia trete letztlich für Patientensicherheit ein, sagt Marco Vitula. Dass das Portal nur eingeschränkt für Patienten verfügbar sei, habe einen Grund. Patienten seien leicht verunsichert, wenn sie Informationen über Medikamente selbst beziehen: „Wir glauben, dass der Arzt mit den Informationen besser umgehen und den Patienten damit besser beraten kann.“ Zusätzlich hat die Spezialisierung auf den klinischen Bereich für Diagnosia wohl auch wirtschaftliche Gründe. „Generell ist das Marktpotenzial auf Patientenseite größer“, erklärt Vitula, „aber in unserem Bereich ist es nicht leicht, beim Patienten zu monetarisieren.“ Schlussendlich also doch eine Frage des Geldes.

Onlinehilfen

Diagnosia befasst sich mit Wechselwirkungen und hilft Ärzten, passgenaue Medikamente für Patienten zu verschreiben. www.diagnosia.com

Symptoma ist eine Suchmaschine für Ärzte, die hilft, Krankheiten zu finden. www.symptoma.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.04.2015)

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