"Candystorm" für den Tischler, der einen Obdachlosen einstellte

Eine oberösterreichische Tischlerei wurde über Nacht zur Internetberühmtheit. Der Grund: Der 31-jährige Chef Herbert Hartl holte seinen neuen Mitarbeiter von der Straße.

Facebook/Tischlerei Hartl

Noch vor wenigen Tagen war die Tischlerei Hartl aus Unterweitersdorf in Oberösterreich ein ganz normaler Handwerksbetrieb mit 17 Mitarbeitern. „Heute kann ich mit Sicherheit behaupten, dass wir die berühmteste Tischlerei der Welt sind“, sagt der 31-jährige Chef Herbert Hartl im Gespräch mit der „Presse“. Dabei wäre es fast nicht dazu gekommen. Denn wie Hartl erzählt, hat er am Abend des 17. Juni länger gezögert, ob er den Facebook-Beitrag, der ihn über Nacht zur Internetberühmtheit machte, überhaupt abschicken soll. Am Montag hatte der Beitrag bereits mehr als 213.000 „Gefällt mir“-Angaben und wurde mehr als 27.000 Mal geteilt.

Hartl erzählt darin die Geschichte seines neuen Mitarbeiters Miroslav Sova. Der Tscheche habe ihn auf der Straße angesprochen: „Er fragte mich mit schlechtem Deutsch, ob ich Richtung Freistadt fahre“, schreibt Hartl. Da er unter Zeitdruck gestanden sei, habe er ihn abwimmeln wollen. Doch Sova ließ trotz seiner zurückhaltenden Art nicht locker. Er habe ihn schüchtern gefragt, ob er eine Firma kenne, die Arbeiter suche, berichtet Hartl weiter. Und auch, dass es ihm „kalt über den Rücken lief“, als Sova erzählte, er habe kein Geld für Essen und lebe auf der Straße. Kurzerhand entschied sich der Unternehmer daher, den Obdachlosen als Hilfsarbeiter einzustellen und quartierte ihn in ein Hotelzimmer ein – „ohne zu wissen, wie er heißt, woher er kommt“.

Spricht mich vergangene Woche ein Mann um die 45 Jahre mit schüchterner und zittriger Stimme am Abend auf der Straße an,...

Posted by Tischlerei Hartl Gmbh on Mittwoch, 17. Juni 2015

 

Lob für „gelebte Menschlichkeit“

Was in den Stunden und Tagen nach dem Facebook-Posting folgt, ist das Gegenteil von einem gefürchteten Shitstorm: ein Candystorm. Unzählige Facebook-User beglückwünschen Hartl zu seiner Tat: „Dass es noch Menschen gibt, die Menschen sind“, ist in den Kommentaren unter dem Beitrag zu lesen. Oder: „Das ist gelebte Menschlichkeit! Ich verneige mich tief.“ Hartl – merklich gerührt von dem positiven Feedback – antwortet, er habe in seinem Leben viel Glück gehabt: „Ich gebe nur etwas zurück.“ Es folgen nochmals zahlreiche Likes.

Es seien „verrückte Sachen“ passiert, erzählt Hartl heute. Manche hätten ihn in Mails als neuen Messias bezeichnet. Er erhalte Geschenke aus aller Welt – und hunderte Kundenanfragen, sogar aus Malaysia sei eine dabei gewesen. „Bild“ bis „Süddeutsche“ berichteten, am Montag hat ein Kamerateam von RTL den ganzen Tag gefilmt. Zum Arbeiten komme er zurzeit selten, so Hartl: „Heute habe ich noch acht Interviewanfragen.“ Als „barmherzigen Tischler“, wie er in vielen Berichten dargestellt wird, sehe er sich nicht. Er habe lediglich die Möglichkeit gehabt, einem Menschen zu helfen, und es getan.

Auch wenn sie deutlich in der Unterzahl sind, die kritischen Stimmen bleiben nicht aus: Die Vorwürfe reichen vom PR-Gag bis dahin, dass der Tscheche anderen Arbeitssuchenden den Job wegnimmt.

Hartl reagierte mit einem zweiten Facebook-Eintrag. Er habe gut gefüllte Auftragsbücher und wolle den Betrieb nicht vergrößern, „womit ich auch keinen Anlass habe, eine PR-Geschichte zu erfinden“, so der Tischler. Zudem habe er ein Jahr lang niemanden gefunden, der für den Job geeignet war: „Miroslav hat keinem Menschen den Job weggenommen. Er war zur richtigen Zeit am richtigen Ort und wollte arbeiten“, schreibt Hartl. Und auch wenn Hartl nichts an seinem Leben ändern möchte, für Sova hat sich fast alles verändert. Hartl erzählt, vor Kurzem habe ihm sein neuer Hilfsarbeiter, „ein irrsinniger Sympathieträger“, gesagt: „Vor einer Woche war ich noch allein. Jetzt treffe ich die ganze Welt.“

 >>> Tischlerei Hartl auf Facebook

Lexikon

Ein Shitstorm ist laut „Duden“ ein „Sturm der Entrüstung in einem Kommunikationsmedium des Internets, der zum Teil mit beleidigenden Äußerungen einhergeht“. Im Englischen steht Shitstorm für eine unangenehme Situation, die Netzbedeutung gibt es nur im Deutschen. Als Gegenteil wurde der Candystorm geprägt: eine Welle von Zuspruch in sozialen Medien. Erstmals verwendet hat den Begriff 2012 der deutsche Grüne Volker Beck.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.06.2015)

Kommentar zu Artikel:

"Candystorm" für den Tischler, der einen Obdachlosen einstellte

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen