Als Österreich eine Art Griechenland war

Auch die Regierung in Wien stand schon unter Kuratel: In der schweren Finanzkrise der 1920er überwachte sie ein holländischer „Kommissar“.

Als Österreich eine Art Griechenland war
Als Österreich eine Art Griechenland war
Ignaz Seipel – (c) imago stock&people (imago stock&people)

Wien. „Mit knirschenden Zähnen“ bedauerte die Zeitung den „Verlust der Selbstständigkeit“. Aber nun gehe es „auf Leben und Sterben“: „Wir wissen, dass wir vor dem elendsten Untergang stehen, wenn wir ohne äußere Hilfe uns selbst überlassen bleiben.“ Ein griechisches Blatt am heutigen Tage? Weit gefehlt: Die „Neue Freie Presse“, wie „Die Presse“ früher hieß, druckte diese Zeilen am 6. Oktober 1922. Und es ging nicht um Hellas, sondern um Österreich.

Die erste Republik war noch jung und stand doch bereits am Abgrund. Während die Tschechen eine eigene Währung einführten und stark abwerten konnten, klammerte sich die heimische Regierung nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg an die alte Krone aus Kaiserzeiten. Das bescherte dem durch die Kriegsschäden darniederliegenden Land eine Hyperinflation. Sie befreite zwar den Staat im Handstreich von seinen Schulden. Aber der Preis dafür war zu hoch: Die dringend benötigten Importe wurden unerschwinglich.

Als einzige Möglichkeit, sich aus den Klauen der Inflation zu befreien, erwies sich eine neue Währung. Doch für die Übergangszeit der Einführung des Schillings brauchte das labile Staatsgebilde finanzielle Hilfe. Die bisherigen Kreditgeber, britische und französische Banken, glaubten nicht mehr an die Lebensfähigkeit eines selbstständigen Österreichs. In höchster Not wandte sich der christlichsoziale Regierungschef Ignaz Seipel erst an die Siegermächte, dann an den Völkerbund in Genf – und fand schließlich Gehör.

 

Die „geknechtete“ Heimat

Das Ergebnis der Verhandlungen waren die „Genfer Protokolle“. Österreich erhielt eine Anleihe über 650 Millionen Goldkronen. Das Geld kam wieder von den Banken, auch solchen aus Belgien, Italien und Tschechien. Aber bürgen mussten dafür ihre Staaten und damit deren Steuerzahler – ähnlich wie heute bei den Rettungsschirmen. Die Bedingungen dahinter waren denkbar hart: Acht bis zehn Prozent Zinsen, deutlich mehr als damals üblich. Die Zollerlöse wurden ebenso verpfändet wie das Tabakmonopol.

Dazu kam ein strenger Sparkurs: Ein Drittel der Beamten verlor ihre Arbeit, rund 84.000 waren davon betroffen. Krankenhäuser, Postämter und Schulen wurden zusammengelegt, das Arbeitslosengeld und die Pensionen gesenkt. Politisch musste der kleine Staat sich verpflichten, sich nicht an das große Deutschland anzuschließen. Im Gegenzug garantierte die Völkergemeinschaft die Souveränität des Landes. Aber von blindem Vertrauen konnte keine Rede sein. Der Völkerbund schickte einen „Generalkommissar“ nach Wien, der alle Reformmaßnahmen der Regierung zu überwachen hatte. Adolph Rudolph Zimmermann, ein Verwaltungsjurist und früherer Bürgermeister von Rotterdam, war de facto der mächtigste Mann im Staate. Auch die strenge Kontrolle der Notenpresse gehörte zu seinen Aufgaben. Noch nie sei ein „zivilisierter europäischer Staat“ in „solchen Formen geknechtet“ worden, empörte sich die „Arbeiter-Zeitung“.

In gewissem Sinne wirkte die Schocktherapie schnell: Der Schilling bewährte sich schon nach wenigen Monaten als neue Hartwährung, der staatliche Haushalt war nach zwei Jahren saniert. Aber an den Folgen der Zwangsmaßnahmen litt Österreich noch lange: Viele Unternehmen mussten schließen, die Arbeitslosigkeit stieg bedrohlich an – und blieb auf hohem Niveau. Noch zehn Jahre später brauchte der Staat einen Nachschlag zur Völkerbundanleihe.

Kein Wunder, dass die Bedienung der Schuld immer wieder gestreckt werden musste. In einer Hinsicht aber ist das Österreich von damals mit dem Griechenland von heute gar nicht zu vergleichen: Die Alpenrepublik hat ihre Schuld stets bis auf den letzten Groschen zurückgezahlt. Die letzte Rate wurde 1977 abgestottert, die letzten Zinszahlungen flossen erst 1980. (gau)

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2015)

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