Stronach und die Moskau-Connection

Frank Stronach sorgt sich um den Zusammenbruch der Autoindustrie. Um den angeschlagenen deutschen Autobauer Opel zu übernehmen, tut sich der Zulieferer Magna mit zwei russischen Partnern zusammen. Warum eigentlich?

Frank Stronach
Frank Stronach
(c) AP (Adrian Wyld)

Moskau. „Kennst die goldene Regel? Wer das Gold hat, macht die Regeln“, lautet ein Lieblingsspruch von Frank Stronach. Ausgesprochen mit dem austro-amerikanischen Zungenschlag, den man von seinem steirischen Landsmann Arnold Schwarzenegger kennt, der wie er in Übersee Karriere machte.

1954 wanderte Stronach – als Frank Strohsack – nach Kanada aus, mit 40 Dollar in der Tasche. Sein erstes Geld verdiente er als Balljunge auf einem Golfplatz. Heute ist der 76-Jährige Herr des weltweit drittgrößten Autozulieferers Magna – und vielleicht bald der Mann, der bei Übernahmekandidaten Opel das Sagen hat.

„Beam“ „(Lichtstrahl“), nennt sich das Konzept, mit dem Stronach in Deutschland punkten will. In diesem Lichtstrahl bündelt Stronach auch die Energie zweier russischer Interessenten: German Gref, Chef der größten russischen Bank „Sberbank“, die vom Staat kontrolliert wird, und Oleg Deripaska, Herr der Holding „Basic Element“. Im Hintergrund wirkt Premierminister Wladimir Putin – mit eigenem Interesse: Er hat sich die Erneuerung Russlands zum Ziel gesetzt. Dazu gehört für ihn auch die Modernisierung der Autoindustrie – mit Know-how aus dem Ausland. Opel und Stronach sollen dabei helfen.

„Wir kommen nicht mit Kalaschnikows und Panzern, sondern mit Geld“, sagte Putin 2006 in München. „Wir kommen nicht mit Geld, weil wir keines haben“, heißt es aus Deripaskas Umgebung über dessen finanzielle Potenz. Aktuell verhandelt er mit mehr als 70 Banken über die Restrukturierung seiner rund 25 Mrd. Dollar Schulden.

 

Was kann Deripaska bieten?

Was kann also der 41-Jährige, einst reichster Russe, für Opel tun? Zu Deripaskas Reich gehört das Autowerk GAZ in Nischni Nowgorod. Heute produziert es Lastwagen der Marke Ural, Kleintransporter namens „Zobel“ – und ein Modell namens Volga Siber. Die Produktionslinie dafür kaufte Deripaska vor Jahren Chrysler ab. Das Problem: Kaum jemand in Russland will diesen Wagen haben. GAZ mit seinen 70.000 Mitarbeitern verkaufte in den ersten vier Monaten 2009 nur 2943 Autos (minus 60 Prozent). Die Bänder stehen tage- und wochenweise still. In Zukunft könnten sie – nach der Vorstellung der Russen – für die Opel-Produktion verwendet werden. Magnas Konzept sieht vor, dass Opel vor allem vom russischen Automarkt durch die Verbindung zu GAZ besonders profitiert. Deripaska verfügt über ein landesweites Händlernetz und über gute politische Kontakte. Was dem Oligarchen fehlt, ist das Geld. Das soll von der Sberbank kommen, die auch der größte Gläubiger Deripaskas ist. Die Sberbank erwirtschaftete 2008 trotz massiver Kreditausfälle noch 2,5 Mrd. Euro Gewinn.

Als Ex-Wirtschaftsminister German Gref 2007 die Sberbank übernahm, wollte er dem „Elefanten“ das Tanzen beibringen. Nun bittet dieser Elefant Opel zum Tanz. Wird man der deutschen Braut dabei nicht auf die Füße treten? Deripaska ist ein Unternehmer, der sich sichtlich verzockt hat, die Sberbank ein Kreditinstitut, das auch als verlängerter Arm der russischen Politik fungiert.

Sie müsste wohl für Opel, heißt es in Moskau, eine Kreditlinie von zumindest drei Mrd. Euro eröffnen. Mit dem Geld sollen auch russische Arbeitsplätze geschützt werden. Insgesamt sind bei Russlands Autobauern 235.000 Menschen beschäftigt. Seit der Krise sind sie in Gefahr. Heuer wird ein Einbruch des Autoabsatzes um 60 Prozent erwartet. Stronach nimmt die Russen nicht zuletzt wegen der eigenen Finanzlage mit ins Boot. Denn auch ihn trifft die Krise. Der Umsatz halbierte sich im ersten Quartal von 4,97 auf 2,68 Mrd. Euro. Der Nettoverlust betrug 150 Mio. Euro. 2008 wurden immerhin noch 54 Mio. Euro Gewinn erzielt.

 

Anstoß kam von Franz Vranitzky

Wie kamen Stronach und Wolf auf die Moskau-Connection, die ihren Anfang 2001 nahm? Der Wunsch von Magna, in Russland zu expandieren, traf sich mit dem Interesse der Russen, ihre Autoindustrie zu modernisieren. „Magna gilt als Schlüsselpartner dafür“, sagt ein Stronach-Vertrauter: „Stronach und Wolf trafen sich mehrfach mit Putin.“ Magna entwickelte nicht nur einen Prototypen für ein russisches Fahrzeug, sondern sollte mit GAZ auch eine Zulieferindustrie aufbauen. Die beiden Unternehmen verbündeten sich: 2007 stieg Deripaska bei Magna ein. Wegen der Finanzkrise musste er seine auf Kredit gekauften Anteile allerdings schon bald wieder verkaufen.

Zu einer Neuauflage der Allianz Magna–GAZ soll der deutsche Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) den Anstoß gegeben haben – über Vermittlung von Exkanzler Franz Vranitzky, der im Magna-Aufsichtsrat sitzt. Bei Stronach stieß der Plan auf offene Ohren. Der Selfmade-Milliardär möchte schon lange eine eigene Automarke besitzen. Nun könnte er sich mit Opel seinen Traum erfüllen. Oder die Russen den ihren. „Wir können bei Opel nur gewinnen“, sagt jedenfalls ein Vertrauter Deripaskas.

Auf einen Blick

Was steckt hinter Frank Stronachs Moskau-Connection? Was kann das Konsortium aus Magna, Sberbank und Oleg Deripaska Opel anbieten?

Wladimir Putin unterstützt die Kooperation nach Kräften, soll so doch die russische Autobranche wieder neu belebt werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.05.2009)

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