Arbeitsmarkt: Wie finden Flüchtlinge einen Job?

In Österreich ist die Arbeitslosigkeit im August erneut gestiegen. Die Integration von Menschen mit Asylstatus in den heimischen Arbeitsmarkt dürfte nicht einfach werden.

(c) FABRY Clemens

Wien. In der Eurozone ist die Arbeitslosigkeit auf das niedrigste Niveau seit mehr als drei Jahren gesunken, wie das Europäische Statistikamt am Dienstag mitteilte. Die Quote lag im Juli bei 10,9 Prozent und ist damit erstmals seit Februar 2012 wieder unter die Elf-Prozent-Marke gesunken. Nur in drei Ländern gab es einen Anstieg: in Finnland, in Frankreich und in Österreich. Lange Zeit hatte Österreich in der EU die niedrigste Arbeitslosenrate, nun liegt unser Land auf Platz sechs.

Am Dienstag veröffentlichte auch das Arbeitsmarktservice weitere Zahlen für Österreich: Im August waren, Schulungsteilnehmer inklusive, 384.585 Menschen ohne Job. Das ist im Vergleich zum Vorjahr ein Plus von 8,1 Prozent.

Besonders stark gestiegen ist die Quote bei Älteren (ab 50 Jahren) und bei Ausländern. In Summe suchten 84.076 Menschen ohne österreichische Staatsbürgerschaft einen Job. Das ist ein Plus von 20,5Prozent. In dieser Gruppe sind auch 17.897 Personen mit Asylstatus und subsidiär Schutzberechtigte enthalten. Hier gab es im Vergleich zum Vorjahr einen Anstieg von 53,8 Prozent.

 

Andrang im Spätherbst

Im Spätherbst beziehungsweise Winter dürften mehr Flüchtlinge auf den Arbeitsmarkt drängen. Denn im Gegensatz zu anderen EU-Ländern besteht in Österreich für Asylwerber während des Asylverfahrens ein Arbeitsverbot. Bestenfalls können sie nach drei Monaten Aufenthalt als Saisonarbeiter in der Landwirtschaft und im Tourismus arbeiten.

Laut Auskunft des Innenministeriums dauert ein Asylverfahren in erster Instanz durchschnittlich 4,2Monate. Heuer dürften 80.000 Flüchtlinge nach Österreich kommen, wobei der große Andrang im Sommer erfolgte. Zuletzt haben rund 40 Prozent der Antragsteller einen positiven Bescheid erhalten. Derzeit haben die Syrer die höchste Chance auf eine positive Erledigung mit knapp 80 Prozent. Doch viele Flüchtlinge wollen lieber nach Deutschland. Dort ist der Zugang zum Arbeitsmarkt freizügiger als in Österreich. In Deutschland darf jeder Flüchtling während des Asylverfahrens und nach drei Monaten Aufenthalt im Land einen Job annehmen, sofern für die offene Stelle kein Einheimischer, EU-Ausländer oder anerkannter Flüchtling zur Verfügung steht. Nach 15 Monaten Aufenthalt gibt es auch keine Benachrangung gegenüber deutschen Arbeitskräften mehr.

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In Österreich fordern Wirtschaftskammer, die Industriellenvereinigung und Hilfsorganisationen eine ähnliche Regelung. Auch Wifo-Chef Karl Aiginger ist der Ansicht, dass Flüchtlinge rasch in den Arbeitsmarkt integriert werden sollen. Es sei „durchaus möglich“, 70.000 Einwanderer zu integrieren. Es gebe Jobchancen für Flüchtlinge, etwa als Facharbeiter oder in Dienstleistungsberufen, so Aiginger. Doch Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) lehnt wegen der hohen Arbeitslosenzahlen eine Regelung wie in Deutschland ab.

Deutschland verfügt über die niedrigste Arbeitslosenrate in der EU. Während in Österreich die Arbeitslosigkeit kontinuierlich steigt, ist sie in Deutschland auf den niedrigsten Stand seit 1991 gefallen.

 

Nur wenige Akademiker

Doch inzwischen dämpft auch der Vorstand der deutschen Arbeitsagentur, Raimund Becker, die Hoffnungen, dass Flüchtlinge schnell einen Job bekommen. Denn es fehlen meist die nötigen Sprachkenntnisse und Qualifikationen. Die Anerkennung der Qualifikation gestalte sich „nicht immer einfach“, sagte Becker. Auch sei zu bedenken, dass die Menschen Schreckliches erlebt haben. Man müsse sie bei der Bewältigung der Traumatisierung unterstützen, so Becker in der Zeitung „Die Welt“. Auch in Österreich dürfte die Integration von Flüchtlingen nicht immer einfach werden. Von den 17.897 Menschen, die im August beim Arbeitsmarktservice als Asylberechtigte und subsidiär Schutzberechtigte betreut wurden, stammten 5007 Personen aus Syrien. Das ist im Vergleich zum Vorjahr ein Anstieg von 234,9 Prozent.

Die zweitgrößte Gruppe sind Menschen aus Afghanistan (4221), dann kommen Menschen aus Russland/Tschetschenien (2897), aus dem Iran (1028) und aus dem Irak (815). Viele von ihnen sind beruflich nicht allzu gut qualifiziert. Mehr als zwei Drittel der 5007 Menschen aus Syrien, die vom AMS betreut werden, haben nur eine Pflichtschulausbildung. Nur sieben Prozent sind Akademiker. Schlechter ist die berufliche Qualifikation bei den Personen aus Afghanistan. Von den 4221 Afghanen, um die sich das AMS kümmert, sind nur 40 Akademiker. Mehr als 90 Prozent haben eine Pflichtschulausbildung.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.09.2015)

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