Landwirtschaft: Österreichs Ackerfläche schrumpft in Rekordzeit

Experten warnen vor den Folgen der Verbauung fruchtbarer Böden wie Lebensmittelunsicherheit und Unwetterschäden.

(c) Bloomberg (Daniel Acker)

Wien.„In Österreich wird täglich eine Fläche von 20 Hektar – das entspricht etwa 30 Fußballfeldern – verbaut. Damit ist unser Land „Europameister“ im negativen Sinn bei der Verbauung und Zerstörung fruchtbarer Böden“, sagte Kurt Weinberger, Vorstandsvorsitzender der Österreichischen Hagelversicherung, bei einer Pressekonferenz in Wien.

Der Experte stellt in Österreich einen „sorglosen Umgang mit Grund und Boden“ fest. In keinem anderen Land Europas sei die Straßenlänge mit 15 Metern pro Person derart hoch, außerdem sei Österreich mittlerweile ein Land der Einkaufszentren. Durch die intensive Bebauung gehen auf der einen Seite Wasserspeicher verloren, dadurch nehmen Hochwasser- und Überschwemmungsschäden zu. Andererseits büße man CO2-Speicher als Schutz gegen die Klimaerwärmung ein. Ein Vergleich der Nachbarländer: Österreich verbaut jährlich 0,5 Prozent der Agrarfläche, in Deutschland und der Schweiz sind es nur je 0,25 Prozent. Roland Norer, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Agrar- und Umweltrecht und Professor an der Universität Luzern, berichtete am Montag von einer Methode des Schweizer Gesetzgebers. Dieser versucht der Verbauung mit einem gesteigerten Kulturflächenschutz gegenzusteuern. Außerdem gibt es in der Schweiz Volksinitiativen zum Erhalt des Kulturlandes mit dem Hauptargument der Sicherstellung der Ernährungssicherheit.

Denn die Fläche, die notwendig ist, um die gesamte Bevölkerung mit eigenen, heimischen Lebensmitteln zu versorgen, existiert in Österreich gar nicht mehr. Pro Kopf benötigt jeder Einwohner 3000 Quadratmeter Ackerfläche, um seinen persönlichen Lebensgewohnheiten nachkommen zu können. In Österreich stehen jeder Person aber nur mehr 1600 Quadratmeter zur Verfügung. Das heißt, jeder beansprucht laut Weinberger irgendwo im Ausland bereits 1400 Quadratmeter Boden. „Wir sind jetzt schon sehr verletzbar“, kommentierte Weinberger die Tatsache, dass immer mehr unserer Lebensgrundlage unter Asphalt begraben und so die heimische Lebensmittelsicherheit gefährdet wird.

Leider gibt es laut Gottfried Holzer, Lektor an der Universität für Bodenkultur Wien, kein „Zaubermittel, um diesem rasanten Bodenverbrauch Einhalt zu gebieten“. Er fordert allerdings einen Maßnahmenmix, der zur Verbesserung beitragen soll. Dieser reicht von Bewusstseinsbildung bis hin zu monetären Anreizen. Holzer fordert außerdem eine „überörtliche Steuerung, die den Ermessensspielraum der Gemeinden bei der Flächenwidmung massiv einschränkt“. Eine Landwirtschaft müsse sich endlich aufraffen und ihre Ressourcen einfordern. (APA)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2015)

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