OMV: Mit Siebenmeilenstiefeln zur Nord Stream

Gazprom und OMV rücken zusammen: Für die Teilnahme am Ausbau der Pipeline Nord Stream eröffnet die OMV ein Büro in Berlin, verkauft Geschäftszweige und empfängt Gerhard Schröder.

Operations Inside The OMV AG Schwechat Oil Refinery
Operations Inside The OMV AG Schwechat Oil Refinery
OMV – (c) Bloomberg (Akos Stiller)

Wien. Das Ergebnis ihrer Strategieprüfung hat die OMV zwar erst für Anfang 2016 angekündigt. Aber was die fortan enge Bindung an die russische Gazprom betrifft, so werden dort wie da bereits die Weichen gestellt.

Wie die „Presse“ erfahren hat, hat der heimische Energiekonzern die Eröffnung eines Büros in Berlin beschlossen. Kein Thema, über das man bei der OMV gern Auskunft gibt. Es sei nicht weiter erwähnenswert, so ihr Sprecher. Man habe schon zuvor Mitarbeiter dort gehabt. Dass man nun beschlossen habe, das Büro auch im Konzernorganigramm anzuführen, habe keinen bestimmten Grund.

Was wie eine Aufwertung Deutschlands aussieht, ist in Wahrheit Teil der vom neuen OMW-Chef, Rainer Seele, ausgerufenen Annäherung an Gazprom. Mit ihr plant die OMV nicht nur einen milliardenschweren Tausch von Vermögenswerten (Asset Swap), wie die „Presse“ kürzlich berichtet hat. Mit der Gazprom bereitet die OMV – und einige andere europäische Versorger – auch den Ausbau der russischen Ostseepipeline Nord Stream nach Norddeutschland vor (Nord Stream 2). Das OMV-Büro in Berlin soll wohl der leichteren Koordination beim Bau der zwei neuen Röhren dienen, mit denen die Leitungskapazität bis 2019 auf 110 Mrd. Kubikmeter verdoppelt würde.

Die Pläne sind nicht nur der EU ein Dorn im Auge. Sie kosten auch Geld. Will die OMV schon für ihre Förderpläne in Russland nach „Presse“-Informationen bis zu zwei Mrd. Euro investieren, braucht sie für ihre zehn Prozent Beteiligung an der Pipeline noch eine weitere Milliarde. Somit wird auch klarer, warum die OMV – wie sie am Montag ad hoc mitgeteilt hat – die Hälfte an ihrem österreichischen Gasleitungsnetz Gas Connect Austria (GCA) verkauft. Insider geben sich im Gespräch verwundert darüber, dass die OMV das absolut krisensichere GCA-Geschäft veräußert. Die OMV müsse eben „profitabler werden, und sie muss dafür mehr Risiko nehmen“, hatte Seele zuvor erklärt.

Auf Gazprom-Seite ist man hingegen um Risikominimierung bemüht. Beim russischen Konzern, der 51 Prozent an Nord Stream 2 halten wird, ist der finanzielle Spielraum nämlich eng geworden. Es könnte gar sein, dass er alles von den anderen Projektteilnehmern vorfinanzieren lässt und nur ein Carried interest anmeldet, sagt Wolfgang Schollnberger, Ex-Chef der Internationalen Vereinigung der Öl- und Gasproduzenten (IOGP): Die Russen würden die Vorfinanzierung dann mit Gaslieferungen abzahlen – aber zu einem Preis, der weitgehend von Gazprom diktiert werde.

Wie auch immer: OMV-Chef Seele beginnt, Wien auf das Vorhaben einzustimmen: Am 9. November führt er mit Deutschlands Ex-Kanzler Gerhard Schröder in der Hofburg ein sogenanntes Energiegespräch. Schröder ist Vorsitzender im Aktionärsausschuss der jetzigen Nord Stream. Als ihr Geschäftsführer fungiert Matthias Warnig, Ex-Stasioffizier und Wladimir Putins Vertrauensmann in vielen Aufsichtsräten russischer Staatskonzerne. Ein eingespieltes Team, dem auch Seele angehört, hat er doch mit Wintershall an Nord Stream 1 mitgemacht. Bei Nord Stream 2 wird der Teilnehmerkreis um die OMV, Shell und die französische Engie erweitert. Ohne Seele wäre die OMV wohl kaum dabei, so Walter Boltz, Vorstand der E-Control.

 

Kollision mit der EU

Mit der OMV hingegen sieht Gazprom eine noch größere Chance, in Europa wieder salonfähig zu werden, nachdem man über Jahre im Clinch gelegen hat und angesichts der Ukraine-Krise im Vorjahr auch das Pipeline-Projekt South Stream durch das Schwarze Meer bis nach Wien geplatzt war. Dieses Scheitern sei auch ein Versagen der EU, erklärt Boltz, denn Gazprom sei zwischenzeitlich sogar bereit gewesen zu akzeptieren, dass South Stream dem EU-Recht unterliegt und man Leitungskapazitäten für alternative Lieferanten bereitzustellen habe.

Dass sich EU-Energiekommissar Maroš Šefčovič nun über die Erweiterung der Nord Stream echauffiert, die durch ihre Geografie nicht dem EU-Recht unterliegt und daher wirklich eine russische Pipeline ist, ist fadenscheinig. „Wie verträgt sich das mit unserer Strategie, die Lieferungen zu diversifizieren?“, fragte der EU-Energiekommissar im Gespräch mit der „Welt“. Bei der OMV sieht man dieses Problem nicht. Nord Stream 2 stehe nicht im Widerspruch mit der EU-Strategie, „da ja weitere Gasmengen – auch aus Russland – benötigt werden“, so die OMV.

Seele selbst gibt sich im Interview mit der „Presse“ als Anhänger der Diversifizierung. In seinem Interview mit der russischen Wirtschaftszeitung „Wedomosti“ im August hat er jedoch klargestellt, man könne etwa Gas aus dem Gas-Eldorado Turkmenistan, zu dem die EU seit Jahren einen direkten Pipelinezugang sucht, „sehr effizient über Russland nach Europa liefern“. Heißt im Klartext: Wenn schon Gas von dort, dann sollte Russland als Transitland mitverdienen.

Nord Stream 2 ist für ihn jedenfalls trotzdem ein „durch und durch europäisches“ Projekt. Dass es „im Herzen Europas“ endet, wie er betont, ist aber unrichtig. Das deutsche Greifswald liegt an der Ostsee. Wer den Gastransport von dort nach Baumgarten organisiert und finanziert, ist völlig offen. Die OMV: „Der Infrastrukturbedarf für den Transport nach Baumgarten und in andere europäische Länder wird analysiert. Es ist davon auszugehen, dass auch ein großer Teil vorhandener Infrastruktur genutzt werden kann.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.10.2015)

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