Ein "Wiener Ring" am Finger

Der Goldschmied Stefan Nikl produziert zum Ringstraßenjubiläum ein ungewöhnliches Schmuckstück. Besuch bei einem Familienunternehmen, das auf Individualismus setzt.

Hier werden die Leopoldstädter Schmuckunikate produziert: Goldschmied Stefan Nikl in seiner kleinen Werkstatt.
Hier werden die Leopoldstädter Schmuckunikate produziert: Goldschmied Stefan Nikl in seiner kleinen Werkstatt.
Hier werden die Leopoldstädter Schmuckunikate produziert: Goldschmied Stefan Nikl in seiner kleinen Werkstatt. – Die Presse

Sie sind Freunde von Jugend an. Der eine ist Goldschmied, der andere ist Designer. Und so führten sie immer wieder lange, lange Diskussionen, was denn gutes, was schlechtes Design ausmache. Und irgendwann war die Idee geboren: Die Wiener Ringstraße wird doch gern als „Wiener Ring“ bezeichnet, warum nicht eine Verbindung schaffen? Noch dazu, da die Ringstraße 2015 ihr 150-Jahr-Jubiläum feiert? Also setzte sich Siegfried Baumgartner hin und entwarf einen „Wiener Ring“. Ein Schmuckstück, das die Form der Ringstraße hat und unten – dort, wo sich der Franz-Josefs-Kai befindet – offen ist.

„Es wundert mich immer noch, dass das in den 150 Jahren keinem Goldschmied in Wien eingefallen ist“, amüsiert sich Stefan Nikl, der die Idee Baumgartners dann in seiner Werkstatt im zweiten Bezirk umsetzte. Es dauerte noch einige Zeit, bis das Projekt produktionsreif war, aber pünktlich zum Beginn des Jubiläumsjahres 2015 war der Ring-Ring auf dem Markt. „Das Ringstraßenjubiläum hat uns und unserem Produkt viel Publicity gebracht“, zeigt sich Nikl zufrieden.


Spezialanfertigung. Und auch Nachfrage: Daher gibt es den „Wiener Ring“ in allen möglichen Sonderanfertigungen – mit Edelsteinen und persönlicher Gravur oder in den klassischen Formen in Gelb-, Rot- oder Weißgold. Das Grand Hotel am Ring bestellte Spezialanfertigungen in einer Schmuckschachtel. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt – nur das Grundprinzip, der äußere Verlauf der Ringstraße, bleibt in allen Modellen gleich.

Nikl führt den Goldschmiedbetrieb in der Taborstraße schon in dritter Generation. Der Großvater hat das Geschäft in den Dreißigerjahren aufgebaut, der Vater hat es dann in den Sechzigerjahren eher als Werkstätte geführt, die für andere produziert hat. Sohn Stefan Nikl (geb. 1975) hat die Meisterprüfung gemacht, eine Ausbildung zum Edelsteinfachmann absolviert und an der FH der Wiener Wirtschaft Unternehmensführung studiert. Als er das Geschäft 2001 übernahm, entschied er sich, vom B2B-Geschäft wegzugehen und sich wieder mehr dem direkten Kundenbereich zuzuwenden. „Das war eine schwierige Entscheidung“, erinnert sich der Goldschmiedmeister. Denn man verliere dadurch sicheren Umsatz und sei auf möglicherweise schwankende Nachfrage angewiesen.

Er hat es trotzdem gemacht – und nicht bereut. Obwohl die Schmuckbranche „ein leicht gesättigter Markt“ ist. In den vergangenen Jahren mussten mehrere Unternehmen zusperren, oft auch deshalb, weil es keinen Nachfolger gab. Zudem hat sich auch das Konsumentenverhalten geändert. „In den Siebziger- und Achtzigerjahren galt Schmuck noch weit mehr als Statussymbol, für das viel ausgegeben wurde“, fügt Seniorchefin Doris Mikl hinzu, die den Familienbetrieb aktiv in Verkauf und Administration verstärkt; heute würden die Menschen bei den Ausgaben mehr streuen, etwa für Haushalt, Wellness und Reisen Geld ausgeben.

Man müsse als kleiner Goldschmiedebetrieb Nischen finden, sagt Stefan Nikl. Zum Beispiel eine Nachfrage bedienen, die vorher nicht da war. Der „Ring“ ist so ein Beispiel. „Da ist plötzlich Interesse auch bei Leuten aufgetaucht, die nicht so schmuckaffin sind.“ Wichtig sei vor allem das individuelle Service. Die Kunden wollten mit jemandem sprechen, der ihre persönlichen Wünsche versteht und übernimmt. „Wenn man dann noch gutes Design und Handarbeit anbietet, dann überlebt man auch als Goldschmied.“

Und was ist mit der Konkurrenz aus dem Internet? Viele Menschen würden das Netz vor allem dazu verwenden, um Preise zu vergleichen. „Aber wir fertigen Unikate, die kann man nirgendwo sonst finden und daher auch nicht vergleichen“, sagt Nikl. Wenn überhaupt, dann sei am besten der Diamantenmarkt weltweit zu vergleichen.

Am meisten nachgefragt sind aber immer noch Ehe- und Verlobungsringe in jeder Ausführung. Das seien emotionale Elemente im Leben der Betroffenen, da wolle man individuelle Produkte. „Wenn man einen Ring schenkt, dann hat das eine tiefere Bedeutung als das Schenken von Ohrringen, Siegelringen oder Anhängern.“

Die Familien-Goldschmiede ließ sich schließlich nach mehreren Stationen in Wien Anfang der 80er Jahre in der Taborstraße 79 nieder. Hinter dem Verkaufsbereich befindet sich abgetrennt die Werkstatt; eigentlich ist es nur eine Zimmer-Küche-Wohnung, die zu einer Werkstatt umfunktioniert wurde. Auf den Arbeitsplätzen liegt das Werkzeug für die künstlerische Feinarbeit: Feilen, Lötkolben, kleine Sägen, Zieheisen, dazwischen Schälchen mit Rohprodukten und ein kleines Ultraschallgerät zum Reinigen von Steinen.

Hier setzt der Goldschmied also die Wünsche seiner Kunden um. Manchmal hilft die Freundin, manchmal der designaffine Freund, fallweise auch eine Schülerin aus jenem Gymnasium, in dem Nikl Goldschmiedkunst unterrichtet. Gern erzählt er auch von den technischen Details der Schmuckfertigung; etwa dass Legierungen selbst hergestellt würden, und zwar in kleinen Schmelzschalen, dass es neben Weiß- und Rotgold auch ein Rosé-Gold und ein Grün-Gold gebe und dass es schade sei, dass es für Platin in Österreich keine Nachfrage gebe.


Ein Kamm aus Gold. Die Wünsche der Kunden sind sehr vielfältig. So lässt sich ein Paar einen Ring fertigen, der genau die Form eines kleinen Astes aus ihrem Garten hat. Produziert wurden auch schon ein Rasierer und ein Kamm aus Gold, gedacht jeweils für Friseure.

Aber auch Modernes hat Platz in der Werkstatt. „Man kann mit speziellen Computerprogrammen Schmuckstücke am PC designen und mittels 3-D-Druckers ein Modell in gehärtetem Harz herstellen“, sagt Nikl. Diese seien vor allem als Demonstrationsobjekte gedacht, damit die Menschen eine bessere Vorstellung von ihrem Produkt bekommen. Nikl zu diesem Trend: „Wir verschließen uns vor neuen Technologien nicht. Aber wir wollen auch unseren Wurzeln nicht untreu werden.“

der ring

Die Idee: In der Form der Wiener Ringstraße wurde ein Ring entworfen, der auf einer Seite – dort, wo sich der Kai befindet – offen ist. Also ein Ring-Ring. Im Bild liegt der Ring in einer Schmuckschachtel, die den ersten Bezirk darstellt.

Das Unternehmen: Die Goldschmiedwerkstatt in der Wiener Taborstraße 79 ist ein Familienunternehmen in dritter Generation. Als kleiner Betrieb setzt der Chef, Stefan Nikl, auf Individualismus und auf Nischen.

Clemens Fabry

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2015)

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