Wie man aus der Kunst eine Firma macht

Mehr als eine Urban-Art-Galerie: Der Rabbit Eye Movement Art Space verknüpft in Wien Mariahilf Galeriebetrieb mit Agenturarbeit, Künstlervermittlung, Concept-Store und Szenetreffpunkt.

Sie sind einfach dem weißen Hasen gefolgt. 2005 hatte der österreichische Street-Art-Künstler Nychos – in Wien berühmt für die meterhohen Wandgemälde, die er auf Hausmauern malt – damit begonnen, weiße Hasen auf Wände zu sprühen: „Rabbit Eye Movement“, R.E.M. also, nannte er das Konzept. Die weißen Hasen waren eine Hommage an all die Menschen, die in der Urban-Art-Szene aktiv sind – an die „Rabbits“, wie Nychos sie nennt.

Sieben Jahre lang malte der Künstler die Hasen an Wände auf der ganzen Welt. Dann, 2012, gab er ihnen eine Heimat im Herzen Wiens: In der Gumpendorfer Straße eröffnete er den Rabbit Eye Movement Art Space, der heute mittlerweile als Galerie, Concept-Store und Kaffeehaus betrieben wird. Eine Plattform für alle „Rabbits“, „egal, welche Richtung sie verfolgen“, wie Nychos es beschreibt.

Ein Art Space – „das ist Galerie und mehr“, sagt Katrin Ecker-Eckhofen. Sie betreibt das Rabbit Eye Movement. Im hinteren Teil des Ladens hat sie einen schlichten, eleganten weißen Tisch, Macbook und Designerlampe stehen darauf.

Um sie herum hängen Bilder von Uptown Danny, einem Hamburger Künstler und Tätowierer. Manche Werke sind – wie bei Street Art üblich – direkt an die Wand gesprüht. Seit November 2015 läuft die Ausstellung, und wer will, kann über den Art Space auch Termine buchen, um sich vom Künstler tätowieren zu lassen. Ein Beispiel dafür, wie internationale Gäste auch in Österreich Fuß fassen. Umgekehrt kommt es häufiger vor, dass Interessierte Wandgemälde der internationalen Gäste bestellen – und diese für den Auftrag einfliegen lassen.

Das „Mehr“ der Galerie ist ein Shop, in dem man Kunstdrucke und Bücher zu Urban Art oder Comics kaufen kann, außerdem gibt es Kleidung, Taschen, Hauben, Kappen, allesamt sind sie mit dem Logo des Rabbit Eye Movement, dem charakteristischen weißen Hasen über gekreuzten Knochen, versehen. Die Caféecke werde vor allem von Touristen frequentiert, die von der besonders bunten Fassade des Ladens in der ohnehin schon bunten Gumpendorfer Straße angelockt würden, sagt Ecker-Eckhofen. Deswegen serviert sie Melanges und Mokkas mit Mannerwaffeln, nicht Cappuccini und Espressi mit Amarettini: Für Wiener Kaffeehaustradition müsse Platz sein in dem minimalistischen, in Schwarz und Weiß gehaltenen Art Space, findet sie.

Lieber bunt statt Monopol. Eine bloße Galerie war der Art Space in der Gumpendorfer Straße noch nie – selbst wenn die großen Showeröffnungen und Partys auch zum Repertoire gehören. Ecker-Eckhofen sieht das viel zu realistisch: „In Wirklichkeit unterscheidet sich das Management einer Galerie nicht von wirtschaftlichem Management“, sagt die 29-Jährige. Sie zählt die verschiedenen Einnahmequellen des Rabbit Eye Movement auf – und sagt auch, wie unterschiedlich die Erträge sein können. Neben dem Shop- und Kaffeehauskonzept in der Galerie betreibt das Rabbit Eye Movement auch einen Webshop, verkauft nicht nur Originale, sondern auch Siebdrucke.

Und ist neben all dem auch eine Künstleragentur. Mit dem Wissen und den Kontakten in die Urban-Art-Szene vermittelt sie die passenden Künstler an Kunden, die Wände gestaltet haben wollen. Büro-, Restaurant- oder Hausbesitzer – Gemälde auf Hauswänden sind in Wien schon längst en vogue, und der Kundenstamm ist breit gewachsen. Der Künstlerstamm ebenso, sagt Ecker-Eckhofen: „Wenn wir merken, zu den Wünschen eines Kunden passt ein neuer Artist besser, den wir noch nicht im Programm hatten, arbeiten wir eben mit diesem zusammen.“ Ganz generell versucht das Rabbit Eye Movement, einen offenen, unkomplizierten Umgang mit der Konkurrenz zu pflegen – was in Wien auch relativ einfach ist.

Die einzige andere Street-Art-Galerie der Stadt, die Inoperable Gallery, schloss erst im vergangenen Herbst ihre Pforten – nachdem Nicholas Platzer, einer der Betreiber und gebürtiger US-Amerikaner, zurück in die Staaten ging. Die andere Hälfte des Inoperable-Duos, Nathalie Halgand, eröffnet Ende Februar zwar wieder eine Galerie, diesmal aber mit einem um zeitgenössische Kunst erweiterten Fokus. Dafür gab es in den letzten zwei Sommern mit „Calle Libre“ ein erstes echtes Street-Art-Festival in Wien.

Zumindest etwas. Ecker-Eckhofen seufzt, wenn sie von der kleinen Wiener Szene spricht. „Es wäre mir lieber, es gäbe mehr Galerien oder Agenturen in dem Bereich. Dann wäre es bunter.“ Als Kunstliebhaberin sei ihr das wichtiger als irgendein Monopol, sagt sie.

Wie wird man eigentlich Galeriebetreiberin? Braucht man dafür einen Graffiti-Sprayer-Background? „Nein“, sagt Ecker-Eckhofen – und lacht. „Das läuft eigentlich ziemlich klassisch ab. Es gab ein Bewerbungsgespräch, und ich wurde genommen.“

Ihre Tätigkeiten haben nicht nur mit Kunst zu tun – Nychos ist nicht nur Gründer, sondern auch Besitzer des Rabbit Eye Movement, er gibt den Ton an. „Ich muss genauso auch die Buchhaltung machen können“, sagt die Kunstgeschichteabsolventin.

Zu ihren Aufgaben zähle außerdem die Veranstaltungsplanung – im Moment betreut das Rabbit Eye Movement ein Festival in Oberösterreich. „Da organisieren wir alles, von der Hebebühne bis zum Material. Wir sind in dem Feld einfach Experten.“

Kreatives Management. Auch wenn Arbeiten bei Künstlern in Auftrag gegeben werden, kann die Agentur die gesamte Ausstattung besorgen und die Organisation der Arbeit übernehmen. Das werde höchst unterschiedlich gehandhabt, sagt Ecker-Eckhofen. Auch bei der Verrechnung von Arbeiten gebe es Spielräume. Meistens kümmere sich die Agentur auch gleich um die Anschaffung des Materials, das ein großer Kostenfaktor sei. Kümmert sich der Künstler selbst darum, „dann bekommen wir als Agentur natürlich weniger“, erklärt sie. Ähnlich sei es auch bei dem Verkauf von Werken in der Galerie. „Wir schauen dann: Wer hat den Flug bezahlt? Wer die Unterlagen besorgt? Wie viel Aufwand hatten wir, wie viel der Künstler? Im Endeffekt sucht man immer nach einem fairen Deal.“

Eine Anzahl von Mindestverkäufen im Monat zum Überleben der Galerie gebe es nicht. „Die verschiedenen Geschäftszweige sind auch immer unterschiedlich stark profitabel“, mal sei etwa der Verkauf, mal die Künstlervermittlung besser. Förderungen habe das Rabbit Eye Movement noch nie in Anspruch genommen, sagt Ecker-Eckhofen. Das sei auch noch nie in Frage gekommen: „Im Galeriebetrieb ist es so, dass du oft sehr flexibel sein musst – also auch schnell einmal Geld brauchst.“ Sie habe die Erfahrung gemacht, dass Förderungen immer „viel Bürokratie bedeuten“ und im Umkehrschluss zu langsam seien für den Alltag in einer Galerie. Ausgeschlossen sei das Inanspruchnehmen von Förderungen für sie aber nicht: „Speziell in Wien ist es so, dass Förderungen eher auf Projektbasis vergeben werden.“ Wenn es zu einem langfristig planbaren Projekt komme, werde sie sich damit auseinandersetzen.

Ganz generell nennt Ecker-Eckhofen ihre Arbeit für das Rabbit Eye Movement „kreatives Management“. Für die Öffentlichkeitsarbeit hat sie eine Person, manchmal zwei, zur Verfügung. Die Entwicklung und Evaluierung des Konzeptes spiele eine ebenso große Rolle. „Wir müssen darauf achten: Passt das zu uns, passt das zusammen?“ Wie viele Veranstaltungen organisiert werden, hänge mit der generellen Projektlage zusammen: „Es gibt da kein richtiges Maß. Wenn wir viel in der Agentur zu tun haben, gibt es eben weniger Veranstaltungen.“

Zudem werde der Art Space auch als Informationsstelle, nicht nur als Galerie genutzt. „Leute, die sich austauschen wollen, egal ob Künstler oder Kunden, kommen hierher.“ Nychos ist in Wien dafür bekannt, einer der ersten Graffiti-Sprayer am Donaukanal gewesen zu sein. Heute ist er international eine Größe in der Urban-Art-Szene. Davon profitiert sein Laden in Wien – sein Name hilft auch, bekannte Künstler in die Stadt zu bringen. Und er hat dazu beigetragen, die Street-Art-Szene zu professionalisieren. „Am Donaukanal zu sprayen ist heute zum Glück normal“, sagt Ecker-Eckhofen. Denn jeder Künstler brauche eine Plattform, um zu wachsen. „Wir wollen eine Anlaufstelle sein für Menschen, die diese Kunst mögen, und für Menschen, die diese Kunst machen. Diese beiden Gruppen wollen wir verknüpfen.“

Die Galerie als Firma

Kein reiner Galeriebetrieb
Der Rabbit Eye Movement Art Space in der Gumpendorfer Straße 91 im sechsten Wiener Bezirk existiert seit 2012. Dort werden Kunstwerke von Street-Art-Künstlern ausgestellt und verkauft. Doch auch andere Standbeine gibt es: In dem Art Space gibt es Kleidung und Bücher mit thematischem Fokus, Kunstdrucke und Kaffee gibt es ebenfalls. Zudem fungiert das Rabbit Eye Movement als Agentur, die Künstler für Aufträge sucht und vermittelt.

Kunst und kreatives Management
Besitzer des Art Space ist der Street Artist Nychos, geleitet wird er von der Kunsthistorikerin Katrin Ecker-Eckhofen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.02.2016)

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